Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1360.

Literatur und Kunst

„Mein Volk als lebendiges Lied erschaffen“

Polnische Poesie ist stets Lebenshilfe gewesen für ein Volk, das sonst keine zu finden vermochte

Apotheose-von-Juliusz-Slowacki_Konstanty-Gorski_1913Als die Anthologie „Moderne Poesie in der Schweiz“ vor zwei Jahren erschien, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“, die moderne Dichtung in der Schweiz beginne „mit einer Frau, die sich nicht als Dichterin verstand, und sie beginnt mit einem Werk, das nicht an die Öffentlichkeit gerichtet war“. Ganz anders also als die moderne polnische Lyrik seit der Romantik.

Polen war nämlich 123 Jahre bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zwischen Russland, Preußen und Österreich geteilt. Und die größten Dichterpropheten wie Juliusz Słowacki oder Adam Mickiewicz rangen mit ihrem literarischen Schaffen um die Seelen der Polen, wollten von ihnen Besitz ergreifen und sie verwandeln. Ihre Dichtung wurde zu etwas Existenziellem und Politischem, sie wurde zur Geschichte und einem neuen Heimatland zugleich. Deshalb „nahmen die Poeten hier stärker als anderswo politische Funktionen wahr: daher das besondere Gewicht, die Sonderstellung der Dichtung im Leben des Landes“, meint Karl Dedecius in seiner umfangreichen Anthologie der polnischen Poesie des 20. Jahrhunderts. „Die Kraft der Prophetie seit den Romantikern“ sei bei den Polen „fester Bestandteil des Glaubens an die Mission der Poesie“, so Dedecius weiter.

Wie ist nun die Beziehung der Polen zur Poesie? In der Berliner „Tageszeitung“ behauptete Anfang Mai Emilia Smechowski, „die größte Gruppe, die nach Deutschland einwandert, sind Polen“. Diese „Supermigranten“ fielen niemandem auf, „weil sie sich unsichtbar machen“. Mit dem gleichen Tenor überschreibt Mona Jaeger zwei Wochen später ihren Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Die unsichtbaren Nachbarn“. Peter Oliver Loew vom Deutschen Polen-Institut Darmstadt behauptet in dem Artikel, Polen hätten verschiedene Anpassungsstrategien entwickelt, Grund dafür sei oft die herablassende Haltung vieler Deutschen. In der oben erwähnten Anthologie von Karl Dedecius stieß ich in diesem Kontext auf folgende Äußerung des Herausgebers: „Die Polen mögen wandern oder auswandern, wohin sie wollen. Überallhin schleppen sie ihren geistigen Rucksack, ihre Nahrung und Bürde mit sich: ihr Vaterland und sich selbst, ihr öffentliches Schicksal und ihre intime Originalität. Das zu erkennen, helfen die Innenansichten der Gedichte.“ Was für eine Erkenntnis!
„Die Poesie ist unsere nationale Domäne“, behauptet Artur Burszta: „Wir sind Meister im Gedichteschreiben. Gäbe es darin Europa- oder Weltmeisterschaften, würden wir immer auf dem Siegerpodest stehen“. Im Publizieren von Lyrik sind die Polen mit Sicherheit Meister. Die Nationalbibliothek registrierte im vergangenen Jahr 2050 belletristische Neuerscheinungen. Über drei Viertel davon, nicht weniger als 1552, enthalten Gedichte.

Burszta ist Leiter des Breslauer „Literaturbüros“ und Herausgeber von „100 polnischen Gedichten entsprechender Länge“ (original „100 wierszy polskich stosownej długosci“, Wrocław 2015). Er ist durchaus stolz auf die Bedeutung der Lyrik in Polen. Sein Verlag hat sich vor allem auf junge Dichterstimmen spezialisiert, selbst wenn das Logo einerseits an die Form eines Schiffes – gestaltet aus einem offenen Buch mit einem Segel – und andererseits an das ankerähnliche Emblem des „Kämpfenden Polen“ erinnert. Die sogenannte „Kotwica“, deutsch Anker, war das Symbol der polnischen Widerstandsbewegung während der Nazibesatzung, insbesondere der „Heimatarmee“ (polnisch Armia Krajowa). Die Kotwica stellt die Buchstaben P und W dar und steht als Abkürzung für Polska Walczaca (Kämpfendes Polen eben). Dadurch ist der Verlag – meiner Meinung nach allein schon durch die kritische Fragestellung – mit der romantischen national-patriotisch widerständigen Tradition verbunden, denn diese wirft einen langen Schatten. Ich übersetze rasch:

Ich würde mein Volk als lebendiges Lied erschaffen.
Solch Lied ist Kraft, ist Wirksamkeit,
Solch Lied – es ist Unsterblichkeit!
Gib mir die Seelen!
Ich will die gleiche Macht über sie wie Du!

Das Volk als lebendiges Lied erschaffen will der romantische Aufständische Konrad in Adam Mickiewiczs Nationalepos „Die Ahnenfeier“, weil die Existenz des Volkes höchst unsicher ist. Polen ist mit der dritten Polnischen Teilung durch die europäischen Großmächte 1793 von der Landkarte verschwunden. Die Dichtung von Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki und anderen Romantikern hält das Nationalbewusstsein lebendig, so dass sich im Ersten Weltkrieg Józef Piłsudski auf sie berufen kann, der Marschall, der sein Land befreite und es danach mit starker Hand regierte.
„Durch Piłsudski und Słowacki ist Polen wiedergeboren. Denn der Eifer Piłsudskis stammt auch aus dieser Poesie. Es gab natürlich auch andere Faktoren, aber die Literatur spielte eine unglaublich wichtige Rolle“, meint der Dichter und Essayist Adam Zagajewski. Er weiß, dass es damals auch andere Strömungen gab. In seinem Gedicht „Herostrates“ trat Jan Lechoń 1917 für eine Dichtung ein, die frei von nationalistisch-patriotischen Tönen und Märtyrer-Mythen ist. Ich übersetze die Schlüsselzeile: „Im Frühling sollte man den Frühling sehen, und kein Polen.“
Doch nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs übernahm die polnische Poesie wieder ihre besondere Aufgabe in der Nation, meint Adam Zagajewski: „In den Ländern wie Schweiz spielt die Lyrik die Rolle eines ‚Sonntagsetwas‘, niemand liest ein bisschen, und wenn schon, dann am Sonntag. Aber in Polen, als das Land in Trümmern lag, las man auf Wahrheitssuche Gedichte. Denn das ganze Netz der Kommunikation war zerstört. Dazu kam noch die kommunistische Macht, die nicht beliebt war. Wenn das Leben so reduziert ist, dann kommt für Polen die Poesie.“
Ganz anders als in Deutschland sei die Poesielandschaft in Polen, auf jeden Fall „aktiver und präsenter“, meint die Slawistin und Übersetzerin Esther Kinsky: „Polen hat eine unvorstellbare und beneidenswert rege Dichterszene. Die Leute wissen unglaublich viel, lesen wahnsinnig viel. Es gibt hier einen permanenten Diskurs über Dichtung!“

Eine wichtige Rolle bei der Wahrnehmung der Poesie in Polen schreibt die berühmte Krakauer Literaturhistorikerin Marta Wyka den verschiedenen Medien zu. „Die in Wellen stattfindende Entfaltung und Verbreitung der Poesie ist bemerkenswert und unglaublich unterschiedlich“, meint sie. „Und die Durchsetzungskraft, mit der sie ihre Leser erreicht, hängt von Massenmedien und Kritikern ab. Sie wird von bedeutenden Herausgebern und Verlagen getragen. Es hängt auch davon ab, wie aktiv die Dichter selbst sind, in welchen Kreisen sie ihre Gedichte vortragen, wenn überhaupt. Ich bin mir nicht sicher, ob das Elitäre an der Poesie, was sie auch schon immer charakterisierte, ihr dient. Man müsste sie eher entsperren, größeren Kreisen öffnen.“
Miron Białoszewski definierte die Poesie als ein „beständiges feierliches Staunen“. Die jüngeren Dichter Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, Jacek Podsiadło, Tadeusz Dabrowski, Darek Foks, Marta Podgórnik, Adam Wiedemann, Katarzyna Fetlinska, Jacek Gutorow und Dariusz Sosnicki – um nur ein paar Namen zu nennen – haben sich diese Definition angeeignet und sind über jegliche Instrumentalisierung erhaben.
Sie gehen frei mit der Sprache um, vermeiden jedes Pathos und pflegen sprachliche Eigenarten, meint Kinsky, die sich naturgemäß intensiv mit der Sprache der Dichter auseinandersetzt, indem sie sie ins Deutsche überträgt: „Diese Dichter finden gültige, eingängige Idiome. Also eine ausgesprochene Alltagssprache; eine unglaubliche Lebendigkeit in der Bildsprache, in der Musik der Gedichte auch. Das ist etwas Neues.“ Für Dedecius reicht das Novum „von der Musikalität der Naturlyrik bis zu dem ‚Seelsorgetelefon‘ (bei der Dichterin Ewa Lipska), die Tragisches und Parodistisches in unmittelbare Nähe zueinander rücken: den melancholischen Blick auf Schönes und die ironische Behandlung der Trauer“.

Es gibt definitiv poetische Phrasierungen, die die allgemeine Sprache prägen, meint Krzysztof Siwczyk. Der Dichter, Jahrgang 1977, ist davon überzeugt, dass „die Poesie den universalen Code bewahrt hat, in dem die Abenteuer von uns allen deponiert sind“. „In Zeiten der absoluten Virtualität gibt es einen starken Hunger nach Sprache, die uns etwas über unsere Welt sagen kann. Große Dichter hatten diese Gabe, sie haben eine gewisse Realität in ihrer Poesie geschaffen. Ich sehne mich nach einem vollen, runden Satz anstelle eines in einer SMS verkürzten Gedankens“, meint er.
Siwczyk bedauert, dass immer weniger Leute in einen wahren Dialog treten, beispielsweise am Rande vergleichbarer belletristischer Leseerlebnisse miteinander kommunizieren. Ähnlich wie der Nobelpreisträger Czesław Miłosz, der nichts Minderes forderte als dass die Dichtung die Menschheit retten müsse, ist er der Ansicht, Poesie sei eine Art Dietrich, der uns das Reich der Worte eröffne: „Die poetische Sprache ist eine Schatzkammer von Bedeutungen“, unterstreicht er.

Christina-Kargl---2.-PreisFür die Besucher des größten polnischen Lyrik-Festivals in Krakau, eben nach Miłosz benannt, hat die Lyrik einen besonderen Stellenwert. Stimmen aus dem Publikum beschreiben die Poesie als „etwas Selbstloses und Erotisches, wie die gesamte Literatur“. „Gedichte lesen ist etwas so Natürliches wie das Atmen“, offenbart ein Mittdreißiger, für den es „einen intimen Akt zwischen dem Text und dem Leser“ gibt. Seine Kollegin „braucht die Poesie zum Leben“. Stellvertretend für sie selbst stelle die Dichtung Fragen und gebe Antworten. Dank der Poesie sei sie „ein wahrer Mensch“.
Darin sieht der Slawist Mariusz Szwedowicz die Erfüllung der Forderung der Romantiker: „Die polnische Lyrik hat eine gewisse Macht über die Seelen. Sie äußert sich durch ihre starke Sprache, die uns nicht loslässt. Es ist aber die Vergangenheit, die Erinnerung, die hineinspielt. Dann ist es aber auch der ganz gegenwärtige Moment, in dem ich einfach ein Buch aufmachen und ein Gedicht lesen kann, das mir auch Freude bereitet.“

Dem deutschsprachigen Leser ermöglichen derzeit verschiedene Anthologien, sich mit der polnischen Lyrik auseinanderzusetzen: die 84. Nummer der Literaturzeitschrift „Schreibheft“ aus Essen und der Band „Polnisch Poetisch“ der Berliner Gruppe Buchbund. Die Besonderheit des zweisprachigen Bandes „VERSschmuggel“ des Wunderhorn Verlags aus Heidelberg liegt im Austausch zwischen polnischen und deutschen Lyrikern. Eine spannende Lektüre!

Arkadiusz Łuba (KK)

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