Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1371.

Literatur und Kunst

Polnisch-pommersche Poetik

Ein Seminar der Ostsee-Akademie kreist um den Satz: „Ich habe über die deutschen Stettiner geschrieben, weil es ein Buch für die Polen ist“

Im Mittelpunkt eines Seminars der Ostsee-Akademie im Pommern-Zentrum Travemünde unter dem Titel „Das literarische Stettin“ stand die Frage: Wie haben deutsche und polnische Publizisten die Zeit der Irrungen und Wirrungen in der jetzigen Grenzregion beiderseits der Oder seit 1945 schriftstellerisch bewältigt? Diese Frage verlockte eine interessierte Gruppe, auf literarische Spurensuche zu gehen. Von polnischer Seite nahmen etliche Stettiner der Gegenwart an der Begegnung teil. Der Höhepunkt des Treffens fand in einem Vortragssaal der Pommerschen Bibliothek im renovierten Gebäude der ehemaligen deutschen Bücherei der Stadt Stettin statt.

Die Vortragsstunde, eingeleitet und mitgestaltet von Zbigniew Plesner, begann mit der seite_28_KK1371Vorstellung der Redner. Der polnische Autor Artur Daniel Liskowacki, dessen Roman „Eine kleine … Quasi una allemanda“ erzählt die Geschichte des Geigers Bonkowsky in jenem dramatischen Augenblick, als Millionen von Menschen in Europa in die Falle der Geschichte gerieten. Der deutsche Titel des Buches „Sonate für S.“ weist auf die Stadt Stettin hin, und der Umschlag des Romans zeigt die Hakenterrasse und im Vordergrund die bekannten Ausflugsdampfer „Herta“ und „Odin“. Ganz anders präsentiert sich das Titelbild auf der polnischen Ausgabe. Der Buchdeckel zeigt die verwischte deutsche Hausinschrift „August Einicke. Nähmaschin u. Fahrrad Handlung“.

Liskowacki, dessen Vortrag für die deutschen Seminaristen simultan übersetzt wurde, schrieb in seinem Stettin-Roman nach eigenem Bekenntnis vor allem über deutsche Bewohner der Stadt nach 1945, über ihr Leben und Leiden. Und der polnische Autor berichtete weiter ruhig, bestimmt und voller Anteilnahme, es sei ihm darum gegangen, die Atmosphäre der Ungewissheit und die Lebenssituation der Deutschen in Stettin zu reflektieren. Er nannte es seine schriftstellerische Berufung, seinen Landsleuten aufzuzeigen, wie die Stettiner Deutschen zu einer unerwünschten Minderheit in ihrer Heimatstadt wurden und mit wie viel Misstrauen sie behandelt wurden. Er teilte dem Zuhörerkreis auch mit, dass seine Landsleute in der Oderstadt sein Werk vielfach zu deutschfreundlich gefunden haben.

Die Ausführungen des Autors Artur Daniel Liskowacki lösten unter den Teilnehmern eine lebhafte Diskussion aus. Es wurde deutlich, dass das Nachkriegsschicksal Stettins und seiner Bewohner wert ist, klarer charakterisiert zu werden. Aufgabe der Publizisten sei es, die Phasen der menschlichen Ballung und Entwurzelung mit den verschiedensten Auswirkungen literarisch nachvollziehbar zu machen. Die Antwort Liskowackis auf die Frage, warum er denn vor allem deutsche Nachkriegsgeschichten in seinem Roman erzählt habe: „Ich habe über die deutschen Stettiner geschrieben, weil es ein Buch für die Polen ist.“

Ganz anders, quicklebendig und temperamentvoll, veranschaulichte die deutsch-polnische Buchautorin, Dokumentarfilmerin und als Ärztin in Berlin wirkende Britta Wuttke ihre Lebensgeschichte. Die 1940 in dem früheren deutschen Ostseebad Misdroy (heute Miedzyzdroje) Geborene hat die schrecklichen Geschehnisse des Jahres 1945, Flucht, Verfolgung, Plünderung, Überfälle und Mord miterlebt. Ihre Familie schaffte es, nach der Vertreibung der Deutschen von der Insel Wollin als eine der wenigen im jetzt polnischen Misdroy zu bleiben. Britta Wuttke hat die persönliche Historie in einem Dokumentarfilm aufgezeichnet. Diese Verarbeitung in einem Filmstreifen, der in einprägsamen Bildern die Lebensabschnitte einer emanzipierten Frau dokumentiert, ist eindrucksvoll gelungen.

Eine bemerkenswerte Sequenz zeigt jene Stelle am Rande der Unterheide, wo am Weg nach Liebeseele ein Gedenkstein liegt, dessen Inschrift davon kündet, an dieser Stelle sei der staatliche Forstgehilfe Werner Wuttke von einem Wilderer getötet worden. Das soll 1923 geschehen sein. Die Polen haben diese Gedenkstätte nicht abgeräumt. Die Schrift auf dem Stein habe man bei Aufnahme des Films noch lesen können.

Die Frage, ob ihre abenteuerliche Lebensgeschichte nicht in deutscher Sprache – in polnischer Sprache sind ihre Erinnerungen ein Bestseller geworden – veröffentlicht werden sollte, verneinte Britta Wuttke. Auf die Frage, warum sie Wollin nicht verlassen habe und auf der heute zu Polen gehörenden Insel verblieben sei, gab die Befragte bereitwillig Auskunft. Sie, die zu Beginn der gewaltsamen Landnahme „durch die Fremden“ auf Grund ihrer Familiengeschichte nicht mehr genau gewusst habe, ob sie Deutsche bleiben oder Polin werden sollte, habe sich schließlich als Europäerin für das Bleiben zwischen Menschen entschieden, die einander verstehen und miteinander in Frieden leben wollen. Die Schicksale von Deutschen und Polen sind miteinander verflochten und zeigen, dass sich zwischen den beiden Völkern ein Gemeinschaftssinn zu bilden beginnt. Diesen illustriert auch der Dokumentarfilm von Britta Wuttke, die auch Ehrenbürgerin des heimatlichen Ostseebades geworden ist.

Der Autor dieses Berichts hat in seinem Stettin-Roman „Was bleibt, ist die Hoffnung“ versucht, wie er mitteilte, die schmerzliche Metamorphose Stettins im Frühjahr 1945 einzufangen. Er wies darauf hin, dass sein Buch im heutigen Szczecin (Stettin) recht positiv aufgenommen worden ist.

Evelina Kaminska betonte in einer Rezension des Buches in deutscher Sprache in der Publikation „Colloquia Germanica Stettinensia“ der Universität Stettin (Universytet Szczecinski): „Warmanns Darstellungsart ist recht objektiv. Seine Parteinahme für Deutsche bedeutet nicht, dass die Gegner eindeutig negativ gezeichnet werden. Er berichtet nüchtern über die Anfänge des polnischen Szczecin. Beschrieben werden die Tätigkeit des Stadtpräsidenten Zaremba und des Bevollmächtigten der polnischen Regierung für den Kreis Westpommern, Borkowicz, sowie die ersten Schritte der polnischen Presse und des polnischen Schulwesens. Dabei wird deutlich, dass die bisherigen Einwohner zu Bürgern zweiter Klasse werden. Aus diesem Gefühl erfolgen entweder die freiwillige Flucht der Deutschen oder deren Austreibung durch die polnische Miliz … Der Bahnhof Scheune, heute der Grenzbahnhof Gumience, wird zum Symbol dieser Tragödie. Warmann hat ein ergreifendes Buch geschaffen. Er verschweigt nichts, was in der schlimmen Zeit passiert ist. Der Roman ist wirklich jedem zu empfehlen, der sich für die Geschichte und deren literarische Umsetzung interessiert. Die alten Stettiner werden mit der Lektüre in ihre Heimat zurückversetzt. Die Historiker können ihre Kenntnisse um Details über die Eroberung der Stadt und die Umstände ihrer späteren Übergabe an die Polen erweitern.“

Zu dieser deutsch-polnischen Spurensuche sei noch vermeldet, dass Andrzej Palmirski in seinem Buch „Taniec smierci. Nibi fantazja szczecinska“ über die Kriegs- und Nachkriegszeit und die Verwandlung Stettins in die Stadt Szczecin berichtet. Sein jugendlicher Held Erni erlebt in der „Kristallnacht“ den Brand der Stettiner Synagoge und damit zugleich die Bedrohung der benachbarten Stadtbibliothek. Palmirski schildert die Tätigkeit des polnischen Stadtpräsidenten und berichtet über die schwelenden Gerüchte, die Stadt solle den Polen übergeben werden.

Zu den weiteren Programmpunkten dieser Reise gehörten ein eindrucksvoller Vortrag seite_30_KK1371über den 1878 in Stettin geborenen Schriftsteller Alfred Döblin in den Räumen des Museums an der Hakenterrasse, der leider abgebrochen werden musste, da die Besuchszeit des Museums abgelaufen war und der Hausmeister die Tore schließen wollte. Ein anderer Tag war dem Besuch im Haussmann Quartier gewidmet, jenem Stadtviertel, in dem die Mietshäuser außergewöhnlicher Stettiner liegen. Jens Rüdiger, der umsichtige und kundige Leiter dieses Seminars der Ostsee-Akademie, führte die Mitglieder der Runde zu den ehemaligen Wohnstätten des späteren Autors der Zeitschrift „Die Weltbühne“, Kurt Tucholsky, der seine Kindheit in Stettin verbrachte, zum Wohnhaus des Direktors der Stettiner Stadtbücherei, Erwin Ackerknecht, zum Geburtshaus des großen Schauspielers Heinrich George und zur Heimstatt des Stettiner Stadtbaumeisters Wilhelm Meyer-Schwartau. Auch der Stettiner Hauptfriedhof war Ziel eines Ausflugs, wo der Toten der pommerschen Provinzhauptstadt gedacht wurde.

Auftakt der fruchtbaren Bus-Reise in das literarische Stettin war ein recht kurzer Aufenthalt in Greifswald gewesen, und zwar im Geburtshaus des Schriftstellers Wolfgang Koeppen in der Bahnhofstraße 4, das die Bibliothek des Schriftstellers birgt. Der Dichter, dessen Ruhm sich eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg festigte, ist mit seinem Geburtsort nie so recht warm geworden, doch er hat hier eine Bibliothek hinterlassen, in deren Bänden die Besucher so richtig stöbern konnten. Koeppen war nicht nur eine große Persönlichkeit der deutschen Literatur, sondern auch eine „Leseratte“ von Format, was seine riesige Büchersammlung beweist. Das Koeppenhaus ist ein Literatur-Museum geworden.

Krönender Abschluss der Reise in das kulturelle Leben der Oderstadt war der Genuss eines Kammermusikabends im Kammermusiksaal des Neubaus der Stettiner Philharmonie, die sich dort erhebt, wo früher das deutsche Konzerthaus der Stadt stand, dessen im Krieg ausgebrannte Ruine die Polen abgerissen haben. Auf dem Programmzettel standen Werke von Michail Glinka und Francis Poulenc.

Wenn es der Ostsee-Akademie ernst war, mit diesem Seminar den Anfang einer stetigen Reihe von Begegnungen zwischen deutschen und polnischen Literaten und Literaturinteressierten zu machen, dann ist das durchaus gelungen. Wunsch der Teilnehmer ist es, die Kontakte auf kulturellem Gebiet in der Grenzregion weiter auszubauen.

Hans-Gerd Warmann (KK)

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