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Ausgaben: Ausgabe 1354.

Literatur und Kunst

Polnischer Einspruch gegen Theodor W. Adorno

Die Diskussion zum Holocaust findet in der polnischen Literatur einen angemessenen Rahmen

Polnischer-EinspruchPolen und Juden verbindet eine über tausendjährige Geschichte. Sie reicht von einer langen Periode der religiösen Toleranz und eines relativen Wohlstands der jüdischen Bevölkerung des Landes bis zu ihrer fast vollständigen Vernichtung während der deutschen Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg. Kein Wunder, dass die meiste Literatur über die Vernichtung aus diesem Land kommt. 75 Jahre nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs diskutiert Polen, wie die Literatur dieses Landes den Holocaust erzählt.

Die europäische Kultur basiere auf jüdischen und biblischen Motiven, meint der Beauftragte des Woiwodschaftsmarschalls für nationale und ethnische Minderheiten in Ermland und Masuren, Wiktor Marek Leyk. „Wir alle sind Nachkommen Abrahams, somit sind wir gewissermaßen alle Juden. Juden trugen und tragen immer noch stark zur Weltzivilisation bei. Wir entdecken ihre Spuren um uns herum, sie sind weiterhin unsere Nachbarn“, so Leyk wörtlich.

Der vorjährige Preis der Krakauer Buchmesse zeigte, dass die Themen Judentum und Holocaust in Polen immer noch lebendig sind. Mit dem nach dem polnischen Diplomaten, Geographen und Historiker Jan Długosz benannten Preis wurde das Buch „Polski teatr Zagłady“ (Krytyka Polityczna, 2014), „Das polnische Theater der Vernichtung“, von Grzegorz Niziołek geehrt. Wir lesen darin: „Den Holocaust zu erzählen ist ohne Worte wie »Spiel«, »Maske«, »Illusion«, »Regie«, »Rolle«, »Bühne«, »Kulisse«, »Tragödie«, »Opfer« nicht möglich. Die Überlebenden würden sich gerne »Komödianten« nennen, die nur dank dem »Spiel« überlebt haben. Die Zeugen des Geschehens würden gerne im Schatten des Publikums versteckt bleiben. Und die Täter würden ihre Taten als »tragisch« bezeichnen, wenn man es ihnen erlaubte.“ (Alle literarischen und Buchzitate in diesem Artikel in meiner Übersetzung – A. Ł.) Aus theatralischer Perspektive ist alles Inszenierung.

Insbesondere das Theater selbst natürlich. „Nach 1945 wurde das polnische Theater zu einem besonderen, außergewöhnlichen Zeugnis der Vernichtung“, meint Professor Niziołek aus Krakau. „Sicherlich haben nicht alle die Vernichtung persönlich gesehen, sie wussten jedoch, was auf polnischem Boden passiert ist. In avantgardistischen Inszenierungen wurde das Publikum bewusst zu dessen Zeugen gemacht. Die berühmten Inszenierungen von Tadeusz Kantor im Cricot-Theater oder von Jerzy Grotowski zeigten jedoch, wieviel die meisten verdrängt hatten und zum Beispiel den als Hinrichtungsort arrangierten Raum sowie die Folter nicht erkannten.“

Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten in Polen knapp dreieinhalb Millionen Juden, die größte Bevölkerungsgruppe jüdischen Glaubens in Europa. 90 Prozent von ihnen wurden von den Nazis ermordet. Die grausamen Kriegserfahrungen und auch der späteren Antisemitismus der Kommunistischen Partei wurden zum Gegenstand bedeutender Literatur.

Es gibt viele Bücher und Filme, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Es gibt jedoch eine Bevölkerungsgruppe, die von diesen Medien nicht erreicht wird, und das ist ein Problem.

Viele polnische Schriftsteller wuchsen im Schatten des Krieges auf. Jan Tomasz Gross war einer der letzten Juden, die 1968 Polen verlassen haben. Sein Buch „Sasiedzi“, zu Deutsch „Die Nachbarn“, in dem er über den Mord an den Juden von Jedwabne schreibt, stieß in Polen die ersten ernsthaften Diskussionen darüber an. Seitdem sind Hunderte andere Werke entstanden. Oft fangen aber erst die Nachkriegsgenerationen an, sich mit der polnisch-jüdischen Geschichte auseinanderzusetzen, meint der Mittdreißiger Piotr Pazinski, der auch über den Holocaust schreibt: „In den polnischen Städten lebten damals oft bis zu 80 Prozent Juden. Sie sind verschwunden, aber ihre Geister sind geblieben – in den Straßen und in der Landschaft. Man kann oder will sich daran oft nicht erinnern. Aber es gibt auch welche, für die die Vergangenheit unheimlich wichtig ist, und diese betreiben eine Art Psychoanalyse.“

Viele schreiben aus gleichsam psychotherapeutischen Gründen, zum Beispiel um eine Versäumnisschuld einzulösen, wie die Reporterin Joanna Wankowska-Sobiesiak in ihrem Buch über die jüdischen Nachbarn offenbart: „Das hat mich längere Zeit verfolgt, gewissermaßen ein Trauma. Als ich die Geschichten meiner Großeltern und Eltern noch hören konnte, hatte ich weder die Zeit noch die Lust dazu. Und als ich mich dazu schließlich doch entschieden habe, lebten sie alle nicht mehr.“

Alle Protagonisten von Wankowska-Sobiesiak halfen Juden, den Krieg zu überleben. Keine andere Nation ist unter den als „Gerechte unter den Völkern“ in Israel Ausgezeichneten stärker vertreten als die Polen. Und doch stellt Dr. Bozena Keff, Literaturforscherin im Jüdischen Historischen Institut Emanuel Ringelblum, in ihrem Buch „Antysemityzm“ (Czarna Owca Verlag 2013) die These auf, Antisemitismus sei eine „nicht abgeschlossene Geschichte“. „Vorstellungen sind stärker als die Realität, als die Fakten, selbst als die eigene Erfahrung. Nicht-Juden haben doch oft einen konkreten Menschen, einen Juden, getroffen, den sie gekannt haben, der in der Nähe gelebt hat. Doch wenn sie an einen konkreten »Juden« denken, können sie nicht diesen konkreten Menschen sehen. Sie sehen eine in ihren Köpfen festgesetzte Vorstellung, ein Klischee von den Juden im Allgemeinen“, schreibt Keff im Vorwort. „Die Lebendigkeit des polnischen Antisemitismus scheint einerseits ein absurdes Phänomen zu sein, wenn man bedenkt, dass die Juden in Polen zahlenmäßig eine unbedeutende Minderheit sind. Andererseits wird das Verhältnis zwischen Polen und Juden während des Holocausts durch die intellektuellen und wissenschaftlichen Eliten revidiert. Dies trifft aber oft auf Widerstand“, behauptet sie.

Schuld daran ist unter anderem das Bildungssystem. Es hatte der kommunistischen Ideologie zu dienen. Der Aspekt der Vernichtung wurde verallgemeinert, manipuliert oder verzerrt. Die 29-jährige Jeannine Nowak wünscht sich, dass mehr kritische Gesichtspunkte in der öffentlichen Debatte angesprochen werden: „Der Antisemitismus setzt sich von einer Generation zur anderen fort, und keiner weiß eigentlich, wieso. Größtenteils ist das Unwissen schuld daran und die Tatsache, dass wir im Alltag kaum mehr Juden treffen, um unsere Meinung über sie zu revidieren. Es gibt viele Bücher und Filme, die sich mit diesem Thema beschäftigen, und das ist gut und schön. Es gibt jedoch eine Bevölkerungsgruppe, die von diesen Medien nicht erreicht wird, und das ist ein Problem.“

Bis 1991 wurde kein bahnbrechender Kanon zur Holocaustliteratur geschaffen, sagt die Literaturanthropologin Sylwia Karolak aus Posen. Erst nach der politischen Wende 1989 entstanden allein in Polen über hundert Prosastücke, die den Holocaust zum Gegenstand haben. Polnische Schriftsteller hätten die Holocaust-Erfahrung am vielfältigsten beschrieben, unterstreicht dabei Sławomir Buryła, Professor für die Holocaust-Literatur. Buryła weist dabei ausdrücklich darauf hin, dass diese Autoren biographisch nicht direkt in die Geschichte des Holocaust verstrickt sind: „Diese Literatur ist künstlerisch und thematisch vielfältiger als die der Volksrepublik Polen. Man wollte damals eher dokumentieren. Die jüngeren Schriftsteller fühlen sich dagegen freier im Umgang mit dem Thema. Sie schreiben im Zeichen einer postmodernen Poetik. Oder sie schreiben eine Horror- und keine direkte Holocaustgeschichte, in einer fragmentarischen Albtraumsprache. So etwas war früher nicht denkbar.“

Buryłas erste wissenschaftliche Studie über „Polnische Literatur zur Vernichtung (1939–1968)“, die vom Institut für Literaturforschung der Polnischen Wissenschaftsakademie gefördert wird, zeigt, wie reich die polnische Literatur zum Holocaust ist. „Die Vernichtung ist größtenteils auf polnischem Boden passiert, und die hiesige Gesellschaft ist unfreiwillig deren Zeuge geworden. Weder in- noch ausländischen Akademikern war bewusst, wie umfangreich die polnische Literatur zum Holocaust ist. Aufgrund von Traumata und wegen der Zensur konnte man darüber nicht offen sprechen, so hat man sich durch die Literatur ausgedrückt.“

Neben den Werken zum und über den Holocaust werden im heutigen Polen wie einst viele Bücher jüdischer Autoren publiziert. Große Verdienste hat hierbei der Krakauer Verlag Austeria, der alte und neue jiddische und hebräische Literatur publiziert. Das geschriebene Wort sei enorm wichtig in der gesellschaftlichen Bildung und der Wiederherstellung der jüdischen Kultur in Polen, meint der Verleger Wojciech Ornat: „Man sollte mit der Bildung – mit Büchern – anfangen, wenn man die Gesellschaft verändern will. Unsere Bücher erreichen die intellektuellen Eliten dieses Landes. Die meisten Werke, die wir verlegen, sind Teil der polnischen Literaturgeschichte, da viele von ihnen einen Bezug zu Polen haben. Durch die Wiederherstellung der jüdischen Literatur geben wir sie der Welt wieder.“

In der Anthologie zur „Erfahrung der Vernichtung in der polnischen Literatur 1947–1991“ von Sylwia Karolak entdecke ich ein Gedicht des polnischen Dichters Wacław Iwaniuk: „Ich ging, um zu sehen, wo Menschen verbrannt wurden. / Ich ging, um aus der Substanz ihres Todes zu tanken. / Ich ging, um zu sehen, wie die wachsame Erde / nach dem Ende des Schlachtens handelt. / Mein Gedächtnis ist für die Lyrik der Asche empfindlich / und kann von keinem anderen Überfluss leben.“ „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, meinte der Philosoph Theodor W. Adorno. Auch Polen wissen es besser.

Arkadiusz Łuba (KK)

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