Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1368.

Literatur und Kunst

Bunte Metaphysik

Das Chorhauptfenster der Kathedrale St. Johannes der Täufer und St. Johannes Evangelist in Thorn von der DPS renoviert und geschützt

Bei Pfarrer Marek Ruminski will sich zunächst keine rechte Begeisterung einstellen, seite23-KK1368als ihm von Dr. Ulrich Schaaf, dem Regionalbeauftragten der Deutsch-Polnischen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz für die Woiwodschaft Kujawien, im Sommer 2014 der Vorschlag unterbreitet wird, seine Kirche, die Kathedrale St. Johannes der Täufer und St. Johannes Evangelist in Thorn, genauer deren Chorhauptfenster, zum Bestandteil eines von deutscher Seite finanzierten Restaurierungs- und Forschungsprojekts zu machen. Die Zurückhaltung geht vor allem darauf zurück, dass die mächtige mittelalterliche Kirche seiner Gemeinde in der unter dem Schutz der UNESCO stehenden Thorner Altstadt Jahre umfangreicher Sanierungsarbeiten hinter sich hat und jetzt endlich wieder, von Gerüsten befreit, erstrahlt. Und das will vor allem der Bischof nicht durch eine neue Gerüststellung, die zur Bearbeitung des mächtig hohen Ostfensters notwendig wird, gleich wieder aufs Spiel setzen.

Doch Bischof und Pfarrer willigen schließlich ein, denn wann wird sich wohl wieder eine Gelegenheit zu einem solchen komplett fremdfinanzierten Projekt, und dann auch noch aus Deutschland, bieten?

Das Ost-Chorfenster der ehemaligen Altstädtischen Pfarrkirche und heutigen Thorner seite24-KK1368Kathedrale mit seiner kostbaren mittelalterlichen Glasmalerei hat das Interesse eines deutsch-polnischen Expertenteams geweckt. Seine ältesten Glasfelder werden nach neuesten Forschungsergebnissen um 1330 datiert. Sie haben sich als Fragmente mit geometrischen und vegetabilen Mustern im Maßwerk erhalten. Das mit der Chorerrichtung entstandene Fenster ist 11 Meter hoch und 3,4 Meter breit (die Farbverglasung hat die Fläche von 32,5 Quadratmetern).

Als man 1638 auf Veranlassung der Jesuiten im Chorraum einen riesigen Altar errichtete, wurde das Chorfenster verdeckt und vermutlich auch zum Teil zugemauert. In den kriegerischen Auseinandersetzungen 1806–1813 wurden die Glasmalereien stark zerstört. 1949 entschloss man sich zur Wiederherstellung des gesamten farbigen Fensterprogramms der Kirche. Dabei wurden beim Ost-Chorfenster die mittelalterlichen Fragmente konserviert und restauriert und die umfangreichen Fehlstellen historisiert ergänzt. Durch diese bis 1951 fertiggestellten Arbeiten entstand wieder eine geschlossene, harmonisch ausgeglichene Farbverglasung. Seitdem war die sichtbare Glassubstanz des Chorfensters nicht mehr angerührt, geschweige denn geschützt worden.

Die Glasmalereien sind in vier Lanzettbahnen und elf Ebenen eingeteilt. In den Fensterecken sind Wappen zu sehen, u. a. von Papst Pius XII. und der Stadt Thorn. Die figürlichen Darstellungen der Glasmalereien haben heute überwiegend Szenen aus dem Leben der Schutzpatrone der Kathedrale zum Gegenstand: Johannes Evangelist sieht das Ende der Welt und Johannes der Täufer predigt in der Wüste. Zum Bildprogramm gehören ferner Motive wie der Erzengel Michael, Maria mit dem Jesuskind, das Abendmahl und die Kreuzigung.

Viele Jahre war die Farbverglasung des Fensters den Wettereinflüssen und der Umweltverschmutzung ausgesetzt. Die Glasoberfläche war außen wie innen verschmutzt und mit keinem Schutzglas abgesichert. An den äußeren Flächen der mittelalterlichen Farbverglasung waren langanhaltende Feuchtigkeitsschäden zu sehen. Die Glasmalereien wiesen zudem zahlreiche Sprünge und Lücken auf. Die Malschicht in den mittelalterlichen Fensterfeldern im Maßwerk blätterte von der Glasoberfläche ab. Zweifellos war das die Folge der Restaurierung Mitte des 20. Jahrhunderts. Die empfindlichen Gläser und Malschichten waren damals u. a. stundenlang und wiederholt mit fließendem Wasser gespült und getrocknet und nach dieser Maletrierung bei Temperaturen zwischen 50 und 100 Grad in einen Vakuumbehälter gesteckt worden!

Diesmal bekommt das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück (DBU) und der Beauftragten für Kultur und Medien (BKM) geförderte Projekt mit der Deutsch-Polnischen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz in Görlitz als Maßnahmenträger den Titel: „Untersuchung und modellhafte Sanierung schwergeschädigter mittelalterlicher Glasmalereien bedeutender sakraler Bauten in den durch Umweltschadstoffe extrem belasteten Städten Kujawiens 2014–2016“. Als Objekt dabei ist das ehemalige Chorhauptfenster des Maria Himmelfahrt-Doms in Leslau/Włocławek, dessen Glasmalerei 1350–1360 entstand und in einem Seitenkapellenfenster dort fragmentarisch erhalten ist.

Die DBU fördert die in Teilen bis Ende 2016 laufenden naturwissenschaftlichen Erhebungen, die von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) im Auftrag der DPS ausgeführt werden und in das Konzept zur Restaurierung des Ost-Chorfensters eingeflossen sind. Zu den Untersuchungen gehören z. B. die Bestimmung der Schadstoffbelastung an den originalen Glasmalereien mit Hilfe von Passivsammlern sowie Klimamessungen und schließlich als Vergleich eine Auswertung der klimatischen Situation jener mittelalterlichen Farbverglasungen (1370–1380) der nicht mehr existenten Pfarrkirche Maria Himmelfahrt in Kulm, die seit Jahrzehnten im Regionalmuseum Thorn (im Altstädtischen Rathaus) ausgestellt sind.

Die Restaurierungsarbeiten an der Fensterverglasung umfassten die behutsame Reinigung und Sicherung aller Teile, Einbau einer Außenschutzverglasung, die Herstellung neuer notwendiger Metallelemente aus rostfreiem Stahl, das Kleben der gesprengten Glasfelder, die Ergänzung von Glasfehlstellen, die Festigung geschwächter Malschichten, Ausbesserungsarbeiten am Bleinetz und die Wiedermontage der Original-Glasfelder im Abstand von 70 cm zur neuen Schutzverglasung. Ganz am Ende der Maßnahme steht eine ausführliche Dokumentation durch den Restaurator.

Die Fensterglasmalerei-Technik war im 14. Jahrhundert in Europa auf einem vergleichbaren Stand. Die Kolorierung des handgeblasenen Glases erfolgte mit Oxyden und Metallen, Silber-, Gold- und Kobalt-Salz sowie Magnesium. Die auf diese Weise erzeugten Farben waren klar und intensiv. Kirchen-Buntglasfenster hatten eine starke didaktische und ästhetische Wirkung. Die Szenen, die sie präsentierten, waren meistens der Bibel entnommen. Die leuchtenden farbenprächtigen Fenster sorgten für metaphysisch wirkendes Licht im Kircheninneren, das Gott verkörperte. Es wurde zu mystischem Licht.

Am 11. Februar 2016 bei der technischen Endabnahme der restauratorischen Arbeiten und als sich danach eine ganze Reihe regionaler und lokaler Medienvertreter in der Kathedrale zum Pressetermin einfinden, die am nächsten Tag begeistert über das deutsch-polnische Gemeinschaftsprojekt berichten werden, strahlt nicht nur Pfarrer Ruminski. An Zuwendungen in das eng mit den polnischen Denkmalbehörden und Krakauer Experten für historische Farbglasfenster abgestimmte Modellvorhaben in Kujawien fließen 117 000 Euro von der DBU. 57 000 Euro wurden von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien beigesteuert, davon 46 300 Euro für die Restaurierung des Ost-Chorfensters der Kathedrale in Thorn.

Peter Schabe (KK)

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