Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1371.

Literatur und Kunst

„… zutiefst zu Hause in der Fremde“

Birgit Lermen, Verena Lenzen (Hg.): „es stand / Jerusalem um uns“ – Jerusalem in Gedichten des 20. und 21.  Jahrhunderts. Festgabe für S. E. Bischof Dr. Heinrich
Mussinghoff zum 75. Geburtstag. Mönchengladbach 2016, 184 Seiten

Diese Festgabe für einen verdienten Bischof, mit viel Mühe und Liebe seite_21_KK1371zusammengetragen von zwei namhaften Literaturwissenschaftlerinnen, erweist sich beim näheren Hinsehen als wahre Fundgrube für Freunde der Lyrik und insbesondere Jerusalems. Diese Stadt, deren Name bereits 1800 v. Chr. in der Geschichte auftaucht, erhält zur Zeit des Zweiten Tempels nach 500 v. Chr. in der feierlichen Dualform Jeruschalajim die von den späteren Masoreten biblisch festgelegte Bedeutung: „Stadt des Friedens“. Ein Frieden, den Psalm 122 in die bis heute unerfüllte Bitte kleidet: „Es möge Friede sein in deinen Mauern / und Glück in deinen Palästen!“

Die Autoren des Lyrikbandes stammen alle aus einer friedlosen, antisemitischen, gewaltgeprägten Welt. Das NS-System war von Anfang an repressiv gegen das literarische Schaffen jüdischer Schriftsteller bis zur systematischen Ghettoisierung und Ausrottung vorgegangen, hatte die jüdischen Stimmen im ganzen deutschen Kulturraum zum Schweigen gebracht und die Schriftsteller zur Flucht gezwungen oder ermordet. Das war vor allem auch das Schicksal der aus Mitteleuropa geflohenen Dichter wie Rose Ausländer und Paul Celan aus dem bukowinischen Czernowitz, Manfred Winkler und Dan Pagis aus der Bukowina, Leah Goldberg aus Königsberg, David Rokeah aus Lemberg, Tuvia Rübner aus Pressburg und Netti Boleslav aus Böhmen.

Diese Schriftsteller im Exil lebten in ihrer Sprache, „in der sie gefangen und verfangen waren wie in ihren Erinnerungen“, so beschreibt es die Einleitung des Lyrikbandes. Sie lebten nicht mehr in Deutschland, das sie als Verfolgte verlassen hatten: Sie behielten die Sprache als Heimat, nicht ein Deutschland, das sich auf Abwege begeben hatte. Schalom Ben Chorin (1913–1999), als Fritz Rosenthal in München geboren, stellt fest: Aus einem Land kann man auswandern, aus der Muttersprache nicht.

Mit Jerusalem verbanden viele dieser deutschen Schriftsteller jüdischer Herkunft vor ihrer Emigration keine religiöse Lebenswirklichkeit. In ihren Gedichten ist aber nach Margarita Pazi „Jerusalem ein sehr konkreter Begriff, das Herzstück und das Rückgrat des Landes, in dem die Dichter ihre Heimat fanden“. Die Lyriker finden in Jerusalem und in ihren Jerusalem-Gedichten ihre lyrische Heimat wieder, die sie durch Verfolgung und Exil verloren hatten. Heimatverlust als Identitätsverlust – dieses Bruch wird lyrisch durchlebt. Damit ist Jerusalem alles in einem: „ein steinernes Gedächtnis und ein Stein des Anstoßes, ein Sehnsuchtsort, eine irdische Begegnungsstätte und ein himmlisches Traumbild“, wie es die Einleitung abschließend formuliert. Sie enthält auch biographische Notizen über einige der Autoren, am Schluss des Bandes gibt ein Autoren- und Quellenverzeichnis weiteren Aufschluss.

Frieden, Heimat, Fremde, Identität, Sehnsucht, Sprache sind die Hauptbegriffe, um die seite_22_KK1371herum die 55 ausgewählten Autoren, geboren zwischen 1869 und 1959, ihre lyrische Welt entfalten. Die persönlichen Schicksale, geprägt von Flucht, Verfolgung, Exil, Vereinsamung und Tod, spiegeln sich in erschütternden Realphantasien und in plastischen Traumbildern. So stellt David Rokeah (1916–1985) bitter fest:

Meine Erinnerungen
gehen nicht mit der Zeit. Der Schatten
meiner Geliebten
liegt zwischen den Steinen wie Stacheldraht.
Rose Ausländer (1901–1988) überbrückt zeitliche und räumliche Distanzen mit lyrischer Kraft:

Wenn ich den blauweißen Schal
nach Osten hänge
schwingt Jerusalem herüber zu mir
mit Tempel und Hohelied – ich bin
fünftausend Jahre jung

Trauer und Sehnsucht prägen die Verse von Netti Boleslav (1923–1981):

Jahre verstaubten den Weg zu dir,
ich bin zur Greisin geworden.
Nur in deinen Tempeln
sehen meine Augen das Licht.
Jeruschalajim,
ich bin versteint
in deine Mauern.
An deinen Säulen
brennt mein Herz.

Die Identität der Dichter zwischen Heimat und Fremde, Sprache und Schweigen seite_23_KK1371kristallisiert sich zu lyrischen Sprachbildern von großer Tiefe. So dichtet die Königsbergerin Leah Goldberg (1911–1970) in Jerusalem:

Regen fällt, aber er macht meine Hände
nicht nass.
Und doch bin ich hier, ganz und gar hier –
in einer fremden Stadt
zutiefst zu Hause in der Fremde.

Schalom Ben Chorin überbrückt in seinem Gedicht „Traumgeographie“ den Abstand zwischen alter und neuer Heimat:

Es geschieht nun, dass ich ungehindert
Von Jerusalem nach Schwabing geh …
Tausend Meilen sind zum Sprung vermindert
Tel Aviv liegt nah am Tegernsee. – Sprachen fließen seltsam bunt zusammen
Fremde Völker, Länder trennt kein Meer
Schnaderhüpferl und Makamen
Sag und sing ich durcheinander her

Das jüdische Schicksal wird von Else Lasker-Schüler (1869–1945) eindrücklich in ein „Gebet“ in Jerusalem gefasst:

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.

Hilde Domin (1909–2006) findet bei aller Trauer Ermutigung:

Unsere Kissen sind naß
von den Tränen
verstörter Träume.
Aber wieder steigt
aus unseren leeren
hilflosen Händen
die Taube auf.

Reiner Kunze legt als nichtjüdischer Autor einen Zettel in die Fugen der Klagemauer von Jerusalem:

Vielleicht, damit gott nicht vergißt
Damit er die angst schwarz auf weiß hat.
Manfred Winkler (1922–2014) schreibt an der Klagemauer:
die Mauer verbarg
der Menschen Bitten
in ihren Ritzen
alles war Papier
traumgenäßte Zettel
Finger die sich falten

Das Unbehaustsein in der Fremde und die Sehnsucht nach Leben kommen bei Tuvia Rübner (geboren 1924), Literaturpreisträger der Konrad-Adenauer-Stiftung, in schwermütigen Bildern zum Ausdruck:

als wären wir hier
Tag oder Nacht
wie ohne Stimme, wie Traum wirklich waren wir hier
laufend in der Stadt Erinnerung stumm
ein Weinen, Gassen versunken
dunkler Eingang warte
verschwinde nicht
einen Augenblick, nur einen wie
lebend

Verlorene Hoffnung, Leben, Identität beweint Dan Pagis (1930–1986) an „Jasons Grab in Rechavia“:

Ein anderes Leben
wanderte übers Ziffernblatt deines Gesichts, und von Zeit zu Zeit
läutest du eine zufällige, betretene Hoffnung,
die nicht zu reparieren ist. – Kehrst jeden Augenblick wie neu, kehrst wach
in die hastende Stadt zurück, die längst
verwandelt ist,
und fragst: Bin ich das, falls ich noch lebe?
Und niemand wird dir glauben.

Jerusalem ist seit zweieinhalb Jahrtausenden die Stadt der Juden, seit zweitausend Jahren die der Christen und seit anderthalbtausend Jahren auch die der Moslems. Reiner Kunze hat in feiner Beobachtung in seinem „Himmel von Jerusalem“ diesen Zustand der Stadt beschrieben:

Mittags, schlag zwölf, hoben
die moscheen
aus steinernen hälsen zu rufen an,
und die kirchtürme fielen ins wort
mit schwerem geläut.
Die synagoge schien’s, zog ihren schwarzen mantel
enger, das wort
nach innen genäht.

Netti Boleslav bettet in ihrem Hymnus „Jeruschalajim“ ihre Gedanken an die Menschen, die nicht mehr um sie sind, in die steinerne Welt um Jerusalem ein:

Meine Lippen
an das Knie deiner Felsen gedrückt
erzähle ich allen
die dich nicht kannten
vom vielarmigen Leuchter
deiner Religionen
laut singe ich
und lege die Sterne
deiner läutenden Nächte
in das Buch meiner Lieder
und rufe dich
in manchen einsamen Stunden
als wärest du das Öllämpchen
meines Glücks
Jeruschalajim

Das „Öllämpchen meines Glücks“ – so empfand es vielleicht auch Rainer Maria Rilke (1875–1926) aus Prag, als er dichtete:

So ist mein Tagwerk, über dem
mein Schatten liegt wie eine Schale.
Und bin ich auch wie Laub und Lehm,
sooft ich bete oder male,
ist Sonntag, und ich bin im Tale
ein jubelndes Jerusalem.

Und die Nobelpreisträgerin Nelly Sachs (1891–1970) bringt mit ihrem Gebet die Klagemauer zum Einsturz:

Die Klagemauer –
im Blitz eines Gebetes
stürzt sie zusammen.
Gott ist ein
Gebet weit
von uns entfernt.

Der Vers von Nelly Sachs entstammt nicht der hier besprochenen Lyrikauslese, aber er passt gut dazu. Je länger man sich mit der Sammlung beschäftigt und je tiefer man eindringt in die Welt der Dichter, die diese unvergleichliche Lyrik geschaffen haben, je mehr auch ihre Schicksale, Tränen und Leiden durch die Verse hindurchscheinen und leuchten, umso mehr gewinnt man Einsicht in das Unvorstellbare, das Menschen anderen Menschen zufügen können und zugefügt haben.

David Rokeah erinnert in „Einmal in Jerusalem“ an das viele nicht Vollendete:

Jerusalem schreibt in mondlosen Nächten bittere Klagen
an Gott, und Gott vergießt Tränen
wie jenes Kind und hüllt die Berge in einen
Brautschleier.
Das ungeschriebne Gedicht
begleitet mich wie ein schwerer Schatten
im Regen
der Jerusalems Dächer wäscht.

Und Netti Boleslav weiß um die zeitlose Erinnerung:

So bliebst nur du,
meine Sehnsucht
der Reichtum der Erinnerung an euch
Stunden,
die ihr ohne Uhr und ohne Zeiger wart.

Klaus Weigelt (KK)

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