Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1350.

Literatur und Kunst

Man kommt auch ohne Gedichte aus

Gerade darum zeichnet der Wangener Kreis den polnischen Dichter Adam Zagajewski mit dem Eichendorff-Literaturpreis aus

Man-kommt-auchAls Höhepunkt der diesjährigen Wangener Gespräche, die im September in Wangen im Allgäu stattfanden, wurde dem polnischen Schriftsteller Adam Zagajewski der Eichendorff-Literaturpreis überreicht. Die Jury würdigte das Werk des 1945 in Lemberg (heute Lviv, Ukraine) geborenen Preisträgers und dessen Einsatz für die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen. In seiner Laudatio bezeichnete der Verleger, Schriftsteller und Übersetzer Michael Krüger (seit Juli 2013 Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München) den in Krakau lebenden Adam Zagajewski als den „weltlichen Mystiker“ – nach Derek Walcott – und einen „Dichter und Essayisten, der zu den bemerkenswerten Schriftstellern der europäischen Moderne zählt“. Krüger, der das deutsche Leserpublikum vor 25 Jahren in der Zeitschrift für Literatur „Akzente“ (Hanser Verlag) auf Adam Zagajewski aufmerksam machte, sagte weiterhin: „99,9 Prozent der Menschen kommen ohne Gedichte aus. Sie lesen Kriminalromane und Börsennachrichten, illustrierte Zeitschriften und Bedienungsanleitungen für Küchengeräte. Bei manchen dauert es lange, bis sie merken, dass etwas fehlt, manche merken es nie. Unsere Welt ist so eingerichtet, dass auch die, die nicht merken, dass etwas fehlt, als unbescholtene Bürger gelten.

Aber es fehlt etwas! Und je länger wir in dieser eingeschlagenen Richtung weiterleben, desto größer werden die Verluste. Die Dichter sind die ersten, die spüren, dass etwas fehlt. Adam Zagajewski ist einer der bedeutendsten unter ihnen. … Es kommt also auf den Leser an, es kommt auf Sie an. Sie haben mit Adam Zagajewski einen der besten europäischen Dichter gewählt, der in seinen Gedichten die große europäische Tradition fortführt; einen polnischen Dichter, der in seinen Essays auf einmalige Weise das europäische kulturelle Erbe verteidigt; einen internationalen Geist, der die Kulturen vergleichen kann; und Sie haben einen wunderbaren Menschen gewählt.“

In der Reihe der Autorenlesungen lasen im Rahmen der Tagung u. a. die aus Mährisch Ostrau stammende Johanna Anderka (Ulm) „Erinnerungen – Neuere Lyrik und Prosa“. Roza Domascyna (Bautzen) las aus letzten Werken über Sprache, Menschen und Landschaft der Sorben, und Monika Taubitz (Meersburg) stellte ihren neuen Roman „Almuts Briefe“ vor.

Die Vortragsreihe eröffnete Dr. Klaus Hildebrandt (Nürnberg), der Vorsitzende der Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft, mit einem Vortrag zum 100. Geburtstag von Ernst Günther Bleisch, dem ersten Eichendorff-Preisträger und langjährigen Vorsitzenden des Wangener Kreises. Dr. Christian Greiff (Diessen a. A.) erinnerte an den schlesischen Dichter und Theatermann Karl von Holtei und an die gemeinsamen Wanderjahre Holteis mit Julius Rochow, einem Vorfahren des Referenten.

Dr. Maciej Łagiewski, der Direktor des Städtischen Museums in Breslau, sprach über den aus Siemianowitz stammenden Maler Max Odoy (1886–1976) und nahm anschließend drei Nachkriegsbilder des Künstlers entgegen, Schenkungen von Dr. med. Wolfgang Braun und Vera Stiller (beide Wangen). Die Galerie der Breslauer Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts im Westflügel des ehemaligen Schlosses von Preußenkönig Friedrich II., wo das Museum untergebracht ist, wird jetzt auch diese Ölbilder des schlesischen Malers, der an der Breslauer Kunstakademie studierte und später selbst Zeichenkurse für Lehrer gab, zeigen können.

Aus Anlass des hundertjährigen Gedenkens an den Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, mit dem die Entstehung des Notgeldes einherging, sprach Johannes Rasim (Werl) allgemein über die verschiedenen Phasen des Notgeldzeitalters (1914–1924) und über die Darstellungen der Schriftsteller auf dem Ersatzgeld (v. a. Fritz Reuter, Eichendorff und Goethe), das als Sammelobjekt innerhalb weniger Jahre populärer wurde als Briefmarken. Die Zeit der Inflationsjahre 1922/1923 beleuchtete der Referent an Hand des Briefwechsels zwischen den Schriftstellern Paul Mühsam und Arthur Silbergleit und der Tagebuchaufzeichnungen von Paul Mühsam in Görlitz sowie durch autobiographische Darstellungen von August Scholtis in „Ein Herr aus Bolatitz“.

Untermalt durch Riesengebirgsmotive auf Notgeldscheinen, erinnerte Stefanie Kemper (Maierhöfen) an den vor 150 Jahren in Habelschwerdt geboren Schriftsteller Hermann Stehr. Während der Tagung war im Giebelsaal der Badstube die Ausstellung „Bilder – Sprache – Musik“ von Ju Sobing (Radebeul) zu sehen.

Bei der Mitgliederversammlung der diesjährigen Wangener Gespräche wurden die Vorsitzende Stefanie Kemper sowie Hermann Spang (Wangen) und Johannes Rasim in ihren Vorstandsämtern bestätigt. Die nächste Tagung, die der Wangener Kreis – Gesellschaft für Literatur und Kunst „Der Osten“ e. V. alljährlich in Verbindung mit der Stadt Wangen im Allgäu und der Stiftung Kulturwerk Schlesien (Würzburg) organisiert, findet vom 24. bis zum 27. September 2015 statt.

Johannes Rasim (KK)

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