Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1372.

Literatur und Kunst

Seht her: das „Niegehörte“

Das Westpreußische Landesmuseum zeigt eine Auswahl aus dem grafischen und bildhauerischen Werk von Günter Grass

Gegenständlich und doch entfremdet, manchmal bis zur Befremdlichkeit: Diese nimmt der Bildner Grass genauso in Kauf wie der Dichter Bild: Dieter Göllner

Gegenständlich und doch entfremdet, manchmal bis zur Befremdlichkeit: Diese nimmt der Bildner Grass genauso in Kauf wie der Dichter
Bild: Dieter Göllner

Der Erzähler, Lyriker und Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat sich in der deutschen Nachkriegsliteratur mit Romanen, Erzählungen, Gedichten und Theaterstücken einen bedeutenden Platz gesichert. Allerdings stand für ihn bereits früh fest, dass er Künstler werden wollte. Er hat die Begeisterung für die bildenden Künste von seiner Mutter geerbt. Noch bevor Grass als Schriftsteller berühmt wurde, widmete er sich der Kunst und arbeitete u. a. auch als Werbetexter.

Das Westpreußische Landesmuseum greift in einer aktuellen Sonderausstellung die gestalterische Begabung von Grass auf und zeigt eine Auswahl aus seinem grafischen und bildhauerischen Œuvre. Bis zum 30. Oktober ist die Präsentation unter dem Motto „Das Niegehörte sichtbar machen. Die Bildwelten des Günter Grass (Danzig 1927–2015 Lübeck)“ im ehemaligen Franziskanerkloster von Warendorf zu besichtigen.

Der 1927 in Danzig geborene und 2015 in Lübeck verstorbene Günter Grass hat die Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend, die Folgen der nationalsozialistischen Diktatur, die Gewalt des Krieges und den Verlust der Heimat in sein gesamtes künstlerisches Schaffen einfließen lassen. Die Beschwörung der verlorenen Heimatstadt zieht sich wie eine „Obsession“ durch sein Werk. Auch in seinen grafischen Arbeiten findet sich die Erinnerung an die Stadt seiner Kindheit wieder. So wurde ihm die Heimat Sprache und Zeichenstift zugleich.

In den Jahren 1947/1948 absolvierte Grass ein Praktikum bei einem Steinmetz in Düsseldorf. Danach studierte er von 1948 bis 1952 an der Kunstakademie Düsseldorf Grafik und Bildhauerei bei Josef Mages und Otto Pankok. Das Studium setzte er von 1953 bis 1956 an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin als Schüler des Bildhauers Karl Hartung fort. Danach lebte er in Paris und kehrte 1960 nach Berlin-Friedenau zurück.

In der Sonderausstellung des Westpreußischen Landesmuseums wird das Zusammenwirken der literarischen, grafischen und bildhauerischen Arbeit näher beleuchtet. Neben Grafiken und Aquarellen sind Skulpturen, Werkpläne, Zeichnungen und Manuskriptblätter zu sehen. Die vom Günter Grass-Haus, der Günter und Ute Grass Stiftung, dem Kunsthaus Lübeck sowie dem Literaturarchiv der Akademie der Künste entliehenen Exponate veranschaulichen die Arbeitsweise des Künstlers, insbesondere die für sein Werk so charakteristische Verknüpfung der verschiedenen künstlerischen Ebenen. „Ich zeichne immer, auch wenn ich nicht zeichne, weil ich gerade schreibe“, verriet Grass. Der Künstler betrachtete seine grafischen Arbeiten als gezeichnete Gedichte. Zeichnungen „heben dabei Fremdheiten auf und betten Gegensätzliches unter eine Schraffur“, die Zeichnung „macht das Niegehörte sichtbar“. Grass gehörte übrigens zu den Autoren, die die Umschläge ihrer Bücher selbst schufen. Er lebte seine gestalterische Begabung unter anderem in seinem erfolgreichen Bildband „Mein Jahrhundert“ (1999) aus, zu dem er Texte und Aquarelle beisteuerte. In einem reich bebilderten, 96 Seiten umfassenden Katalog sind Details zum Künstler und zu den Werken nachzulesen.

Ausstellungsbegleitend bietet das Westpreußische Landesmuseum eine Vortragsreihe und eine Lesung. Neben dem Vortrag von Professor Dr. Neuhaus vom Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Köln über „Die Bedeutung Danzigs für Leben und Werk von Günter Grass“ gab es die Präsentation von Dr. Kai Schlüter, Redakteur bei Radio Bremen sowie Autor und Herausgeber verschiedener Bücher über den Schriftsteller, unter dem Motto „Günter Grass – Das Milch-Märchen. Frühe Werbearbeiten“. Am 8. September fand eine vom Kulturreferat für Westpreußen organisierte Lesung statt, in deren Rahmen die Schauspielerin Helene Grass aus den Werken ihres Vaters vortrug. Jörg-Philipp Thomsa, der Leiter des Günter Grass-Hauses in Lübeck, hält am 20. Oktober den Vortrag „Der unbequeme Grass“.

D. G. (KK)

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