Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1363.

Literatur und Kunst

Von der Weigerung, Opfer zu sein

Ephraim Kishon wird im „Großen Sendesaal des Hauses der Heimat“ in Stuttgart so gefeiert, wie es ihm gefallen hätte

Der „Blaumilchkanal“, die „beste Ehefrau von allen“ und ein „Humorcomputer“ sind Begriffe, die sich mit seinem Namen untrennbar verbinden, mit Ephraim Kishon, dem bedeutendsten israelischen Schriftsteller seiner Zeit. Seine etwa 700 Bücher, übersetzt in 37 Sprachen mit einer Auflage von insgesamt 43 Millionen – davon 33 Millionen in deutscher Sprache – haben ihn weltweit als Satiriker und Protagonisten des „typisch jüdischen Humors“ bekannt und beliebt gemacht. Im Rahmen der alljährlich im November in Stuttgart stattfindenden Jüdischen Kulturwochen wurde in einer musikalisch-szenischen Revue mit Lesungen aus seinen Werken im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg an ihn erinnert.s24

Die Sopranistin Iris Marie Kotzian, ausgezeichnet unter anderem mit dem Förderpreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft für darstellende und ausübende Kunst im Jahr 2005, ihr Begleiter am Klavier Christoph Weber, die künstlerische Rundfunksprecherin und Sängerin Katja Schild und der Moderator und Schauspieler Jerzy May ließen das Leben und das Werk Ephraim Kishons in einer fingierten Radiosendung aus dem „Großen Sendesaal des Hauses der Heimat in Stuttgart“ lebendig werden. Hörfunkartig gestaltete Szenen aus Sprache, Klavierbegleitung, Gesang und mit den Stimmen erzeugten Geräuschen schufen ein unterhaltsames Porträt des unermüdlichen Schriftstellers, der in Kurzgeschichten, Theaterstücken, Drehbüchern und Hörspielen vor allem die bürokratischen und menschlichen Schwächen im israelischen Alltag und in seinem Familienleben humoristisch aufspießte.

Dabei war das Leben Ephraim Kishons, das in Form eines Rundfunkinterviews von Katja Schild und Jerzy May aufgrund von Original-Zeitungsinterviews mit ihm vorgestellt wurde, alles andere als lustig und witzig. Am 23. August 1924 in Budapest mit dem Namen Ferenc Hoffmann als Sohn jüdisch-ungarischer Eltern geboren, habe er sich als Ungar gefühlt, ganz „deutsch“ ausgesehen und von Antisemitismus nur gehört. Aber im Jahr 1942 sei sein Vater und im Jahr 1944 er als Abiturient in ein Arbeitslager verschleppt worden. Im Jahr 1945 wurde er nach der Flucht aus einem Gefangenentransport nach Polen erneut – diesmal von Russen – aufgegriffen und mit vielen anderen Juden in Richtung Gulag transportiert. Dabei konnte er wiederum entkommen, die meisten Angehörigen seiner Familie aber sind in den Gaskammern in Auschwitz ermordet worden. Aus dem inzwischen kommunistischen Budapest floh er mit seiner ersten Frau und dem neuen Namen Ferenc Kishont über Pressburg und Wien nach Italien und wanderte von dort im Jahr 1949 mit einem Flüchtlingsschiff nach Israel aus. Bei der Einreise in Haifa erhielt er von den dortigen Zollbeamten den Namen Ephraim Kishon verpaßt.

Im Jahr 1952 begann er in hebräischer Sprache für die größte israelische Tageszeitung, „Ma’ariv“, zu schreiben. Mit der Auszeichnung seiner ersten Satirensammlung „Drehn Sie sich um, Frau Lot“ durch die „New York Times“ im Jahr 1959 begann Kishons internationale Karriere. Seit dem Jahr 1966 erschienen die Bücher von Ephraim Kishon in der Verlagsgruppe Langen Müller Herbig Nymphenburger des in Eger geborenen Verlegers Herbert Fleissner, Träger des Großen Sudetendeutschen Kulturpreises 1994.

In Kishons pointenreichen Geschichten werden nicht nur allgemeine menschliche, sondern zum Teil auch selbstironisch als typisch israelisch deklarierte Unzulänglichkeiten humorvoll überspitzt. Unter dem Titel „Oldtimer“ geht es zum Beispiel um die Neueinwanderer in Israel, die – so Kishon – „tun und lassen können, was sie wollen“ und im ersten Jahr nicht einmal Einkommensteuer zahlen müssen, sodass manche daraus „einen ganz anständigen Lebensunterhalt“ machten, indem sie „in bestimmten Zeitabständen das Land verlassen und als Neueinwanderer wiederkommen“. Einwanderer, die um ihrer Ideale willen Unsägliches gelitten haben, als sie jung waren, und nach Jahren in Israel immer noch mittellos sind, hätten eine gesunde Feindseligkeit gegenüber all jenen bewahrt, die erst später gekommen sind und – nach Meinung der sogenannten „Oldtimer“ – ein Luxusleben führten. Wie diese Abschätzigkeit sich äußert, stellt Kishon in einem Gespräch zwischen einem früher und einem später Eingewanderten dar, das die tatsächliche Armut und Bescheidenheit der israelischen „Oldtimer“ absurd übertreibt.

In dem 1965 geschriebenen Theaterstück „Zieh den Stecker raus, das Wasser kocht“ macht sich Kishon, der auch Kunsthistoriker war, auf köstliche Weise über die moderne Kunst und den dazu gehörenden Kunstmarkt lustig. In der in Stuttgart als „Hörspiel“ von den Interpreten meisterhaft inszenierten Geschichte begutachtet eine Kunstkritikerin den primitiv installierten Wasserkocher im Atelier eines Malers mit grotesken Übertreibungen als revolutionäres, konstruktivistisches Kunstwerk, während sie die Gemälde als ekelhaft und indiskutabel abtut. Berühmtheit erlangte der „Blaumilchkanal“, eine stadtplanerische Groteske, bei der ein der Irrenanstalt Entlaufener mit Namen Kasimir Blaumilch von der verkehrsreichsten Straßenkreuzung in Tel Aviv einen Kanal zum Mittelmeer gräbt und dadurch ungeheures Chaos nicht nur im Straßenverkehr, sondern auch quer durch alle Verwaltungen anrichtet. Ein „Symbol israelischer Arbeitsfreude und Unternehmerlust“, wie Kishon schreibt.s26

Musikalisch begleitet wurden die schlagfertig und einfühlsam von Katja Schild und Jerzy May präsentierten Kurzgeschichten Kishons durch Schlager und Chansons aus fünf Jahrzehnten, die Iris Marie Kotzian stimmlich eindrucksvoll und mit Hingabe sowie Leichtigkeit vortrug. Die heute kaum mehr gehörten früheren Hits kommentierten manchmal Stichworte aus den Texten Kishons, oder sie führten stimmungsmäßig in die Jahre ihrer Entstehung zurück. „Schalt Dein Radio ein“ – ein Schlager, mit dem die israelische Sängerin Daliah Lavi 1972 in allen Sendern zu hören war – eröffnete und beendete die virtuelle Hörfunksendung. Iris Marie Kotzian gab diesem Lied ebenso überzeugend ihre Stimme wie dem Schlager „Zwei kleine Italiener“, der das Heimweh der ersten Gastarbeiter in Deutschland thematisierte und mit dem Conny Froboess 1962 Erste bei den Deutschen Schlagerfestspielen in Baden-Baden wurde, dem „Baby-Sitter-Boogie“ von Ralf Bendix aus dem Jahr 1957, wunderbar babygurgelnd begleitet von Katja Schild, dem persiflierten „Ba-Ba-Banküberfall“, der 1985 die österreichische Rockband „Erste Allgemeine Verunsicherung“ berühmt machte, dem Siegerlied beim „Eurovision Song Contest“ 1982, „Ein bißchen Frieden“ von Ralph Siegel, das damals die 17-jährige Nicole sang, oder dem schwermütigen „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ der unvergessenen Hildegard Knef von 1968.

Ephraim Kishon hätte sich über diesen meisterhaft arrangierten und präsentierten Abend sicherlich gefreut. Er ist vor zehn Jahren, am 29. Januar 2005, in der Schweiz gestorben.

Ute Flögel (KK)

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