Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1362.

Literatur und Kunst

„Leben auf lauter Zwischenstationen“

Vor 40 Jahren hat Hannah Arendt ihre Endstation erreicht

Sie las bereits als Vierzehnjährige in Königsberg Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und Werke von Sören Kierkegaard und Karl Jaspers. Wegen einer Protestaktion gegen eine Lehrerin wurde sie der Schule verwiesen und bestand, erst 17 Jahre alt, ihr Abitur als Externe. Dann verließ die in Hannover Geborene, die aus einer alten Königsberger Kaufmannsfamilie stammte und ihre ganze Jugend in Königsberg verbracht hatte, diese Stadt, um sich in Marburg und später in Heidelberg dem Philosophiestudium zuzuwenden.

In Marburg studierte sie bei Martin Heidegger. Zwischen dem 36jährigen Professor und seiner 19jährigen Studentin entspann sich eine feurige lebenslange Liebe, die auch die breite Kluft, die der Nationalsozialismus zwischen beide schlug, in kaum zu erklärender Weise überbrückte. Nach zwei Jahren aber entzog sich Hannah Arendt dem Liebenden, der verheiratet war und zwei Kinder hatte, und setzte ihre Studien bei Edmund Husserl in Freiburg und bei Karl Jaspers in Heidelberg fort, bei dem sie 1928, erst 22jährig, mit einer Arbeit über den „Liebesbegriff bei Augustin“ promovierte.

In einem Interview mit Günter Gaus in den 1960er Jahren bekennt Hannah Arendt, dass sie erst durch antisemitische Belästigungen von Mitschülern auf ihre jüdische Identität gestoßen worden sei. Ihre Mutter – der Vater war gestorben, als sie sechs Jahre alt war – hatte keinerlei Verbindungen zur jüdischen Religion. Man war liberal in Königsberg, das die Mutter erst 1939 auf Drängen der Tochter verließ. In Berlin erfuhr sie dann den Beginn des Nationalsozialismus, den sie hatte kommen sehen.

Als der „Nazipöbel“ ernst machte, war sie nicht überrascht: „Ich hatte weiß Gott nichts anderes erwartet von unseren geschworenen Feinden. Was mir aber die Welt zum Einsturz brachte, war das Verhalten meiner Freunde. Sie liefen kolonnenweise über. Oder fielen einfach um. Gestern hatten wir noch Anrufe, Briefe, Besuche von überall her. Jetzt wurde es mit einem Mal ganz still, und wir standen wie die traurigen Kegel zwischen lauter umgestürzten Figuren.“ So zitiert sie Joachim Fest in seinem Buch „Begegnungen“, dessen Kapitel über Hannah Arendt er treffend „Leben auf lauter Zwischenstationen“ überschreibt. Im August 1933 verlässt Hannah Arendt Deutschland.

Zunächst von Frankreich und später von Amerika aus beobachtet sie die weitere Entwicklung in Deutschland, bis sie und ihr Mann Heinrich Blücher, mit dem sie von 1937 bis zu dessen Tod 1970 verheiratet war, 1943 erstmals von Auschwitz hören. Zunächst glauben sie das nicht. Blücher, der sich früher mit Militärgeschichte befasst hat, beruhigt sie: Das mache überhaupt keinen Sinn, mitten im Krieg solche absurden und kräftebindenden Aktionen durchzuführen. Doch bald schon erhalten sie Beweise, die keinen Zweifel mehr zulassen. Später sagt sie in dem Interview mit Günter Gaus: Jetzt seien sie wirklich schockiert gewesen. Denn alles hätte man später eventuell noch erklären und vielleicht auch wiedergutmachen können, was ihre Feinde den Juden angetan haben, aber: „Dieses hätte nicht geschehen dürfen!“ In Auschwitz sei eine Grenze überschritten worden, jenseits derer eine Wiedergutmachung nicht mehr möglich sei.S28-arendt2

Dieser Schock hat sie auch dazu gebracht, den Eichmann-Prozess in Jerusalem zu beobachten, journalistisch zu dokumentieren und darüber ein Buch zu schreiben: „Eichmann in Jerusalem. A Report on the Banality of Evil“ (1963). Sie wollte wissen, wie es zu diesem nie erreichten furchtbaren Tiefpunkt des Bösen habe kommen können. Doch was sie erlebte, erschütterte sie noch mehr: „Was in dem Glaskäfig des Gerichtssaals mit jedem Tag mehr an Umriß gewonnen habe, sei kein Ungeheuer, sondern eine überaus durchschnittliche, eher gesichtslose Person gewesen, die nicht die geringste Vorstellung von den unsäglichen Leiden besaß, die sie Millionen zufügte.“

Aus dieser Erkenntnis ist ihre Formel von der „Banalität des Bösen“ entstanden, die einen langjährigen Skandal entfachte und Hannah Arendt bei vielen Juden zur Unperson machte. Die „Banalität des Bösen“, die Vorstellung, dass die Juden zu Millionen Opfer eines „Hanswurst“ geworden seien, nahm in den Augen ihrer Kritiker diesen Opfern ihre Würde und den Überlebenden jeden möglichen Trost in einer Sinnsuche. Dazu kam, dass Hannah Arendt die Mitwirkung der sogenannten Judenräte bei der Organisation der „Endlösung“ kritisch angesprochen und damit viele noch Lebende in Misskredit gebracht hatte.

Heinrich Blücher war über Jahrzehnte Hannah Arendts Tröster, Ratgeber und Gesprächspartner, gerade auch in den zahlreichen „Zwischenstationen“ fern vom Ehepartner, der an der New School for Social Research in New York Philosophie lehrte. Das kann man dem wunderbaren, liebevollen und tiefen Briefwechsel zwischen den beiden von 1936 bis 1968 entnehmen, der 1996 von Lotte Köhler herausgegeben wurde. Von allen ihren Reisen nach Europa, aber auch innerhalb der Vereinigten Staaten, berichtete Hannah ihrem Heinrich, von Krisen und Problemen, von der Wiederbegegnung mit Martin Heidegger und dessen antisemitischer Frau, von den beglückenden Treffen mit zahlreichen Freunden und mit Karl Jaspers, dessen Interesse an der Kunst- und Kulturphilosophie Heinrich Blüchers zu einer freundschaftlichen Zuneigung wurde. Blücher selbst war ein bedeutender Lehrer und Pädagoge, aber kein Mann der schriftlichen Analyse, wie sie Hannah Arendt in ihren großen Werken auszeichnet. Doch wird man sagen können, dass zum Werk der größten Königsberger Philosophin auch Heinrich Blücher manches beigetragen hat, bis hin zu Verbesserungsvorschlägen für ihre Gedichte, die jetzt, zum 40. Todestag, erstmals publiziert worden sind; sie selbst jedenfalls hat es so gesehen, sich als seine Schülerin bezeichnet und ihm immer wieder für seine Anregungen gedankt.

Hannah Arendt überstand den nach dem Eichmann-Buch größten Skandal ihres Lebens nach der Devise: „Denken muß man mit Haut und Haaren; oder man lässt es bleiben“, und: „Man dürfe niemals aufgrund von Unwahrhaftigkeit in Vereinsamung geraten; aus Furchtlosigkeit sei es unvermeidlich.“ Sie war längst mit ihren Studien über „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955) zu Weltruhm gelangt und ergänzte diese Theorien noch vor ihrem Aufsehen erregenden Eichmann-Bericht durch ihr bedeutendstes Buch, „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (1960), in dem sie ihre Vorstellungen über die Zusammenhänge zwischen Arbeit und politischer Handlungsfreiheit entwickelte.

Eine außergewöhnliche Frau, eine geniale Wissenschaftlerin und Denkerin, eine beliebte Professorin, engagierte Disputantin und eine den Studenten sorgsam zugewandte Lehrerin. Sie führte ein entschiedenes Leben und kannte keine Schonung. Der Raubbau an ihrer Gesundheit – sie war Kettenraucherin – führte schon 1974 zu einem ersten und im Dezember 1975 zum tödlichen Herzinfarkt. Aber in ihrem Herzen war sie immer Königsbergerin geblieben. Joachim Fest gegenüber bekannte sie: „In meiner Art zu denken und zu urteilen komme ich noch immer aus Königsberg. Manchmal verheimliche ich mir das. Aber es ist so.“

Klaus Weigelt (KK)

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