Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1372.

Literatur und Kunst

Traurige Bewunderung

Eine rumänische Schriftstellerin feiert eine rumäniendeutsche Künstlermonografie als melancholisches Erlebnis

Statt einer kunsthistorisch fundierten Besprechung dieses geradezu opulenten Bildbandes bringen wir die ganz und gar subjektive und umso eindrucksvollere essayistische Impression der rumänischen Schriftstellerin Nora Iuga, die nicht nur Zugang hat zu deutschsprachigen Texten, sondern auch auf besonders eindringliche Art dem rumänischen Leser diesen Zugang zu eröffnen sucht – und damit auch den zu einer selbst in Rumänien noch allzu wenig bekannten deutschen Kulturgeschichte Siebenbürgens. Der hier auszugsweise veröffentlichte Aufsatz ist in der Bukarester Kulturzeitschrift „Observator cultural“ (5223, 16.–22. Juli 2015) erschienen.

Der feine Strich, die eigenwillige Haltung und Farbgebung, recht jugendlich – wäre da nicht der Blick: Margarete Depner, Selbstporträt Bilder (auch Titel und Seite 3) aus dem besprochenen Buch

Der feine Strich, die eigenwillige Haltung und Farbgebung, recht jugendlich – wäre da nicht der Blick: Margarete Depner, Selbstporträt
Bilder (auch Titel und Seite 3) aus dem besprochenen Buch

Diesmal fällt mir schon der Anfang schwer. Auf den ersten Blick möchte ich ausrufen: Was für ein herrliches Buch! Doch Schönheit kann auch einschüchtern. Mit Erstaunen stellt man fest, dass einem die Worte fehlen. Merkwürdigerweise wird das einst allgemein anerkannte Schöne zusehends abgewertet, ja von einer Generation zur anderen geradezu umgewertet.

Vor mir liegt ein bis ins Kleinste durchdachtes und makellos gestaltetes Buch. Wie es nur deutsche Köpfe und Hände aus Hermannstadt vorlegen konnten. Das Buch erweckt 45 Jahre nach dem Tod einer großen Künstlerin und großartigen Frau ihr exemplarisches Werk zu neuem Leben: „Margarete Depner. Eine Bildhauerin in Siebenbürgen“. Als Verfasser zeichnen der bekannte Hermannstädter Schriftsteller Joachim Wittstock und seine Schwester Rohtraut Wittstock, die Feuilletonchefin der Deutschen Allgemeinen Zeitung für Rumänien in Bukarest. Die Reproduktionen stammen in der Mehrzahl von dem Fotokünstler Oskar Gerhard Netoliczka.

Das imposante Opus ist kaum einer bestimmten Gattung zuzuordnen, vielmehr ist es Kunstalbum, Familienchronik, Tagebuch, Credo, Briefausgabe in einem. Es vermittelt eine Fülle an Informationen, die über tausend Seiten hätten ausgebreitet werden können, wiewohl das Buch deren nur 340 zählt; jedenfalls ist es weit mehr als eine Würdigung, die Enkelkinder einer Großmutter und Künstlerin darbringen. Es hat nichts von der anbiedernden Gestik, wie man sie bei Nachkommen erlebt, die am Ruhm ihrer Vorfahren teilhaben wollen. Was an diesem Kunst-Werk vor allem beeindruckt, ist die vornehme Haltung einer ehrwürdigen deutschen Familie, wie es sie in den siebenbürgischen Städten noch gibt, weil sie – für manche schwer zu verstehen – außerstande waren, ihre Wurzeln aus dem Boden zu reißen, auf dem ihre Wiege gestanden hat und in dem ihre Gräber liegen.

Überraschend ist zumal der Ton der Darstellung, wie ihn der Schriftsteller Joachim Wittstock anschlägt: Er spricht über seine Großmutter Margarete Depner beileibe nicht wie über ein Familienmitglied, sondern lässt dokumentarische Sachlichkeit walten. Er verfolgt die Laufbahn der Bildhauerin mit all ihren Wendungen zwischen der deutschen Kunstszene in Rumänien und in Deutschland, wo sie in München und Berlin, u. a. bei Joseph Thorak, gelernt hat.

Ein besonderes Kapitel ist den Briefen der Bildhauerin gewidmet, die ihre künstlerische Einstellung, ihre persönlichen und vom Geschmack der Zeit bestimmten Vorlieben belegen und offenbaren, dass sie einer klassischen Moderne den Vorzug gibt. Im Übrigen zeugt ihr ganzes Werk von ihrer Verehrung für Auguste Rodin, ebenso wie von ihrer besonderen Neigung zur emotional aufgeladenen, das Körperliche zurückdrängenden Ausdruckskraft der Porträtskulptur. Dass sie zeitlebens auf der Suche war, belegen Aussagen wie jene über Henry Moore in einem Brief an Joachim Wittstock: „Das Groteske und Absonderliche und die Willkürlichkeit der Proportionen begeistern mich nicht, es wird sicher nicht wertbeständig sein, wie das Schaffen von so vielen glänzenden Talenten, deren Aufblühen ich in meinen 80 Jahren erlebt habe und die trotz hoher Qualitäten jetzt in der Nichtbeachtung verschwunden sind. Aber das Material von Moores Arbeiten hätte ich gern gesehen, vielleicht hängt viel von demselben in Bezug auf seinen Erfolg ab – Bronze, Marmor, Stein, gebrannter Ton etc. Auch seine Zeichnungen müssen aufsehenerregend sein, dem ‚Neuen Weg‘ (deutsche Zeitung in Bukarest – Anm. d. Ü.) zufolge, und gewiss ist er ein ‚ganz verdammter Kerl‘, furchtlos, eigenwillig und Willkür und Phantasie einen großen Platz in seinem Schaffen einräumend. Doch ist es sicher ein Verdienst dieser und ähnlicher Leute, einen Ausweg aus der stabilen Vollkommenheit des Kunstschaffens der letzten Jahrhunderte zu suchen und Versuche von Neuem, zu denen viel Mut und Ernst gehören, anzustellen.“

Margarete Depner fühlte sich jedoch auch von anderen Kunstgattungen angezogen, beispielsweise der Musik. Sie ließ sogar Musiker für ihre Bildwerke Modell stehen, da gibt es einen Geiger und eine Flötenspielerin, die an die Formensprache der griechischen Klassik denken lässt. Ich bin sicher, dass die Bildhauerin Augenblicke der Einsamkeit beim Klavierspielen auszukosten wusste.

Ist es unstatthaft, den rechten Fuß von Margarete Depners Trauernder als tröstlichen Wink zu deuten?

Ist es unstatthaft, den rechten Fuß von Margarete Depners Trauernder als tröstlichen Wink zu deuten?

Zur Offenbarung geraten sind mir die beiden Tagebücher sowie der sehr umfangreiche Briefwechsel, der von der Enkelin Rohtraut Wittstock, dem letzten Spross des jahrhundertealten Stammbaums, gewissenhaft bewahrt und aufgearbeitet worden sind. Hier spricht eine Künstlerin auch des sprachlichen Ausdrucks: „So viele Künstler (Maler) ich kenne, alle machen sie die Form zum Inhalt ihrer Kunst, statt umgekehrt, da die Form doch nur das schöne, zweckvolle, den Inhalt umschließende Kleid, seine Hülle, seine Folie sein sollte … Diese Frage lässt eigentlich sofort, da von geistigen Früchten die Rede ist, an die Naturfrüchte denken; Äpfel, Birnen, Trauben, Pflaumen, Kohlrüben, Paprika, Kartoffeln und die verschiedenen andern – wie ähnlich ist ihre Schale und wie verschieden der von ihr geborgene Inhalt!“ Oder: „Alle Kunst beruht auf Täuschung. – Je vollkommener die Täuschung, desto vollkommener die Kunst.“ Und: „Ich möchte nicht das malen, was ich zufällig sehe, was alle sehen, wenn sie zum Fenster hinausblicken oder aus dem Hause treten – nicht das, was wirklich da ist, sondern das, was traumhaft und doch greifbar in dem Dunkel meiner Seele lebt.“

Nie hätte ich mir vorgestellt, dass mir aus einem solchen Buch so viel Leben entgegentritt und dass ich in einer so diskreten und nobel zurückhaltenden Künstlerin einen kleinen, verborgenen Teil der histrionischen Künstlerin entdecken würde, die ich selber bin. Das ist aber nicht alles. Unwillkürlich sehe ich mich an das Durcheinander meiner Manuskripte, sofern sie überhaupt noch vorhanden sind, an die Zeitungsausschnitte, an die Säcke mit Briefen, Preisurkunden und Interviews gemahnt – ein Glück, dass ich nie Tagebuch geführt habe, denn mein ganzes Werk ist eigentlich ein Tagebuch oder eine endlose Folge von Briefen an jemanden, an den man nie herankommt, eine Art Hyperion.

Wie aber bringen denn sie, diese Deutschen, derart viel Respekt für sich selbst auf, dass sie sich so um die Spuren kümmern, die sie nach dem Großen Abschied hinterlassen, wohingegen mich nichts von dem interessiert, was ich ohnehin nicht mehr wissen werde? Ob der Name ebenso bedeutend ist wie das Wesen aus Fleisch und Geist mit all dem, was seine Hand und sein Hirn hinterlassen haben, wo doch selbst die Bibliothek von Alexandria niedergebrannt und nichts von ihr übrig geblieben ist? Dennoch ist es gut, wenn man solche Enkel hat, wie es Rohtraut und Joachim Wittstock sind, die einen Blatt für Blatt wieder zusammensetzen, so dass man zu einem Puzzle wird, das ein Kind auseinandernehmen kann, wann immer es Lust hat.

Und da wir schon von Spuren und Namen und Nachkommenschaft reden, will ich die Stammbäume der Familien Scherg, Depner, Philippi, Wittstock am Ende des Buches nicht übergehen. Wieso heißen diese Schaubilder eigentlich Stammbäume? Und wieso erinnern ihre Verzweigungen an Äste? Vielleicht sterben die Menschen gar nicht, wenn sie sterben, vielleicht erlöschen Familien überhaupt nicht. Und woher rührt dieses unerklärliche Bedürfnis, die Wurzeln zu behalten, damit jedes Frühjahr neue Triebe sprießen, weil nichts verlorengeht, nichts gewonnen wird, alles sich verändert? Deshalb werden unsere Sachsen niemals verschwinden aus ihren transsilvanischen Burgen, weil, seitdem sie weniger geworden sind, auch wir gewissermaßen „weniger“ geworden sind – und ohne sie der Wald ohne Bäume bliebe.

Nora Iuga (KK)

Aus dem Rumänischen von Georg Aescht

Margarete Depner. Eine Bildhauerin in Siebenbürgen. Vorgestellt von Joachim Wittstock und Rohtraut Wittstock. hora Verlag, Hermannstadt/Sibiu 2014, 340 S.

«

»