Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1350.

Literatur und Kunst

Die „dunklen Flöten des Herbstes“

Mit Rauschgift entzog sich Georg Trakl dem Krieg und der Welt und hinterließ ihr den Reiz und das Rätsel seiner Verse

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten,
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten…

Die-dunklen-FloetenZu Trakls 100. Todestag am 3. November 2014 kann man sich fragen: Was würde in der deutschsprachigen Lyrik fehlen, wenn es diese Verse nicht gäbe – und um wieviel wäre diese Lyrik reicher, wenn der Dichter nicht als frühes Opfer des Krieges am 3. November 1914  in Krakau gestorben wäre? Die Literaturwissenschaft bezeichnet den am 3. Februar 1887 in Salzburg Geborenen als österreichischen Dichter des Expressionismus mit starken Einflüssen des Symbolismus. Aber Georg Trakl steht für sich selbst und hat nie eine Einordnung nötig gehabt.

Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in Salzburg, wo er zusammen mit seinen Geschwistern von einer französischen Gouvernante aufgezogen wurde. Durch sie kam Trakl mit französischer Literatur in Kontakt, die noch sein späteres Gesamtwerk prägte. Zu seiner viereinhalb Jahre jüngeren Schwester Margarethe, genannt Gretl, entwickelte sich eine innige Beziehung. Trakl sah in ihr ein Abbild seiner selbst. Der Lyriker nahm an vielen Stellen seiner Gedichte auf seine Schwester Bezug. In allen Biographien wird auch eine inzestuöse Beziehung vermutet. In Trakls Gedichten wird Margarethe Trakl als Fremdlingin und Jünglingin bezeichnet.

Nachdem er sich durch ein Pharmaziestudium gequält hatte, wurde der Magister im August 1914 als Militärapotheker zum österreichischen Heer einberufen. Er erlebte die Schlacht bei Grodek. Dabei hatte er fast hundert Schwerverwundete unter schlechtesten Bedingungen allein, ohne zureichende medizinische Ausstattung und ohne ärztliche Beteiligung zu versorgen. Trakl hatte keine Möglichkeiten, den Sterbenden zu helfen, zu seiner Verzweiflung. Nach dem Zeugnis seiner Vorgesetzten waren eine halbe Stunde vor der Schlacht dreizehn Ruthenen (damalige Bezeichnung für Ukrainer) an Bäumen vor dem Verwundetenzelt gehängt worden. Trakl erlitt einen Nervenzusammenbruch. Sein Gedicht „Grodek“ zeugt von einer fast unerklärlichen dichterischen Selbstüberwindung, denn Trakl war wohl einer der wenigen, die das Verhalten der k. u. k. Armeeführung in den Schlachten von Grodek und Lemberg als eines der größten Schandstücke überhaupt der Militärführung von 1914 gesehen haben. Wer anders als Trakl hätte selbst dafür noch den grandiosen Vers gefunden: „und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes“!

Trakl wurde durch Kameraden an einem Versuch gehindert, sich zu erschießen, und nach einem Fluchtversuch zur Beobachtung seines Geisteszustandes in ein Krakauer Militärhospital eingewiesen. Am Abend des 3. November 1914 starb er dort nach Einnahme einer Überdosis Kokain an Herzstillstand. Ob es sich dabei um einen Unfall oder um Suizid handelte, ist ungeklärt.

Allerdings sollte nach 100 Jahren eine bisher offenbar noch nie angestellte Überlegung angesprochen werden: Die einzigen gezielten Vorbereitungen auf einen Krieg europäischen Ausmaßes waren Aufmarsch- und Angriffspläne der Generalstäbe.

Taugliche Pläne für die Ernährung der Bevölkerung, ihre medizinische Versorgung und ein „Seuchenmanagement“ gab es nicht, für die Truppen ebensowenig. Wenn eine Steigerung überhaupt möglich war, dann hat Österreich-Ungarn hier noch mehr versagt als die deutsche Führung. Als dann im Wortsinne alles im Dreck steckenblieb, nämlich in dem des Stellungskrieges, gab es bei den untragbaren hygienischen Zuständen an den Fronten für die völlig allein gelassenen Ärzte und Pharmazeuten nur noch einen Ausweg: Opium für die massenhaft Magen- und Darmkranken. Die Kommandierenden haben es offenbar einkalkuliert, dass ein großer Teil der Fronttruppen durch Opium süchtig gemacht wurde. Man kann sich zumindest vorstellen, dass Georg Trakl als Pharmazeut diese „Apokalypse in der Kriegsapokalypse“ durchschaut und versucht hat, sich der ungeheuerlichen Verstrickung durch Suizid zu entziehen. Die Literaturwissenschaft sollte sich die Instruktionen und Befehle an die Militärärzte und -apotheker im Kriegsarchiv in Wien genau ansehen.

Im Werk Trakls überwiegen die Stimmung und die Farben des Herbstes, dunkle Bilder des Abends und der Nacht, des Sterbens, des Todes und Vergehens. Damit hat er wie wohl kein anderer in deutscher Sprache ein unvergleichliches Lebensgefühl benannt. Wenn unter osteuropäischem Oktoberhimmel die Pflugarbeit des Herbstes zu bewältigen war, dann haben in einer fast sakralen Ordnung Ochsengespanne ihre Pflüge durch die eben noch goldleuchtenden Stoppeln gezogen, der schwindende Tag hat sich mit der Abendröte des Herbstes  in den sanften Augen der Rinder gespiegelt.

Aus der Weite der Felder kam Trappenschrei, eben noch hatten die Störche auf ihren Schwingen die Röte des Abends in den Dämmer getragen. Unter den „dunklen Flöten des Herbstes“ glitt lautloser Eulenflug über das ins schwindende Oktoberlicht gleitende Gold der Haferstoppeln. Die Arbeit im sinkenden Herbst war zugleich symbolische Feier. Trakl hat das gespürt und benannt.

Die Moderne, was immer das sein mag, wird durch die genetische Lebenssicht bestimmt. Ununterbrochen wird gefragt, was wodurch, woraus oder wovon entstanden ist. Auch das Mittelalter hat Ansätze zu dieser Sicht gekannt, aber bestimmt wurde die Wahrnehmung der Welt und des Daseins durch die Symbolik, bei der jedes Ereignis ein eigener Vorgang und vor allem Teil einer größeren Dimension im Jenseits war. Diese Lebenssicht hat sich in Osteuropa weit besser erhalten als im Westen und ist mit dem Mittelalter nicht verschwunden. Trakls Werk als Zeugnis des modernen Symbolismus zeigt es. Er hatte enge Bindungen an die französische Literatur und Kultur. Sie ist die einzige Kultur Westeuropas, in der das mythische Verständnis der körperlichen Vereinigung von Frau und Mann als „la petite mort“, „der kleine Tod“, aus dem man zurückkehren kann, aus Antike und hohem Mittelalter erhalten geblieben ist. Für die französische Filmregisseurin Catherine Breillat ist „la petite mort“ fast das einzige Thema ihres Werkes.

Man kann nur spekulieren, ob nicht die Lyrik von Trakl ähnlich wie das Filmwerk von Catherine Breillat im „Roman de la Rose“ wurzelt. Er wurde zwischen 1240 und 1290 von zwei aufeinander folgenden burgundischen Autoren in altfranzösischer Sprache geschrieben und verficht im Grunde nur eine These: dass nämlich die Erbsünde nicht die Unkeuschheit ist, sondern gerade die Keuschheit. Nur durch die Freiheit der Vereinigung von Frau und Mann werde auch die Vereinigung mit dem göttlichen Willen zur Schöpfung erreicht. Die vermutlich von einzigartiger Nähe und Tiefe geprägte „inzestuöse“ Beziehung zwischen Trakl und seiner Schwester Margarethe war ebenso wie seine Lyrik symbolisch geladen. Das Inzesttabu vor allem zwischen Geschwistern hatte von der Antike noch bis in den „Herbst des Mittalters“ (Huizinga) nur nebensächliche Bedeutung. Er wird gemeinsam mit der Schwester den Weg in den „kleinen Tod“ so gegangen sein, dass er bei dem Weg in den „großen Tod“ dem zweiten Brief des Paulus an die Korinther folgen konnte: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht.“

Dietmar Stutzer (KK)

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