Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1364.

Literatur und Kunst

Geistes Gegenwart: Königsberg

Wladimir Gilmanow trägt die Botschaft seiner Heimatstadt in die Welt

Doch wissen wir, die weinend Dich verlassen: …
Daß noch in Dir, o Mutter, Leben ist,
Und daß Du, Königsberg, nicht sterblich bist!

Agnes Miegels Gedicht „Abschied von Königsberg“, 1944 nach den Bombenangriffen geschrieben, spricht eine Wahrheit aus, die sich immer wieder bestätigt. Der Geist Königsbergs fiel den Bomben nicht zum Opfer.

Für Professor Dr. Wladimir Gilmanov von der Staatlichen Immanuel-Kant-Universität Königsberg/Kaliningrad ist die Stadt am Pregel nicht nur „ein schicklicher Platz“, wie Kant sie nannte, sondern ein „weltgeschichtliches Phänomen“, ein Ort einer „einmaligen Pädagogik“, an dem die Lösung der heutigen Weltkrise zu finden sei. Auf einer Vortragsreise im Spätherbst 2015 stellte er die Ideengeschichte seiner Heimatstadt vor.

1955 im bereits russischen Kaliningrad geboren, ist Gilmanov als Germanist, Philosoph und Kulturwissenschaftler ein führender Experte für die Geistesgeschichte Königsbergs. Er nannte Königsberg einen „eschatologischen Topos der Weltgeschichte“, der den Spannungsbogen zwischen Untergang und Rettung geradezu symbolisiere, und machte diese Beobachtung an mehreren Namen und Epochen fest.

Die Säkularisierung des Ordensstaates Preußen stellte das Land vor eine existenzielle Wende. Albrecht von Brandenburg-Ansbach, der letzte Hochmeister, gründete 1525 das „Herzogtum Preußen“. „Glaube und Politik. Herzog Albrecht im hermeneutischen Konflikt der Reformationszeit“, so hieß der Vortrag, den Professor Dr. Gilmanov in Göttingen im Albertinum hielt. Der Ort war ein sinnfälliger Rahmen. Das Albertinum wurde in den sechziger Jahren als Wohnheim für osteuropäische Studenten gebaut, weil Göttingen die Königsberger Universität Albertina – den Namen bekam sie erst Mitte des 17. Jahrhunderts, also zweihundert Jahre nach der Gründung 1544 durch Herzog Albrecht – nach dem Zweiten Weltkrieg übernommen hat. Als Bildungs- und Begegnungsstätte wurde das Albertinum am Bonhoefferweg zu einem Partner der Göttinger Universität Georgia Augusta.

Das zahlreiche und interessierte Publikum, das der Einladung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen gefolgt war, erlebte eine Begegnung mit Herzog Albrecht als „entscheidender Persönlichkeit in der Reformationsgeschichte des Landes“, wie der Referent mehrmals betonte. Professor Gilmanov stellte die geistig-seelische Situation eines Mannes in den Mittelpunkt, der sich in der Verantwortung für das Überleben S30_1364eines Staates sah und dessen Hoffnung auf Beistand mehrfach enttäuscht wurde. So habe ihn Kaiser Maximilian I. nicht bei seinen Reformen und bei seinem Streben nach Unabhängigkeit von der polnischen Krone unterstützt, weil er die polnische Königstochter Anna heiratete. Andererseits habe Rom ihm die notwendige Reform des sterbenden Ordens nicht ermöglicht. Seine Entscheidung für die Zusammenarbeit mit Luther 1523 müsse aus einer tiefen Krise erfolgt sein. Gilmanov nannte es „eine akute Grenzsituation zwischen Hoffnung und Verzweiflung“ und zitierte ein von Albrecht verfasstes Lied mit der Zeile: „All menschen sein verlogen.“

Den theologischen Auseinandersetzungen der Reformatoren, die Gilmanov detailliert analysierte, musste sich Albrecht stellen und geriet dabei besonders in den Bereich des Konflikts zwischen Luther und Osiander. Für Gilmanov war Albrechts Reformationsprojekt „soteriologisch“, es ging ihm um die Rettung vor dem „Gesetz der Sünde“, die den Tod nach sich ziehe. Entscheidend sei dabei die Liebe als Erfüllung des Gesetzes (s. Römerbrief 13.10). Gilmanov hob Albrechts Modernisierungsgeist und besonders seine religiöse Toleranzpolitik hervor, die von einer „bewundernswerten Glaubensfestigkeit“ zeuge.

Damit war die „Ideengeschichte“ Königsbergs – religiöse Toleranz bestimmte die Politik Preußens in den folgenden Jahrhunderten – eingeläutet, die Gilmanov in seinem Vortrag „Die regionale Ideengeschichte von der Reformation über Kant bis zum Untergang Königsbergs und die moderne Weltkrise“ aufarbeitete. Er hielt den Vortrag auf der Kulturtagung des BdV-Landesverbandes NRW in Düsseldorf.

Für die Entscheidung, denn das bedeutet „Krise“ im Griechischen, für Rettung oder Untergang, Tod oder Leben, vor der die Menschen heute stehen, finden sich nach Gilmanov Modelle und Lösungen in der Geistesgeschichte Königsbergs. Das 18. Jahrhundert nimmt in der Ideengeschichte Königsbergs eine besondere Stellung ein. Gilmanov berief sich auf Goethe, der in der „Italienischen Reise“ Johann Georg Hamann als „Ältervater“ der Deutschen bezeichnet, sprach den Fortschrittsglauben Johann Gottfried Herders an und nannte Immanuel Kant „den anderen großen Retter“. Heute sei ein solcher Retter nötiger denn je, denn es gebe eine Systemkrise, die Symptome wie geistige Verarmung, mangelndes Bewusstsein und eine S31_1364Geschichtslosigkeit zeige, die blind mache für Gegenwart und Zukunft. Das jedoch könne in einer globalisierten, hochtechnisierten Welt zu einer apokalyptischen Katastrophe führen.

Diese Krise habe der Mensch, im Kantischen Sinne, selbst verschuldet, erläuterte Gilmanov. Gemeinsam, und es geht nur gemeinsam in einer globalisierten Welt, müssten sie sich deshalb für eine „transnationale Ethik des Gemeinwesens“ einsetzen. Das müssten sie jedoch lernen, und „Kantstadt“, die „Hauptstadt des Ewigen Friedens“, sei ein geeignetes Klassenzimmer, „ein schicklicher Platz“ dafür.

Bärbel Beutner (KK)

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