Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1350.

Literatur und Kunst

Klang-voller Segen

Mit dem Neubau der Philharmonie am Ort der alten deutschen setzt Stettin auf Kontinuität und Moderne

Klang-voller1So unerhört waren die Worte von Krzysztof Soska nicht, weil man sie doch schon mehrfach gehört hat: „Wir wollen damit zum Ausdruck bringen, dass Stettin eine deutsche Stadt war“, sagte der stellvertretende Stadtpräsident der Metropole Westpommerns.

Der Anlass zu diesem und weiteren Sätzen war freudig und bedeutend zugleich. Er sprach ihn am 5. September anlässlich der Eröffnung des Neubaus der Philharmonie, die sich nicht nur an derselben Adresse wie die alte befindet, nämlich unweit des Königstores, Augustastraße 48 (heute uliza Malopolska); sie erhebt sich auch auf denselben Grundrissen wie ihre Vorgängerin, die Soskas Vor-Vorgänger im Amt, Hermann Haken (nach dem der Terrassenboulevard am Oderufer benannt ist), 1884 errichten ließ und die nach schweren Zerstörungen im Weltkrieg 1962 vollständig abgerissen wurde.

Solche Zeichen erlebt man doch nicht alle Tage. „Das neue Haus am alten Platz setzt ein Zeichen der Kontinuität“, spannte Soska den Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft.

Für diese sieht nicht nur er seine Stadt als Zentrum der ganzen Region West- und Vorpommern in enger Verbindung mit dem Nordosten des heutigen Landes Brandenburg. Dort, wo durch ökonomischen Wandel vor 25 Jahren ein demographischer mit verheerenden Folgen für kleinere Orte und die Infrastruktur einsetzte, suchen und finden heute junge Familien aus der überbevölkerten 400 000-Seelen-Metropole Stettin Platz zum Leben. Sie gebieten so nicht nur der schleichenden Verödung Einhalt, sie sind auch, selbst mit ihrer Tätigkeit in der nahen polnischen Großstadt, Steuerzahler in deutschen Landen. Längst orientieren sich die verbliebenen kleinen und mittleren Wirtschaftszentren westlich der Oder am Magneten vom Haff. In Schwedt wurde bereits vor gut zehn Jahren der Binnenhafen ausgebaut.

Natürlich nicht für Ueckermünde oder Pasewalk. Im fernen Schwerin erwägt die dortige Landesregierung Maßnahmen gegen ein weiteres Ausdünnen der Kulturlandschaft in ihrem „fernen Osten“. Da tut sich für Freunde gehobener Kultur mit der Stettiner Philharmonie eine Möglichkeit erster Güte auf.

Klang-voller2Der Bau, vom Katalanen Alberto Veige und seinem italienischen Partner Fabrizio Barozzi entworfen und für nur 30 Millionen Euro (knapp acht davon aus Brüssel) binnen dreieinhalb Jahren errichtet, wird von Musikern wie Zuhörern ausnehmend gelobt. Bei Beethovens Neunter zu Eröffnung seien beispielsweise alle Frequenzbereiche klar abgestrahlt worden, habe sich der Chorgesang schwebend über Orchester und Solisten erhoben, war der einhellige Tenor. Möglich macht dies der fantastische Bau: Weite Treppen, Oberlichte und ein geschwungenes Wendelgeländer aus gegossenem Beton im Foyer; die Holzwände im Großen Saal (951 Plätze) mit Blattgold überzogen; der Kammermusiksaal (198 Plätze), nahezu stützenlos, gibt einen seltenen Eindruck von Schwerelosigkeit, sein Fußboden ist Decke des Foyer-Cafés. Die äußere Anmutung des Komplexes mag das ästhetische Empfinden manches Betrachters strapazieren. Wenn sich aber an klaren Tagen in den Milchglasscheiben blauer Himmel und weiße Wolken spiegeln, dann dürfte noch der letzte Kritiker beim Anblick der pommerschen Landesfarben nicht nur mit Baumeistern und Architekten versöhnt sein.

Die rasante Entwicklung Stettins sollte auch viele Deutsche, von denen in den vergangenen Jahren einige zuzogen, freuen. Wer auf halbem Weg zwischen der Stadt am Haff und dem großen Berlin lebt, kann sich auf der Suche nach Kultur und Erholung, Spannung und Entspannung, Sport und Gastronomie zwischen beiden entscheiden. Nicht ausgeschlossen, dass mit der Philharmonie der Anteil jener, die nach Nordosten fahren, beträchtlich wächst. Ein Segen ist das.

Ralf Nachtmann (KK)

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