Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1362.

Literatur und Kunst

Herbst der Emotionen

Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie zeigt Bilder der
Neuen Sachlichkeit – und warum sie so heißt

Der Erste Weltkrieg erschütterte Deutschland enorm: Die Anfänge der Weimarer Republik waren in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht von schweren Krisen geprägt. Als Reaktion auf die instabile Lage entwickelten sich in der bildenden Kunst Strömungen, die seit 1925 unter dem Begriff Neue Sachlichkeit zusammengefasst werden.

Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie widmet dieser Kunstrichtung eine Sonderausstellung. Bis zum 31. Januar 2016 ist „Messerscharf und detailverliebt“ in Regensburg zu sehen. Der Blick richtet sich nicht nur auf die Zentren der Neuen Sachlichkeit in München, Dresden und Berlin. Die Ausstellung schlägt vielmehr den Bogen zu Künstlerinnen und Künstlern aus den östlichen Gebieten der Weimarer Republik und erkundet die Rezeption und die parallelen Entwicklungen in der tschechoslowakischen und polnischen Kunstszene.S23--3-(2)

Zu den Charakteristika der Neuen Sachlichkeit gehören neben der nüchtern-scharfen Erfassung und der emotionslosen Sicht auf das Alltägliche der statisch fest gefügte Bildaufbau, wie es der Kunsthistoriker und Kritiker Wieland Schmied 1969 treffend nannte, der oft einen geradezu luftleeren, gläsernen Raum suggeriert, und eine weitgehende Tilgung jeglicher Pinselspuren. Aber nicht nur formal-technische Punkte bestimmten diesen Stil, sondern ebenso eine neue Form der geistigen Auseinandersetzung mit der Dingwelt.

Mitte der 1920er Jahre hatte sich die Kunstrichtung etabliert. Den Auftakt für die öffentliche Auseinandersetzung mit den realistischen Positionen machte im Sommer 1925 Gustav F. Hartlaub (1884–1963), der Direktor der Städtischen Kunsthalle Mannheim. In der Ausstellung „Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“ versammelte er 124 Werke, die nach 1910 entstanden sind. Der Ausstellungstitel sollte nicht nur namensgebend für die Kunstrichtung werden, sondern er reklamierte diese darüber hinaus als genuin deutsche Strömung. Anders als Hartlaub spürte der Kunsthistoriker und Künstler Franz Roh in seiner gleichfalls im Jahr 1925 erschienenen Publikation „Nach-Expressionismus. Magischer Realismus. Probleme der neuesten europäischen Malerei“ allgemeineren Tendenzen nach, die sich nicht nur in der deutschen, sondern in der gesamten europäischen Malerei von 1920 bis 1925 bemerkbar machten, wobei er den italienischen Kreis um Giorgio de Chirico, die „Valori Plastici“, besonders hervorhob.

Eine zentrale Rolle bei der Vermittlung der Neuen Sachlichkeit spielte Otto Dix, der von 1927 bis 1933 als Professor an der Kunstakademie Dresden wirkte. Schülerinnen und Schüler wie Erika Streit, Kurt Sillack oder Hainz Hamisch übten sich in seiner altmeisterlichen Maltechnik und porträtierten bisweilen dieselben Modelle – vornehmlich weibliche Figuren abseits des gängigen Schönheitsideals. Dix versuchte, seine Schüler zur Entschlossenheit zu motivieren, indem er sie vor die Wahl stellte: „Sie müssen sich entscheiden, meine Damen und Herren, ob Sie die Menschen als Engel sehen wollen oder als Schweinehunde wie ich.“

Otto Dix zählt zu den sogenannten Veristen, die die Realität vor allem im Grotesken, in der Überzeichnung zu finden glaubten und mit ihrer Kunst oft drastisch und sozialkritisch die Missstände der Zeit ins Visier nahmen. Dem Verismus waren neben Dix auch Conrad Felixmüller, Rudolf Schlichter, Karl Hubbuch oder Erich Drechsler verschrieben. Im Gegensatz zu den Klassizisten beschrieb Hartlaub den linken Flügel als „grell zeitgenössisch, weit weniger kunstgläubig, eher aus Verneinung der Kunst geboren“. Der Verismus versuche, „mit primitiver Feststellungs-, nervöser Selbstentblößungssucht“ das Chaos aufzudecken und das wahre Gesicht der Zeit zu zeigen.

Auf der anderen Seite gab es ein klassisch-konservatives Lager, das sich auf ruhige, ausgewogene Formen besann und überwiegend unpolitisch war. Hartlaub charakterisierte diesen Flügel als „konservativ bis zum Klassizismus, im Zeitlosen Wurzel fassend“. Die Strömung wolle „nach so viel Verstiegenheit und Chaos das Gesunde, Körperlich-Plastische in reiner Zeichnung nach der Natur, vielleicht noch mit Übertreibung des Erdhaften, Rundgewachsenen wieder heiligen“. Zu den Klassizisten zählt beispielsweise Alexander Kanoldt, der das Stillleben und die italienische Stadtlandschaft in einem nüchternen, erstarrt wirkenden Stil zu seinem Thema machte. Der Begriff des Magischen Realismus, der von Franz Roh als alternative Bezeichnung zu „Nach-Expressionismus“ geprägt wurde, holte weiter aus als derjenige der Neuen Sachlichkeit. Er vermittelte auch die „magische Erfahrung entfremdeter und unfassbarer Dinge“, wie es Wieland Schmied formulierte. Realität und Traumwelten verschmelzen beispielsweise bei Franz Radziwill, der in seinen Gemälden häufig das Verhältnis von Technik und Natur beleuchtete. S25--jpg-(2)

Gemeinsam ist allen Tendenzen der Neuen Sachlichkeit, dass sie zu einer realistischen Darstellungsweise mit klaren, geschlossenen Formen zurückfanden und um eine gewisse technische Ausführlichkeit bemüht waren. Sie bildeten einen Gegensatz zu der aufgewühlten, zersplitterten Kunst der Expressionisten und abstrakten Künstler des frühen 20. Jahrhunderts.

Für die östlichen Gebiete der Weimarer Republik stellte Breslau ein wichtiges kulturelles Zentrum dar. An der dortigen Kunstakademie waren führende Vertreter der Neuen Sachlichkeit wie Alexander Kanoldt und Carlo Mense tätig, die eine Reihe von Schülern prägten und deren Wirkung auch auf Künstler ausstrahlte, die nicht an der Akademie eingeschrieben waren. Werke von Alexander Bernhard Hoffmann oder Arno Henschel aus der Sammlung des Kunstforums sind in der Regensburger Ausstellung versammelt. Zahlreiche Arbeiten von weiteren schlesischen, böhmischen, tschechischen und österreichischen Künstlerinnen und Künstlern wie Ernst Neuschul, Hans Baluschek, Ernst Nepo und Max Radler zeigen die individuelle Vielfalt im Rahmen der Neuen Sachlichkeit auf.

Zu den Entdeckungen der Regensburger Ausstellung gehören unter anderem der in Breslau geborene Franz Sedlacek und die tschechoslowakische Künstlerin Milada Marešová. Sedlacek, hauptberuflich als Chemiker am Technischen Museum für Industrie und Gewerbe in Wien tätig, entwickelte einen eigenständigen Stil, der in seiner überspitzten Art dem Magischen Realismus zugeordnet werden kann. Manche seiner grotesken und gleichzeitig mysteriös-unheimlichen Darstellungen erinnern an Szenen aus Kafkas Romanen. Marešová zählt in der tschechoslowakischen Kunstszene zu jenen Künstlerinnen und Künstlern, deren Schaffen der deutschen Auffassung der Neuen Sachlichkeit am nächsten steht. Gemeint sind vor allem die klare, detaillierte Form und der subtil sozialkritische Unterton ihrer Werke – in Regensburg sind vier Gemälde Marešovás zu sehen, die neben Alltagssituationen glanzvolle Abendveranstaltungen inszenieren. Sedlacek ist mit vier Gemälden und zwei Zeichnungen in der Ausstellung vertreten.

Die Ausstellung gruppiert die Werke der Neuen Sachlichkeit nach Bildgattungen und zeigt damit überregionale Parallelen, aber auch den Facettenreichtum: In verschiedenen Räumen werden das Selbstporträt, das Porträt, die Figurenszenen, der Akt, die Landschaft und das Stillleben präsentiert.

Im Gegensatz dazu ist der 176seitige Katalog, der ausstellungsbegleitend im Wienand Verlag erscheint, nach Künstlern und ihren Wirkungsorten in der Zeit um 1925 geordnet. Im Zusammenspiel von Ausstellung und Katalog werden grenzübergreifende stilistische Gemeinsamkeiten, aber auch Besonderheiten einzelner Künstler herausgestellt. Kuratorin der Ausstellung und Herausgeberin des Katalogs ist Agnes Tieze, die Direktorin des Kunstforums Ostdeutsche Galerie.

Ein großer Teil der Exponate stammt aus der eigenen Sammlung des Kunstforums. Herausragende Leihgaben aus Privatbesitz und Museen in Deutschland, Österreich, Tschechien und Polen ergänzen die Präsentation. Einige zentrale Werke der Ausstellung kommen aus der Landesgalerie Linz des Oberösterreichischen Landesmuseums, wo die Ausstellung von 10. März bis zum 5. Juni 2016 zu sehen sein wird.

Gabriela Kašková (KK)

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