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Ausgaben: Ausgabe 1371.

Literatur und Kunst

Unbehauste Texte

Die abenteuerliche Geschichte von Hunderten von Handschriften und Dokumenten Eichendorffs findet ihren Abschluss

Lange Zeit galt die Sammlung als verschollen – nun kamen große Teile des so seite_25_KK1371genannten „Wiesbadener Nachlasses“ in das Goethe-Museum nach Frankfurt, wo bis 2019 ein Romantik-Museum entstehen soll. Die abenteuerliche Geschichte von Hunderten von Handschriften und Dokumenten Eichendorffs findet ihren Abschluss.
Voller Stolz präsentierte am 15. März das Freie Deutsche Hochstift, der Träger des Goethe-Museums in Frankfurt, die Neuerwerbung des Hauses. Es handelt sich um 218 handschriftliche Doppel- und 100 Einzelblätter, die größtenteils aus dem sogenannten Wiesbadener Nachlass stammen. „Die Wissenschaft erhofft sich ergiebige frische Quellen für die Eichendorff-Forschung. Der Teilnachlass Eichendorffs wirft Schlaglichter auf ein bewegtes Leben zwischen Kampf in den Befreiungskriegen, romantischer Dichtkunst, Familienglück und -leid und preußischem Ministerialdienst. Zu dem Konvolut gehören Manuskriptseiten bekannter Werke wie ‚Das Marmorbild‘, Briefe von und an Eichendorff sowie persönliche Notizen und amtliche Zeugnisse“, so die Hochstift-Sprecherin Beatrix Humpert.

Nach Eichendorffs Tod hatten seine drei Kinder Hermann, Rudolf und Therese seinen Nachlass aufgeteilt, nachdem Hermann zuvor einiges aus dem literarischen Nachlass veröffentlicht hatte. Thereses Teil kam gegen Ende des 19. Jahrhunderts an die Königliche Bibliothek in Berlin (heute Staatsbibliothek). Hermanns Teil ging an dessen Sohn Karl (1863–1934) über. Da Karl Freiherr von Eichendorff gegen Ende seines Lebens in Wiesbaden wohnte, wird dieser Nachlass als der Wiesbadener Nachlass bezeichnet. Karl gelang es, den Bestand um den sogenannten Sedlnitzer Fund zu erweitern, eine Autographensammlung, die 1919 von der Lehrerin Anna Bönisch im ehemaligen Familiensitz der Eichendorffs in Sedlnitz (Sedlice) in Mähren entdeckt wurde: Neben der Urfassung des „Taugenichts“ befanden sich in einer Truhe 80 Gedichtentwürfe, Fragmente von Novellen sowie Konzepte zur „Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands“. Wie sich herausstellte, handelte es sich um den Teil des Nachlasses, den Rudolf erhalten hatte.

Als erster der Nachfahren Eichendorffs betrieb Karl Forschungen über das Leben und Werk des bedeutendsten Dichters der Spätromantik. Einerseits forschte er nach seinen Vorfahren der Eichendorff-Linie und schrieb Archive in Brandenburg, Böhmen, Mähren und Schlesien an. Andererseits sammelte er Entwürfe und Notizen seines Großvaters, aber auch Aufzeichnungen und Korrespondenz des Dichters und seiner Nachkommen, Urkunden usw.

Anhand der Aufzeichnungen zu Gedichtentwürfen können wir heute die Arbeitsschritte des Dichters nachvollziehen und stellen fest, dass die Sprachkunstwerke Eichendorffs nicht Ergebnisse der Eingebung waren, die dem Dichter locker von der Hand gegangen wären, sondern hart erarbeitet wurden. Die Erwerbungen des Goethe-Museums sind ein echter wissenschaftlicher Schatz, wie Bettina Zimmermann von der Handschriftenabteilung bestätigt.

Zusammen mit dem Herausgeber und Verleger Karl Schodrok, dem Philosophen Adolf Dyroff und dem Literatur- und Theaterhistoriker Wilhelm Kosch begründete Karl Freiherr von Eichendorff 1913 die Eichendorff-Gesellschaft in Gleiwitz (Gliwice). Von 1929 an wirkte er bei der Herausgabe der Jahreszeitschrift „Aurora“ mit. Nach seinem Tod kam sein Nachlass 1935 in Eichendorffs Sterbehaus in Neisse (Nysa), wo das Deutsche Eichendorff-Museum eingerichtet wurde. Als kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges die Rote Armee näherrückte, entschied Willibald Köhler (1886–1976), der Leiter des Museums, den Nachlass nach Schwaben auszulagern, woher sein Freund, der Oppelner Buchhändler Carl Ritter, stammte. Die in Eichentruhen umständlich verpackten Manuskripte und andere Exponate kamen über Jauernig (Javorník) nach Thomasdorf (Domašov) im Altvatergebirge südlich von Neisse, wo sie in einem Gasthof deponiert wurden. Willibald Köhler versuchte die Truhen später abzuholen, doch dazu kam es nicht mehr – über seine Freunde erfuhr Köhler, dass die Truhen samt Inhalt aus dem Keller des Gasthofs verschwunden und vermutlich für immer verloren waren.

Nach den Kriegs- und Vertreibungswirren entstand in Wangen im Allgäu eine seite_27_KK1371Zufluchtsstätte für schlesische Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler, die 1950 den Wangener Kreis gründeten. Willibald Köhler, der mit Carl Ritter und dem Schriftsteller Egon H. Rakette zu den Mitbegründern des Wangener Kreises gehörte, begann ein neues Eichendorffmuseum nach Neisser Vorbild zu errichten; großzügig unterstützte die Stadt Wangen das Vorhaben. Als 1955 in einem Prager Antiquariat Eichendorffs Jugendtagebuch auftauchte, wurde Köhler klar, dass nicht der gesamte Neisser Nachlass zerstört worden war. Dieses Tagebuch wurde dann als Geschenk des tschechoslowakischen Staates der DDR, und zwar dem Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar, übergeben.

Nachdem weitere Einzelmanuskripte Eichendorffs auftauchten, ging zu Beginn der 70er Jahre Sybille von Steinsdorff Hinweisen auf Eichendorffsche Handschriften u. a. in Jauernig nach. „Dank ihrer nach und nach geknüpften Kontakte zu den örtlichen Archiven wurde letztlich der Archivalientauschvertrag zwischen der CSSR und der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1987 abgeschlossen, bei dem die Bestände des Bezirksarchivs Mährisch-Schönberg (Šumperk) in den Besitz der Bundesrepublik gelangten und dann als Dauerleihgaben der Bundesrepublik von der Eichendorff-Gesellschaft (mit Sitz in Ratingen) verwahrt wurden“, erklärt Ursula Regener (Universität Regensburg). Darüber hinaus habe es seit den 90er Jahren weitere Handschriftenfunde und Transfers gegeben, in die Sibylle von Steinsdorff involviert war. Von Steinsdorff habe als Ansprechpartnerin vieles vorfinanziert und die Autographen nach und nach ans Freie Deutsche Hochstift oder die Eichendorff-Gesellschaft weitergegeben, zuletzt 2009 drei Gedichthandschriften aus dem Sedlnitzer-Fund (2013 von Renate Moering veröffentlicht).

Den wohl kompletten Rest, darunter zwölf wichtige Stücke aus dem Wiesbadener Nachlass und viele Eichendorffiana, hatte von Steinsdorff 2014 über einen Antiquar dem Freien Deutschen Hochstift angeboten. Da die Klärung der Finanzierung durch die Kulturstiftung der Länder, das Land Hessen und Thyssen jedoch länger andauerte, konnte der Ankauf erst jetzt vollzogen werden. Sibylle von Steinsdorff kann die Aufmerksamkeit, die ihre Sammlung nun erfährt, leider nicht mehr erleben, sie verstarb am 18. Februar 2016.

Johannes Rasim (KK)

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