Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1375.

Literatur und Kunst

Geschichten wie das tägliche Brot

Mit denen von Otfried Preußler sind viele Kinder großgeworden, vielleicht sogar stärker

In böhmischen Dörfern sind natürlich auch die Zäune böhmisch, was Wunder also, dass sogar der Räuber dahinter staunen muss – wie dann erst der Leser davor. Je jünger er aber ist, desto weniger; Bild aus der Ausstellung

Bis zum 13. Januar 2017 ist im Düsseldorfer Gerhart-Hauptmann-Haus eine Ausstellung über Otfried Preußler zu sehen, die mit dem Kindergartenchor „Warwuschel“ und mit Schülerinnen und Schülern des Cecilien-Gymnasiums Düsseldorf eröffnet wurde, die einige Szenen und das Bühnenbild zu „Krabat“ vorführten.

„Der Mensch braucht Geschichten, wie er sein tägliches Brot braucht.“ Und: „Seien Sie gut zu den Kindern – wir haben nichts Besseres!“ Das sind Worte, die Otfried Preußler nicht nur so dahinsagte, sondern die er auch lebte und in seinen Werken vermittelte. Wer sie gehört oder gelesen hat – die Geschichten vom Räuber Hotzenplotz, der kleinen Hexe, dem kleinen Gespenst, Hörbe mit dem großen Hut oder Krabat –, der weiß um die Phantasie, den Lebensmut und die Magie, welche die Geschichten nicht nur unter den Kindern verbreiten. Als Otfried Preußler 2013 mit fast 90 Jahren starb, hatten seine Bücher eine Gesamtauflage von über 50 Millionen Exemplaren in über 50 Sprachen erreicht, mehr als 10 000 an ihn adressierte Leserbriefe aus Brasilien bis Japan, aus Kanada bis Südafrika liegen in den Archiven. Gehen wir auf Spurensuche zu den Inspirationen für seine Geschichten, finden wir diese in den Orten und Begegnungen seiner Kindheit.

Otfried Preußler wurde 1923 im nordböhmischen Reichenberg geboren, dem heutigen Liberec. Sein Vater war Lehrer und Heimatforscher. Er sammelte die althergebrachten Sagen des nahegelegenen böhmischen Isergebirges von Hexen und Zaubermeistern, Nachtjägern und Geistern. Wenn der Sohn ihn auf Wanderungen begleitete, erzählte der Vater ihm die alten Mären, die Geschichten der Leute Nordböhmens. Der 1962 erschienene und in 41 Sprachen übersetzte „Räuber Hotzenplotz“ z. B. ist nach einer Stadt in Mähren an der Grenze zu Schlesien benannt, die den deutschen Namen Hotzenplotz trägt und nach 1945 zum tschechischen Osoblaha wurde.

Die Grundlagen seiner Erzählpsychologie verdankte Preußler jedoch, wie er immer wieder betonte, seiner tschechischen Großmutter Dora. Sie hatte als Kind in der Herberge ihres Vaters den Erzählungen von Fuhrleuten auf dem Weg nach Prag zugehört. Von ihr vernahm Preußler Geschichten „voll unerwarteter Wendungen, häufig an überlieferte Stoffe und Episoden anknüpfend – und doch frei dahinfabuliert, nach Laune und Gutdünken der Erzählerin sich fortspinnend, bis sie nach mancherlei kühnen Schleifen und listig herbeigeführten Verwirrungen doch noch zu einem guten Ende kamen“. (Nachzulesen im Katalog zur Preußler-Ausstellung 2014 im Bezirksmuseum Dachau.) Die Großmutter brachte ihm auch bei, Geschichten in der realen Welt geschehen zu lassen, so dass Kinder die beschriebenen Orte – die dichten dunklen Wälder, Großmutters Küche mit der Kaffeemühle, die Unke im Keller – mit eigener Vorstellungskraft in ihrer Umwelt entdecken können. „Das Geschichtenbuch meiner Großmutter, das es in Wirklichkeit überhaupt nicht gegeben hat, ist das wichtigste aller Bücher für mich, mit denen ich je im Leben Bekanntschaft gemacht habe“, schrieb Preußler später.

Schon mit zwölf Jahren hat Otfried Preußler angefangen, Gedichte und kleine Geschichten zu schreiben. Unmittelbar nach seinem Abitur 1942 wird er zum Kriegsdienst an der Ostfront eingezogen und gerät als 21-jähriger Offizier 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Fünf Jahre später kehrt er aus der Gefangenschaft zurück, seine gesamte Familie ist inzwischen aus der nordböhmischen Heimat vertrieben worden. Im bayerischen Rosenheim findet er einige Familienmitglieder und seine Verlobte wieder.

Preußler wird Volksschullehrer und lernt „allmählich und unter Mühsal“, Geschichten in Geschriebenes umzusetzen. Sein erstes Kinderbuch, das 1956 erscheint, ist „Der kleine Wassermann“. Heute umfasst sein Werk mehr als 40 Kinder- und Jugendbücher, Erzählungen, Bilderbücher, Theaterstücke und Übersetzungen. Die meisten Bücher sind von dem Zeichner Franz Josef Tripp (1915–1978) illustriert, der übrigens 1960 vom Thienemann-Verlag mit den Illustrationen für Michael Endes Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ beauftragt worden war. Die Ausstellung zu Otfried Preußlers Lebenswerk, die nun in Düsseldorf zu sehen sein wird, ist vom Thienemann-Verlag erarbeitet worden und war bereits an verschiedenen Stationen in Deutschland zu Gast.

Katja Schlenker (KK)

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