Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1350.

Literatur und Kunst

Der Perlchenfischer

Bohumil Hrabal als „Schriftsteller – Tscheche – Mitteleuropäer“ im Literaturhaus Berlin

Der-Perlchenfischer1Im Berliner Literaturhaus wird derzeit die schöne Ausstellung „Wer ich bin. Bohumil Hrabal: Schriftsteller – Tscheche – Mitteleuropäer“ gezeigt. Sie wurde konzipiert vom Museum der Tschechischen Literatur in Prag (Památník národního písemnictví / PNP) und zeigt viele Bilder aus dem Leben des berühmten böhmischen Autors. Bohumil Hrabal, der vor 100 Jahren in Brünn geboren wurde, ist einer der wenigen tschechischen Schriftsteller, dessen Werk Weltruhm erlangte. Er kam am 24. März 1914 in Brünn als uneheliches Kind zur Welt. Als seine Mutter Marie Kiliánová 1920 František Hrabal, den Buchhalter einer Brauerei in Polna bei Iglau, heiratete, nahm dieser Bohumil als Sohn an. Die Familie zog nach Nimburg/Nymburk in Mittelböhmen um. Hrabal studierte von 1935 bis 1946 Jura in Prag und arbeitete später bei der Bahn, als Handelsvertreter, als Altpapierpacker und in einem Stahlwerk. Erst ab 1963, als seine erste Sammlung von Erzählungen, „Perlchen auf dem Grund“, veröffentlicht wurde, lebte er als freiberuflicher Schriftsteller. Ab 1956 war er mit der deutschen Mährerin Elisabeth/Eliška Pleva glücklich verheiratet. Nach dem Scheitern des Prager Frühlings 1968 erhielt er in der CSSR Publikationsverbot, das erst 1975 gelockert wurde.

Vor die Entscheidung gestellt, im Exil seine künstlerische Heimat zu suchen und die Nähe seines einheimischen Publikums zu verlieren, entschied er sich für einen ihm von den Machthabern abgepressten Kompromiss. Bis 1989 konnten viele seiner Bücher nur in Exil-Verlagen und als Samizdat publiziert werden. Nach der Samtenen Revolution 1989 erhielt der Dichter für seine Werke zahlreiche Ehrungen und Preise und unternahm Lesereisen. Er starb 1997 auf tragische Weise nach einem Sturz in Prag, als er sich aus dem Fenster seines Krankenzimmers beugte, angeblich zum Taubenfüttern.

Aus der Mitte Europas heraus reichen Hrabals Texte in die k. u. k. Monarchie zurück, streifen die erste Tschechoslowakische Republik, dann deren Zerschlagung durch die deutschen Besatzer, um später mit Staunen und ohne Illusionen auf eine Nachkriegszeit zu blicken, die Hoffnungen auch auf künstlerische Befreiung und auf einen gesellschaftlichen Frühling geweckt hatte, aber schließlich in grauer Unfreiheit und ideologischer Herrschaft erstarrte. Reale Lokalitäten (und Lokale) waren für ihn wichtig, denn sie inspirierten seine Prosawerke und Gedichte unmittelbar – und so läßt sich in der Ausstellung und bei den Begleitveranstaltungen das großartige literarische Schaffen des Schriftstellers, Tschechen und Mitteleuropäers Bohumil Hrabal mitsamt den Landschaften entdecken, in denen sich seine Lebensgeschichte und seine Geschichten abspielen.

Der-Perlchenfischer2Die Ausstellung im Berliner Literaturhaus präsentiert in Bildern, Texten und kleinen Videofilmen Hrabals Stationen als Jurastudent, einfacher Arbeiter, verfolgter Schriftsteller und schließlich erfolgreicher Autor: seine Kindheit und Jugend in Brünn-Zidenice und Nimburg, seine Arbeitsstätten im Hüttenwerk in Kladno oder an einer Altpapiersammelstelle in Prag und seinen Wohnort Prag-Liben, wo er von 1950 bis 1973 lebte. Danach zogen die Hrabals in eine Neubauwohnung in Prag-Kobylisy, weilten jedoch auch oft in einem Sommerhaus in Kersko bei Nimburg, wo er zahllose Katzen hielt, was seinen Niederschlag in dem zauberhaften Büchlein „Die Katze Autitschko“ (2000) fand.

Auf künstlerischer Seite wird die Inspiration durch befreundete Künstler und Schriftsteller, etwa den Philosophen Egon Bondy und den Künstler Jiri Kolar, mit schönen Exponaten dokumentiert, auf privater Seite auch das Leben seiner deutschen Frau Elisabeth Pleva. Hier wird allerdings die Vertreibung ihrer deutschen Eltern, des Fabrikantenpaars Pleva aus Lundenburg in Südmähren, nach Kriegsende, schamhaft verlogen immer als „Auswanderung“ dargestellt. Die Ehefrau wird penetrant als „Eliška Plevová“ bezeichnet und ihr Verbleiben in der Tschechoslowakei mit ihrem Grundschulunterricht an einer tschechischen Schule recht fragwürdig begründet. Tatsächlich musste sie nach Kriegsende Zwangsarbeit leisten und erlebte die Ächtung, Misshandlung und Vertreibung der Deutschen.

Hrabal selbst schätzte die kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen der Deutschen in Böhmen und Mähren hoch, wie sich ausführlich beispielsweise in seinem Buch „Das Dorf, in dem die Zeit stehenblieb“ (1997) über seinen Heimatort Nimburg nachlesen lässt, und kritisierte auch die Vertreibung, etwa mit der Formel „Ein Unterkiefer für einen Zahn“ ( „Zahn um Zahn“).

Dies alles wird hier ausgespart. Dennoch ist die Schau sehenswert: Neben rührenden Exponaten wie Hrabals Hut, einer seiner Schreibmaschinen oder einem Nimburger Bierfass beeindruckt die Ausstellung mit wunderbaren Zeichungen, Autographen, Manuskripten und Briefen des Dichters wie auch vieler seiner Begleiter und Freunde. Hier sind literaturgeschichtliche Schätze zu sehen, die nicht alle Eingang in die schöne Begleitbroschüre von Tomáš Pavlícek vom Museum der Tschechischen Literatur in Prag fanden, die von Lutz Dittrich vom Berliner Literaturhaus auch gut übersetzt wurde.

Susanne Habel (KK)

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