Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1372.

Literatur und Kunst

Humane Ökonomie aus dem Geiste der Poesie

Erziehung zur Verantwortung, vom Dichter Ernst Wiechert beschworen, von seinem Schüler K. William Kapp ökonomisch nach-gedacht

Die Begriffe Kreativität, Ästhetik und Ethik verbinden sich heutzutage nicht unbedingt selbstverständlich mit den in den Medien oder der Presse vermittelten Fakten und Problemen der ökonomischen Wirklichkeit. Beobachtet man die seit Jahren non-
kreative, ja destruktive, breite Kreise der europäischen Bevölkerung enteignende Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank, die Tatsache, dass ganze Vorstände von Großunternehmen sich Strafverfahren zu stellen haben, und die nicht nur andernorts, sondern auch in Deutschland grassierende Korruption in Wirtschaft und Gesellschaft, dann fragt man sich als einfacher Staatsbürger, welche Qualität die gesellschaftliche Verantwortung von Eliten und wirtschaftlichen Führungskräften und der hiesige Rechtsstaat inzwischen erreicht haben.

An Vorbildern und Anreizen für ethisch akzeptablere Perspektiven mangelt es eigentlich nicht. Der schottische Moralphilosoph Adam Smith (1723–1790), Begründer der modernen Ökonomie, schrieb zunächst 1759 seine berühmte „Theory of Moral Sentiments“ (Theorie der ethischen Gefühle), der 1776 sein späteres Standardwerk „Wohlstand der Nationen“ folgte, von dem sich der Königsberger Christian Jakob Kraus (1753–1807) inspirieren ließ. Kraus gilt in Deutschland als Begründer der wissenschaftlichen Ökonomie; in seinen Vorlesungen studierten die preußischen Reformer. Deren Geist und Werke sind auch nach mehr als 200 Jahren beispielhaft.

Auch die Väter der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland sahen in der Wirtschaft etwas anderes als einen technischen Produktionsmechanismus, ein Instrument der persönlichen Bereicherung oder gar eine Möglichkeit der Ausbeutung. Alfred Müller Armack (1901–1978) brachte in Büchern wie „Das Jahrhundert ohne Gott“ (1949), „Diagnose unserer Gegenwart“ (1949) und „Religion und Wirtschaft“ (1959) seine humanistische Überzeugung zum Ausdruck, die gegen jede schrankenlose Willkür in der Wirtschaft gerichtet war und ihre kulturelle und ethische Einbindung forderte. In einem vergleichbaren Sinne schrieb Alexander Rüstow (1885–1963) seine dreibändige universalgeschichtliche Kulturkritik unter dem Titel „Ortsbestimmung der Gegenwart“ (1950–1957).

Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Friedrich August von Hayek (1899–1992) verfasste die Aufsehen erregenden Bücher „Der Weg zur Knechtschaft“ (1943) und „Die Verfassung der Freiheit“ (1960) als Plädoyer für die menschliche Freiheit; zugleich wurde er mit seinem Aufsatz über die „Anmaßung von Wissen“ (1973) zum Kritiker menschlichen Hochmuts in Wirtschaft und Gesellschaft.

Wie gute Architektur der utilitaristischen Zweckbindung enthoben erscheint, so reicht auch gute Ökonomie über die mechanistisch-mathematische Kosten-Nutzen-Rechnung hinaus: Berwarttreppe im ehemaligen Deutschordensschloss Ellingen Bild: Dieter Göllner

Wie gute Architektur der utilitaristischen Zweckbindung enthoben erscheint, so reicht auch gute Ökonomie über die mechanistisch-mathematische Kosten-Nutzen-Rechnung hinaus: Berwarttreppe im ehemaligen Deutschordensschloss Ellingen
Bild: Dieter Göllner

Auch der Königsberger Ökonom K. William Kapp (1910–1976) gehört in diesen Kreis von ethisch verantwortlichen Gelehrten, denen die heute übliche technokratische Engführung in Wirtschaft und Management fremd war. Da er mit seiner jüdischen Frau Lore im nationalsozialistischen Deutschland gefährdet war, ging er zunächst in die Schweiz und wanderte 1935 in die Vereinigten Staaten aus, wo ihm eine erfolgreiche Karriere in der wissenschaftlichen Nationalökonomie beschieden war. Er lehrte an der Wesleyan University, an der Columbia University, am Brooklyn College, in Indien und auf den Philippinen und hatte ab 1964 den neu geschaffenen Lehrstuhl für Nationalökonomie in Basel inne.

Kapp hatte 1949 eine „Geschichte des ökonomischen Denkens“ in englischer Sprache vorgelegt, wurde aber nach seinen Aufenthalten in Südostasien bekannt mit seinen Studien über die Probleme der Entwicklungsländer, insbesondere über Indien. Internationale Anerkennung erwarb er sich mit seiner 1951 erschienenen Monographie in englischer Sprache über „Die sozialen Kosten des privaten Unternehmens“, die ins Deutsche, Polnische und Japanische übersetzt wurde. Mit dieser Schrift wurde Kapp zum Pionier der Umweltpolitik, wies er doch in der theoretischen Erkenntnis externer Effekte schon damals darauf hin, dass die Privatwirtschaft auf dem Gebiet der Lufthygiene und des Gewässerschutzes ihre Kosten auf die Allgemeinheit überwälze. So gehen die späteren Gesetze zum Umweltschutz weitgehend auch auf seine Theorien zurück.

Dass Kapp, der in Deutschland nur in Fachkreisen bekannt ist, dem allgemeinen Vergessen entrissen wird, ist einer verdienstvollen Arbeit des an der University of the West of England lehrenden Sebastian Berger zu verdanken. Berger hat im September 2015 einen Aufsatz im „Journal of Economic Issues“ veröffentlicht, der sich mit Kapps Ökonomie auf der Grundlage seiner lebenslangen Inspiration durch den ostpreußischen Dichter Ernst Wiechert (1887–1950) befasst. Dabei stützt er sich einerseits auf den teilweise noch unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Kapp und Wiechert und zum anderen auf die Studie „Der deutsche Dichter Ernst Wiechert“ von Lore Kapp (1948). William Kapp war in den 1920er Jahren Schüler Wiecherts am Königsberger Hufengymnasium und als Abiturient 1929 Hörer der bekannten Rede Wiecherts an die Abiturienten dieses Jahrgangs.

Die Post hat dem Gedenken an Ernst Wiechert Weite und Tiefe zu geben versucht, dabei hatte der Dichter sie selbst Bild: Deutsche Post

Die Post hat dem Gedenken an Ernst Wiechert Weite und Tiefe zu geben versucht, dabei hatte der Dichter sie selbst
Bild: Deutsche Post

Bergers Verdienst ist es, dass er Kapps Wirken und damit auch dem Einfluss Wiecherts auf diesen Ökonomen einen theoretischen Rahmen gibt. In den modernen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften herrsche die „doppelte Wahrheit“, deren System zu einem engen Spezialistentum, Karrierismus und der Ausblendung von Erfahrungswissen führe. Die Folge seien eine Zerstörung der Umwelt und der Gemeinschaft sowie menschlicher Verhaltens- und Höflichkeitsformen. Alles werde nur einem eng gefassten ökonomischen Zweckdenken untergeordnet.

Die doppelte Wahrheit besteht in der parallelen Existenz von exoterischer und esoterischer Wahrheit, also einer Außen- und einer Innensicht der Wahrheit in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaft. Das bedeutet, dass der ökonomische Lehrplan an den Universitäten sich auf einen engen Rahmen neoklassischer Textbücher begrenze, die einem „Mainstream“ (einer allgemein akzeptierten Hauptrichtung) folgen, dem sich alle unterzuordnen haben („Gleichschaltung“). Außerdem werde die Ökonomie als „Fremdsprache“ verstanden, deren „Vokabular“ unkritisch zu lernen sei, damit man weiß, „wie ein Ökonom denkt“. Jeder Blick über das rein technische Ökonomiewissen hinaus werde verbaut. Das diese Außensicht der Ökonomie übergreifende kulturelle Erfahrungswissen als Innensicht ihrer „Wahrheit“ werde zwar in Form intelligenter Alternativen erkannt, aber als „Blasphemie exkommuniziert“.

Berger schreibt, das „schmutzige Geheimnis“ dieser Situation bestehe darin, wie das System der doppelten Wahrheit im Kern von existentiellen Ängsten vor ungezügelten Märkten und Finanzmächten zusammengehalten werde, während nur wenige Kenner der Lage den Mut  haben, es in Frage zu stellen. Es gehe also darum, durch die Reintegration des Erfahrungswissens den Referenzrahmen der ökonomischen Wissenschaft zu ändern, die aus sich heraus unfähig sei, neue Gedanken zu formulieren. Erst wenn der Weg frei gemacht wird, mit Kreativität, Ästhetik und Ethik wieder neue Kraft zu gewinnen, werde in diesem weiteren Horizont auch ein Klima gegeben sein, in dem man neue Gedanken formulieren und die Ökonomie wieder in den Dienst des Menschen stellen könne.

In einer Fallstudie über Ernst Wiechert und K. William Kapp zeigt Berger, wie die „poetische Ökonomie“ Kapps aus den Werken Wiecherts abgeleitet werden kann. Schlüssel ist die Abiturientenrede des Dichters und Lehrers am Königsberger Hufengymnasium aus dem Jahre 1929. Aber Kapp bezieht sich auch auf Wiecherts Reden von 1933, 1935 und 1945, den autobiographischen Band „Jahre und Zeiten“ sowie auf die Romane „Das einfache Leben“ und „Die Jerominkinder“.

In seinem Aufsatz „Wiechert als Erzieher“ in dem Band „Bekenntnis zu Ernst Wiechert“ zum 60. Geburtstag des Dichters zitiert Kapp aus der Rede von 1929: „Wer in diesem Jahrhundert auf die Erde tritt, hat nicht dafür zu sorgen, daß die Gemeinschaft der Satten und Zufriedenen sich vermehre, sondern daß die Gemeinschaft der Erniedrigten und Beleidigten sich vermindere.“ Das wurde für Kapp die Grundlage seines wissenschaftlichen Programms, dessen Inhalt er am Ende seines Aufsatzes so beschreibt:

„Was ist der positive Inhalt des dichterischen und erzieherischen Lebenswerkes Ernst Wiecherts anderes als eine politische Ordnung, in der die Autorität der Regierung auf der Zustimmung des ganzen Volkes beruht, eine wirtschaftliche Ordnung, in der es weniger Tränen und weniger Qualen gibt, und eine soziale Ordnung, in der die Masse des Volkes einschließlich der Ärmsten, die für Jahrhunderte das Opfer der Ausbeutung durch ihre Mitmenschen gewesen sind, teilhaben an der geistigen, politischen und wirtschaftlichen Emanzipation des Menschengeschlechts.“

Es ist bewundernswert, wie der Schüler Kapp selbst zu einem bedeutenden Lehrer wurde, der die Prinzipien seines Idols lebenslang umsetzte, aus Kultur und Dichtung zu einer Humanisierung der Ökonomie. In einem Brief vom 6. März 1946 schreibt er an Wiechert: „Es ist schwer für mich in Worte zu fassen, wie viel praktisch jedes Ihrer Bücher und jetzt Ihr Brief mir in den fast 13 Jahren bedeutet haben, die ich außerhalb von Deutschland verbracht habe. In jedem dieser Bücher habe ich etwas von den Ideen und Gedanken jener Tage gefunden, als ich Ihr Schüler in Königsberg gewesen bin.“

Kapp beschreibt vor diesem Hintergrund mit Wiechert einen Weg der Ökonomie zu einer Kultur- und Sozialwissenschaft, wie sie auch im Deutschland der Nachkriegszeit eine Reihe von Denkern vor Augen hatte. Die deutsche und weltweite Realität hat sich allerdings von diesen Ideen und Gedanken inzwischen weit entfernt.

Klaus Weigelt (KK)

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