Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1293.

Literatur und Kunst

Gemocht werden mag man

Der serbische Autor Ljubomir Nenadovic hielt seinen Lesern die Deutschen als Spiegel vor, heute allemal Anlaß zu einem  Lächeln

Alle Osteuropäer haben zwei Gemeinsamkeiten: Sie lieben Heinrich Heine und sie schätzen Deutsche! Die Verehrung für Heine ist leicht aus Bibliothekskatalogen zu belegen, in denen die ungezählten Übersetzungen des Dichters aufgeführt sind. Daneben stehen Gedichte im Stile Heines, die oft so gut gelungen sind, daß sie dem Autor das Kompliment eingetragen haben, der Heines seines Volks oder Landes zu sein.

Schwieriger ist es mit der Wertschätzung für Deutsche, die nach den Kriegen und Konflikten des 20. Jahrhunderts nicht mehr unbefangen geäußert werden kann. Davor hatte man damit keine Probleme, auch wenn sich nicht jeder dazu bekannte, Deutsche und ihr Land einfach zu mögen.

Das allerdings tat der serbische Dichter und Politiker Ljubomir Nenadovic (1826–1895), dessen „Pisma iz Nemacke“ (Briefe aus Deutschland) von 1870 in jedes deutsche Lesebuch gehörten. Leider kennen die Deutschen ihren „Fan“ kaum.

Nenadovic entstammte einer angesehenen serbischen Familie, sein Vater war Geistlicher, der Großvater Gutsherr, er selber ein genialischer Hansdampf. Er reiste gern, studierte an vielen Universitäten Europas ein bißchen und bestritt seinen Lebensunterhalt mit schönen Gedichten und geistvollen Feuilletons. Ein Examen hat er nie abgelegt, obwohl er den größten Wissenschaftlern seiner Zeit zu Füßen saß. Aber gerade aus seinen deutschen Jahren hat er so viel Wissen gesammelt – bei Alexander Humboldt in Ber-
lin 1845, bei dem Historiker Friedrich Ch. Schlosser 1846 in Heidelberg etc. –, daß er daheim Lehrer an einer Belgrader Schule, Staatssekretär im Außenministerium und kurze Zeit Minister für Bildung wurde. Lange hielt er es auf keinem Posten aus, verdrückte sich immer wieder in die Ferne, meist nach Deutschland, das er über alles liebte.

„In kein Land kommen so viele Ausländer wie nach Deutschland, denn nirgendwo kann man so bequem und preisgünstig leben wie hier“, schreibt Nenadovic und erklärt, warum das so ist: Engländer, Franzosen, Italiener sind selbstverliebt, zwingen Fremde, sich ihnen anzupassen und ihre Sprache zu reden. „Deutsche ehren und akzeptieren das Gute fremder Völker, bei ihnen fühlte sich der Ausländer wie zu Hause.“ Und sprachlich? „Kein anderes Volks lernt so viele fremde Sprachen wie die Deutschen, kein anderes rügt auch eigene Fehler und Mängel so streng wie sie.“ In Paris erlebte Nenadovic Franzosen, die bei Schillers „Maria Stuart“ laut gähnten – in Deutschland wird fremde Literatur eifrig übersetzt und begeistert gelesen.

Politisch leben Deutsche aller  Stände in geklärten Verhältnissen: „Deutsche sind fromm und monarchistisch; sie lieben ihre Könige und Herrscher aufrichtig, wobei beide Seiten ihre Grenzen kennen und sich an den Buchstaben des Gesetzes halten. Deutsche rebellieren nur, wenn der Krug Bier einen Pfennig teurer wird. Niemals haben Deutsche Paläste angegriffen, aber Jahr für Jahr schlagen sie mancher Brauerei die Fenster ein.“ „Das deutsche Volk altert nicht und verfällt nicht.“Jetzt hat es sogar eine Eisenbahn, „an einem Tag kann man fünf Universitäten besuchen – Würzburg, Heidelberg, Straßburg, Freiburg, Basel – und in allen berühmtesten Wissenschaftlern zuhören.“ Volk der Dichter und Denker? „Ich habe mir überlegt: In diesem Land werden 30000 verschiedene Zeitungen gedruckt. Jede Zeitung bringt pro Jahr mindestens einen neuen Roman, was in 100 Jahren eine Million Romane sind. Das kann ein Meer der Weisheit sein.“

Das alles liest sich wunderschön, zumal Nenadovic Deutsche auf ihren größten Vorteil aufmerksam macht: Es gibt kein deutsches Paris, London, Sankt Petersburg, aber „in Bildung und Fortschritt sind auch kleine Städte mit Berlin, München und Leipzig ebenbürtig“. Unter großen Städten gibt es einen kreativen Wettbewerb: „Was Weimar war, als Schiller und Goethe dort lebten, das wurde nun München: das deutsche Athen.“ Und darum wird es den Deutschen nie ganz schlecht ergehen: „Zerhaut Deutschland in kleine Stücke – jedes Stück wird allein Erfolg haben und sein deutsches Leben leben.“ Warum haben Slawen das nie geschafft?

„In wenigen kurzen Jahrhunderten haben Deutsche Wunder verrichtet und ihr Land in ein wahres Paradies verwandelt.“ Was sie anfaßten – Industrie, Bildung, Gesetze, Freiheiten, Rechte –, das gelang ihnen, „aber darum hassen alle ihre Nachbarn die Deutschen, was nur Neid ist“. Was ist das Erfolgsgeheimnis der Deutschen? „Deutsche arbeiten, als würden sie ewig leben, und beten, als müßten sie morgen sterben.“ Und sie haben eine intellektuelle „Erbfolge“ eigener Art errichtet: „Am besten versorgen und erziehen Deutsche und Schweden – Kinder, Engländer – Pferde, Italiener – Seidenraupen und Affen.“

Zwischen Deutschen und anderen Europäern besteht ein schreckliches Spannungsverhältnis: Alle Nicht-Deutschen kennen deutsche Großtaten, die sie Deutschen gewissermaßen übelnehmen. „Ein bekannter und gelehrter Engländer hat kürzlich gesagt: Für die größten Erfindungen, derer sich alle Völker bedienen, müssen wir uns beim allerdümmsten Volk bedanken, bei den Deutschen“. Alle Europäer, „sogar die Türken“, fühlen sich beleidigt, wenn man sie mit Deutschen vergleicht, und sei es im besten und lobenden Sinne. Ein solcher paneuropäischer Antigermanismus ist eine, die mangelnde Souveränität der Deutschen eine andere Sache: „Deutsche treten Engländern und Franzosen bescheiden, aber Slawen und östlichen Völkern frech und anmaßend gegenüber. Deutsche achten Amerikaner, hassen Franzosen, fürchten Russen, beneiden Engländer, sind gleichgültig gegenüber Italienern, freundlich gegenüber Griechen, höflich gegenüber Ungarn und Schweden und böse auf Slawen, weil diese nicht einsehen können, daß es für sie keine Zivilisation außer der deutschen geben könne.“

Nenadovic hat Deutschland von der Insel Rügen bis zum Bodensee durchstreift, in Bad Homburg und Wiesbaden gekurt und von überall die Leser seiner Zeitschrift „Schumandinka“ mit seinen witzig-informativen Reisebriefen unterhalten. Diese 1850 gegründete Zeitschrift, benannt nach der Schumadija, dem dichten Waldgebiet südlich von Belgrad, war ein großer Publikumserfolg, nicht zuletzt wegen dieser Briefe, die nicht wenige Literaturhistoriker mit den Europa-Briefen Mark Twains vom Ende des 19. Jahrhunderts verglichen haben. Nenadovic sparte in seinen Briefen nicht mit bissigen Bemerkungen – „deutsche Weisheit ist weiser, deutsche Dummheit dümmer als anderswo“ –, aber generell war sein Bild von Deutschland so tiefenscharf und übervoll an positiven Aspekten, daß man als deutscher Leser noch heute begeistert ist. Es muß ja auch begeistern, bei dem intellektuellen und welterfahrenen Serben Sätze wie diese zu lesen: „Schönes Deutschland, jeder unvoreingenommene Kosmopolit wird achtungsvoll deine großen Verdienste um das Menschengeschlecht anerkennen. Schönes Deutschland, du bist den Idealen nahe, die alle Völker von der Zukunft erhoffen. Die Leistungen deines Geistes und deiner Hände bewundert die ganze Welt. Dein Fortschritt ist der Fortschritt der ganzen Menschheit. Du bist die Sonne, die von West nach Ost wandert und entferntesten Völkern das Licht bringt. Wohin die Strahlen deiner Bildung reichen, dorthin reicht auch das Licht.“

Wolf Oschlies (KK)

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