Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1306.

Literatur und Kunst

Stab- und Stolpereime aufs Ungereimte

Ein Versuch, Oskar Pastior zur literarischen Gestalt zu machen

Seit September letzten Jahres brodelt die Debatte über die Spitzeltätigkeit des Lautpoeten und Büchner-Preisträgers Oskar Pastior für die Securitate in den 60er Jahren. Seine Nähe zur Nobelpreisträgerin Herta Müller, die ihm mit ihrer „Atemschaukel“ ein Denkmal gesetzt hat, heizt die Kontroverse im deutschsprachigen, aber auch im rumänischen Blätterwald zusätzlich an. Pastior selbst kann leider dazu keine Stellung mehr nehmen, so wuchert die Debatte fort und wird immer weiter aufgefächert, ohne daß Gewißheiten in Sicht wären. Der Forschungsstand ist noch spärlich, die Akten noch nicht alle gewälzt, aber die Diskussion wirbelt munter weiter.

Frieder Schuller, seines Zeichens Drehbuchautor, Filmemacher und Dichter, selbst aus Rumänien stammend, wollte sich auf Anfrage in der Presse nicht dazu äußern, stattdessen versuchte er das bewegende Thema literarisch zu verarbeiten. Sein Ergebnis stellte er in einer Lesung an der Humboldt-Universität zu Berlin im Rahmen des Seminars über die rumäniendeutsche Literatur von Michaela Nowotnick vor.

Das Theaterstück trägt den bedeutungsschwangeren Titel „Ossis Stein oder Der werfe das erste Buch“. Daß es noch in Entstehung ist, zeigt schon die kurzfristige Änderung; auf dem Aushang hieß es noch „Wer werfe das erste Buch“. Darin spielt der Autor auf Pastiors Decknamen Stein Otto an, um gleich im Untertitel biblisch zu werden. Wie herauszuhören ist, stellt das Stück ein Plädoyer für den ins Kreuzfeuer der Presse geratenen Pastior dar. Dieser taucht als Kunstfigur in der Gestalt des Rundfunkreporters Ossi auf. Seine Gegenspieler sind der Genosse Dan, als Figur mit dem Zusatz eingeführt: „Ich halte mich an die Mitläufer“, und der Handlanger Paul, der von sich sagt: „Bin wie das geheiligte Wasser. Nützt nichts und schadet nichts.“ Genauso plakativ skizziert Schuller auch eine weitere wichtige Gestalt, das Flittchen Poesie Silvia: „Ist der Vers erst ruiniert, reimt sich’s gänzlich ungeniert.“ Der Vollständigkeit halber gibt es noch den politischen Witz Nicu: „In der kommunistischen Diktatur lebte ich in Saus und Braus. Nachher hie und da ein Gnadenbrot.“

Wie der rumänische Reigentanz heißen die Szenen in chronologischer Folge Hora 1, 2, 3, andere wiederum: Begegnungen. Mit wenigen Strichen  zeichnet Schuller das Bühnenbild. Zu Anfang ein Erdhaufen, eine Schaufel, eine marode rote Fahne auf einem Mauerrest, was ein Arbeitslager vermuten läßt. Silvia stimmt ein Lied auf Ossi an, in dem Reime vorkommen wie „Ossi, du bist ein Dichter, erfindest Gesichter, verkehrst mit Gelichter, triffst heimlich Vernichter (…), gehorchst Übergewichter, (…) du bist kein Verzichter, (…) Berichter“. Sie kommen zwar spielerisch daher, schlittern aber an der Grenze zum Trivialen vorbei. Schuller behandelt weiterhin die biographischen Stationen des Oskar Pastior, den er selbst wohl näher gekannt hat, und bezieht die jüngsten Erkenntnisse aus der Presse ein. Die familiär benannte Kunstfigur Ossi folgt weitgehend dem realen Leben des Lyrikers Pastior. So  wird die Handlung des Stücks nach dem Arbeitslager zurück nach Hermannstadt verlegt, gleich darauf wird die Arbeit Ossis als Rundfunkreporter thematisiert, die Zeit in Bukarest, die Homosexualität, die Anwerbung bei der Securitate, es ist fast alles dabei, was zu Pastiors Jahren in Rumänien gehörte. Die Szenen sind knapp, die Handlung spärlich, doch letzteres war Absicht, wie sich Frieder Schuller im anschließenden Gespräch äußert, er wollte nur die Stimmung wiedergeben, in der dieser Dichter gelebt hat.

Das Störende dabei ist die plakative Sprache und der larmoyante Tonfall, die im Gegensatz zu Pastiors Sorgfalt mit den Wörtern stehen. Umgangssprachlich: „genußvoll krochen sie meinen Wortgespinstern in den Hintern“, ins Obszöne driftend: „Fickscheißkerl“, „mein Schwanz, zieh den Schwanz nicht ein“, aber auch pathetisch: „Heimaterde, Vaterhaus“, oder parodistisch: „Ossi: Ich falle. / Silvia: Komm in den totgesagten Park. Wir werden ihn verlassen.“ Dahingegen gibt es auch Spielerisches: „Spitzel, Späher, Spirifinkel / Und Partei- Latrinenwinkel.“ Das Stück kulminiert in der Schlußszene, als der ‚böse‘ Genosse Dan das Flittchen Poesie Silvia vergewaltigt. Der Handlanger Paul, der durchs Fenster steigt, hält Ossi eine Zeitung vors Gesicht.

Daß das Flittchen Posie und auch sonst das Weibliche ausschließlich negativ besetzt sei, bestreitet der Autor; trotz des Namens sei ihm das Flittchen die liebste Gestalt, auch sonst scheint Schuller, der das Stück erst kürzlich, seit der Mediendebatte um Pastior, begonnen hat, noch für Änderungen offen zu sein. Zu Recht weist ein Kritiker aus dem Publikum darauf hin, daß nicht nur die Figuren schematisch, sondern auch die Nähe der Kunstfigur Ossis zur realen Person bedenklich seien.

So ist bei allen guten Absichten, die Mediendebatte auf eine künstlerische Ebene zu heben und den Büchner-Preisträger zu verteidigen, um, so Schuller, nicht einer Securitateakte  mehr Hoheitsrechte einzuräumen, als das gelebte Leben sie hat, der Versuch in dieser Fassung nicht so recht gelungen. Ob es auf der Bühne nochmal ganz anders wirkt, als eine „erzählte Mahlzeit“ – wie Schuller eingangs sagt –, sei dahingestellt. Die Veranstaltung mutete eher wie ein Werkstattgespräch an und das Theaterstück vorläufig.

Der 1942 im rumänischen Katzendorf geborene Autor hat unter anderem für den Film „Im Süden meiner Seele“ über die Bukarester Jahre von Paul Celan nach eigenem Drehbuch Regie geführt, das Drehbuch für „Fürchte dich nicht, Jakob“ geschrieben sowie den „Glockenkäufer“ gedreht. Als Lyriker hat er sich ebenfalls einen Namen gemacht; er veröffentlichte mehrere Gedichtbände in Rumänien und in Deutschland. Günter Grass hatte sich für seine Ausreise eingesetzt. Jüngst nun erschien im „Spiegel“ die Mitteilung, daß Schuller jahrelang Informant der Abteilung Gegenspionage gewesen sein soll, was der Autor ebendort bestreitet. Das wird von der Veranstalterin zwar angesprochen, Fragen dazu kommen aus dem Publikum nicht. Vielmehr geht es um das Theaterstück selber.

„Habt ihr das nicht alles schon längst in meinen preisgekrönten Büchern gelesen?“ fragt laut tönend Ossi darin. Nun, dieser Aufforderung kann man in diesen Tagen getrost nachkommen. Wohlan, zurück zum echten Pastior! Zurück zu seinen Büchern! Warum soll man den Securitatewörtern mehr Deutungshoheit einräumen als den Worten zwischen zwei Buchdeckeln? Daß wir ihnen allen mißtrauen können, dürfen und sollten, das haben wir schließlich auch von Oskar Pastior gelernt.

Edith Ottschofski (KK)

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