Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1363.

Literatur und Kunst

Der über die eigene Totenmaske schrieb

Ernst Wiechert offenbart sich als eminent trauriger Wortführer
des Wortes – wider die Macht

Es gehört zu den Traditionen der Internationalen Ernst-Wiechert-Gesellschaft (IEWG), die 2014 auf eine 25-jährige Geschichte zurückblicken konnte, bei ihren Tagungen einen sonntäglichen christlich-jüdischen Gottesdienst abzuhalten. Bei der 13. Wissenschaftlichen Tagung 2015 übernahm der evangelische Theologe Dr. Reinhold Ahr diese Aufgabe; den alttestamentarischen Part trug wie immer Dieter Heinze vor. Es war ein Text aus dem 22. Kapitel des Buches des Propheten Jesaja.

Reinhold Ahr stellte das Wort von der „Gerechtigkeit auf dem Acker“, die Jons Jeromin mit seiner Bestimmung zum Armenarzt in Sowirog verwirklichen soll, in den Mittelpunkt seiner Predigt. Der zweite Teil des Romans „Die Jerominkinder“ war Gegenstand der Gruppenarbeit der Tagung, und dabei stellte sich das vorletzte Romanwerk Wiecherts als ein ausgeprägt politisches Buch heraus. Wiechert zeichnet an dem Dorf Sowirog auf, wie der Nationalsozialismus diese abgeschiedene Welt, die „noch in der alten Ordnung verwurzelt ist“, mehr und mehr durchdringt. Der Lehrer Maschlanka, der „die neue Zeit“ einführen will, und der Herr von Balk, der den alten ostpreußischen Landadel vertritt, bilden Gegenpole bis in ihre Gebärden und äußeren Merkmale hinein. Der Lautsprecher in der Schule, die zunächst kläglich verlaufende Propaganda-Veranstaltung, das begrenzte Verständnis der Dorfbewohner für die „neuen Lehren“ haben eine komische Wirkung; das Teuflische wird lächerlich gemacht. Doch die Spaltung durchdringt die Familien.

Die Brutalität des Regimes wird an den KZ-Erlebnissen von Johannes und an dem Überfall auf den Schulzen Grünheid deutlich, besonders aber an dem wachsenden Antisemitismus. Der verfolgte Arzt Dr. Lawrenz flüchtet nach Sowirog in den Selbstmord und wird von den Eingeweihten „im Sand“ begraben, und der jüdische Händler Hirsch wird Opfer der Jagd im November 1938.

Wäre das Manuskript der „Jerominkinder“ den Nationalsozialisten in die Hände gefallen – den ersten Teil hatte Wiechert noch vorgelegt, und der Druck war von der Reichsschrifttumskammer abgelehnt worden mit dem Vermerk „zu wenig Lebensfreude und zu viel Bibel“ –, Wiecherts Schicksal wäre besiegelt gewesen. Dietmar Stutzer vermutet in dem in der KK vom 20. September 2000 erschienenen Essay „Zeit für eine Ernst-Wiechert-Renaissance in Frageform“, dass Wiecherts „manisch-depressive Persönlichkeitsstruktur zu einer in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts einmaligen moralischen Sensibilität“ geführt habe. Das bestätigten die Ergebnisse der Gruppe, die sich mit dem Weg des Jons Ehrenreich Jeromin zum Armenarzt beschäftigt hatte. Der „ideale Arzt“, verkörpert durch den jüdischen Armenarzt Dr. Lawrenz mit seiner kleinen Privatklinik, ist Nothelfer und Seelsorger, verzichtet auf Honorar, wenn nötig, lebt enthaltsam und sieht sich, in Ehrfurcht vor der Natur und dem Leben, einer metaphysischen Instanz verpflichtet. Das gipfelt in seiner Frage: „Wie kann man Arzt sein, ohne zu beten?“ Auch das wird zu einer hochpolitischen Aussage. Denn hier steht die Antithese zu einem „medizinischen“ Urteil über „lebensunwertes Leben“, das der Mensch, der sich selbst zum Herrn über Leben und Tod macht, glaubt auslöschen zu dürfen.s28

Die „depressive Persönlichkeitsstruktur“ und Sensibilität Wiecherts trat auch in dem Vortrag „Magischer Realismus in den Werken Ernst Wiecherts“ zutage. Der Referent Robert Kreft, ein junger Gymnasiallehrer und das jüngste Mitglied der IEWG, hat seine Masterarbeit über Wiechert an der Universität Münster geschrieben. Er charakterisierte den „Magischen Realismus“, der keine Schule darstellt und auch bei anderen Autoren wie Oskar Loerke, Elisabeth Langgässer, Ernst Jünger und Hermann Kasack zu finden ist, als ein „Hinterfragen“ der empirischen Wirklichkeit. Hinter der sichtbaren Welt tut sich das Geheimnisvolle, Irrationale, Abgründige auf, die Natur bekommt eine bedrohliche Doppelbödigkeit. Sie kann idyllisch und wohltuend sein und zugleich dunkel und unheimlich, so dass das Krebsefangen in den „Jerominkindern“ „schrecklich-schön“ ist. Menschen haben das „zweite Gesicht“, wie Jürgen Doskocil, dem wiederholt seine tote Frau erscheint. Die alten heidnischen Götter wie die Laima oder die Barstukken nehmen wieder ihre Plätze ein, die Musik kann eine dämonische Wirkung entfalten und Wahn und Todessehnsucht hervorrufen.

Dass der „Magische Realismus“ eher bei Autoren der östlichen Landschaft anzutreffen ist, wie Reinhold Ahr bemerkte, konnten die Wiechert-Freunde bereits bei dem ersten Vortrag von Jörg Naß über Johannes Bobrowski (1917–1965) aus dem Memelland erfahren. Naß, der ein Bobrowski-Museum in Willkischken/Litauen eingerichtet hat und betreut, stellte den Lebenslauf des Dichters der „Litauischen Claviere“ und der „Sarmatischen Zeit“ vor und verwies auf Trauer und Melancholie, die ihn mit Ernst Wiechert verbinden.

Bärbel Beutner sprach über „Todesahnungen bei Ernst Wiechert“ und legte dar, wie das Motiv des Todes sein ganzes Werk durchzieht. Sie sprach von der „Allgegenwart“ des Todes in Wiecherts Werk und wies darauf hin, dass die Novelle „Die Fahrt um die Liebe“ von 1930, die den Krebstod des Komponisten Amadeus erzählt, eine fast prophetische Vorwegnahme der letzten Lebensstation des Dichters ist. Der Komponist Amadeus schreibt die Messe in a-Moll im Angesicht des Todes, Wiechert schrieb die „Missa sine nomine“ unter großen Schmerzen in seinen letzten Monaten. Bereits Ende der zwanziger Jahre wurde eine Gipsmaske von Wiechert angefertigt, über die er den Text „Meine Totenmaske“ schrieb.

Vielleicht findet sich eine Erklärung für seine frühe Todesbereitschaft und auch für seine depressive Persönlichkeit in den Briefen seiner Mutter, die Dr. Leonore Krenzlin erforscht hat und aus denen sie einige Stellen vortrug. Es offenbarte sich ein durchaus nicht idyllisches und harmonisches Elternhaus. Problematische Ehe- und Familienbeziehungen, wirtschaftliche Engpässe, die Alkoholkrankheit des Vaters und die Schwermut der Mutter wurden offenkundig. Besonders erschreckten die Zuhörer die Vorwürfe und Schuldzuweisungen der Mutter an die Söhne.

Mit großer Freude wurde der Student Elad Arnon aus Israel begrüßt, der ein Gastsemester an der Universität Köln verbrachte und eine Magisterarbeit über Wiechert im Dritten Reich schrieb. Die IEWG hatte Hilfestellung geleistet und betrachtete nun das auf Hebräisch geschriebene Skriptum, in dem sich die deutschen und englischen Zitate interessant ausnahmen. So fand die Wiechert-Gesellschaft ihren internationalen Anspruch erneut bestätigt.

Bärbel Beutner (KK)

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