Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1368.

Literatur und Kunst

Die Flüssigkeit des Glases

Udo Edelmann stellt in Rheinbach aus

Dass sich der 1938 in Landsberg an der Warthe, heute polnisch Gorzów Wielkopolski, geborene Udo Edelmann vor etwas mehr als 30 Jahren in Rheinbach niederließ und das ehemalige Wasserwerk zum „Glashaus am Wasserturm“ ausbaute, war für das Voreifelstädtchen und seine traditionsreiche Glasszene ein wahrer Glücksfall. Mit seinen auf vielen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigten Kunstwerken machte er den Namen Rheinbach international bekannt. Auch zu zahlreichen Ausstellungen holte er Künstler der internationalen Glasszene oder deren Arbeiten nach Rheinbach.

Edelmann gelang es, die 1917 in Schweden entwickelte Graal-Technik seite30-KK1368wiederzubeleben, er beeinflusste wesentlich eine im „Glashaus am Wasserturm“ aufgelegte Studio- bzw. Designlinie. So schildert Dr. Ruth Fabritius die Entstehung seiner Kreationen: „Schon in den Designarbeiten und den frühesten freien Kreationen Udo Edelmanns ist spürbar, dass der Künstler dem zähflüssigen Glas sein gewissermaßen organisches Fließen zugesteht, wenngleich er es kontrolliert und steuert. Edelmanns Werke sind nicht aus einer Haltung der unbekümmerten Rebellion gegen den störrischen, ja kapriziösen Werkstoff heraus entstanden, wie sie zumindest in Teilen der Gründergeneration der internationalen Studioglas-Bewegung zu finden ist. Vielmehr ist seine Herangehensweise eine Mischung aus analytischer Sachlichkeit, gespeist aus profunder Materialkenntnis und sensiblem Formempfinden.“

Ein umfangreicher Werkkomplex umkreist seit 1985 bis in die unmittelbare Gegenwart die Tropfenform als eine der Urformen des Lebens. Die langgezogenen Tropfen erscheinen als Solitäre, oft aus mehreren zart irisierten Schichten aufgebaut, jüngst (2015) auf einem Marmorsockel befestigt, von Anbeginn aber überwiegend paarweise, einander sich zuneigend, auf einen massiven Glassockel montiert oder auf einer Schiefertafel arrangiert. Udo Edelmann setzt sich auch mit einer weiteren Elementarform, nämlich der Spirale, intensiv auseinander. Er hat sie zu frei stehenden Skulpturen verarbeitet oder als farbige Wirbel in massive Kristallblöcke eingefangen. Eher selten im Gesamtœuvre Edelmanns sind figurative Arbeiten.

Edelmanns Lebenslauf ist typisch für viele Angehörige seines Jahrgangs: Der Vater fiel kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, die Mutter flüchtete mit zwei kleinen Kindern aus der zerstörten Heimatstadt Landsberg und fand schließlich im schleswig-holsteinischen Trappenkamp eine Bleibe. In dieser Flüchtlings- und Vertriebenensiedlung, die auf dem Gelände eines ehemaligen Marinesperrwaffenarsenals entstanden war, kam Udo Edelmann zum ersten Mal mit dem Werkstoff Glas in Berührung, dessen Faszination ihn ein Leben lang begleiten sollte: In Trappenkamp hatten sich bis 1948 etwa 850 Menschen angesiedelt, davon etwa die Hälfte Sudetendeutsche, die mehrheitlich aus Gablonz kamen, wo die Glas- und Schmuckwarenindustrie ihren Schwerpunkt hatte.

Um sich einen professionellen Zugang zum Glas zu eröffnen, nahm Udo Edelmann erst ein Chemie- und Technikstudium auf und absolvierte dann eine Ausbildung an der Staatlichen Glasfachschule Rheinbach. Hier übernahm er später einen Lehrauftrag. Eine entscheidende berufliche Station war die Ichendorfer Glashütte, in die er 1970 eintrat und wo er schnell vom Direktionsassistenten zum technischen Direktor aufstieg. Edelmann ging für ein zweijähriges Praktikum ins Glasland Schweden. Später übernahm er Planung und Baubegleitung einer größeren Glasfabrik in Guangzhou (Kanton), China, sowie weitere Beraterfunktionen in Guatemala und Portugal. Für die Firmen Roldao (Marina Grande, Portugal) und Glassartsa Vidrio soplada (Guatemala C.A.) arbeitete er Designentwürfe aus, die in die Produktion aufgenommen wurden. Auch in den 90er Jahren hatte er Gelegenheit, seine pädagogischen Fähigkeiten einzusetzen.

1981 kuratierte Edelmann in Kassel die parallel zur Bundesgartenschau gezeigte Ausstellung „Glaskunst 81“ – neben dem Coburger Glaspreis ein Meilenstein der internationalen Studioglasbewegung. 1982 ließ sich der Glaskünstler in Rheinbach nieder und eröffnete zusammen mit seiner Frau Chris auf dem Gelände des ehemaligen Rheinbacher Wasserwerks besagtes „Glashaus am Wasserturm“. Der Studioglasofen blieb bis 2005 in Betrieb. Die Ausstellung, die vom 22. April bis zum 29. Mai 2016 in Landsberg an der Warthe gezeigt wird und am 12. Juni 2016 nach Rheinbach kommt, wo sie bis zum 28. August im Glasmuseum zu sehen ist, gibt einen umfassenden Überblick über Edelmanns freie künstlerische Arbeiten und über sein Schaffen als Designer.

Dieter Göllner (KK)

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