Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1360.

Literatur und Kunst

Alles andere als altbacken: Backsteinarchitektur

Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen macht sich um sie verdient

Kulturstiftung200„Es gibt keinen ‚schicklicheren‘ Ort in Bayern für die Backsteingotik als bei den Ostpreußen im Deutschordensschloss Ellingen.“ Mit dieser Worte des Königsberger Weltweisen Immanuel Kant aufnehmenden Reverenz an den Ausstellungsort und seinen rührigen Direktor Wolfgang Freyberg grüßte Hans-Günther Parplies, der Vorstandsvorsitzende der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, die Teilnehmer der Begleitveranstaltung zur Ausstellung „Backsteinarchitektur im Ostseeraum – Neue Perspektiven der Forschung“, welche von Anfang Juni bis Ende August im Kulturzentrum Ostpreußen im bayerischen bzw. fränkischen Ellingen zu sehen war (siehe KK 1356).

Und in der Tat: Ostpreußen, das ehemalige Deutschordensland Preußen, kann mit seinen herausragenden sakralen wie profanen Backsteinbauten als ein Kernland der in der Ausstellung präsentierten, den gesamten südlichen Ostseeraum prägenden mittelalterlichen Architekturform gelten. Das barocke Ellinger Deutschordensschloss war nach der Stralsunder St. Marienkirche die zweite Station der Ausstellung, mit der die Kulturstiftung in verschiedenen Regionen Deutschlands und – in ihrer polnischen Version ab dem kommenden Jahr auch in Polen – präsent sein will.

Professor Dr. Matthias Müller, Mainz, neben Professor Dr. Christofer Herrmann, Danzig, wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung, betonte den Wert des Erinnerns an diese Kulturleistungen. In seiner Einführung in die Ausstellung hob er hervor, dass die Backsteinarchitektur trotz ihrer augenfälligen Dominanz und spezifischen Ausprägung kein exklusives Merkmal des Ostseeraums darstellt. Backstein ist eben ein europäisches Baumaterial von der Antike bis zur Gegenwart, auch wenn die Tradition seiner Verwendung nördlich der Alpen lange Zeit abgerissen war. Die Ausstellung zeigt, so Professor Müller, wie die Technik des Backsteinbaus in Nord- und Ostdeutschland vor allem von den Zisterziensermönchen wiederentdeckt und perfektioniert wurde. War das Material zunächst großen Kloster- und Bischofskirchen sowie landesherrlichen Burgen vorbehalten, so begann es im 13. Jahrhundert populär zu werden, so dass es auch beim Bau kleinerer Dorfkirchen zum Einsatz kam. Im Laufe des späteren Mittelalters zogen Rat und Bürgerschaft der reich gewordenen Hansestädte vermehrt landesherrliche Rechte an sich, womit auch repräsentative Bauaufgaben auf sie übergingen, Rathäuser und Stadtkirchen in Backstein entstanden.
Dass wir die Backsteinbauten heute noch erleben können, ist maßgeblich Karl Friedrich Schinkel zu verdanken, der in den 1820er Jahren im Auftrag des preußischen Königs als oberster Bauverwalter für die Restaurierung der Kirchen sorgte, ja ein großangelegtes Programm für die preußische Denkmalpflege entwickelte. Die Bauten galten ihm als Denkmäler der vaterländischen Geschichte – einer Geschichte, die nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon 1813/15 zur Regenerierung des Nationalbewusstseins aktiviert werden sollte.

Höhepunkt der Begleitveranstaltung, zu der sich trotz großer Hitze eine stattliche Anzahl von Interessierten im Kulturzentrum Ostpreußen eingefunden hatte, war nach der gemeinsamen Besichtigung der Ausstellung der Fachvortrag von Professor Matthias Müller, der den Blick auf die Bedeutung der mittelalterlichen Backsteinbauten für die Architektur der Neuzeit lenkte. Er galt dem Maler Caspar David Friedrich als dem „Erfinder“ der deutschen Neugotik im 19. Jahrhundert, als Anreger der später von Karl Friedrich Schinkel und Friedrich August Stüler geschaffenen Architektur.
Ungewöhnliches zur Backsteinarchitektur wurde somit den gespannten Zuhörern geboten. Nachzulesen sind die vorgestellten und weitere Aspekte der Backsteinarchitektur des Ostseeraums in der begleitenden Broschüre und vor allem im von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen herausgegebenen Ausstellungskatalog, in dem der gegenwärtige Forschungsstand gespiegelt, fast alle Themen, kunsthistorische und technologische, abgehandelt werden.
Ernst Gierlich (KK)

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