Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1375.

Literatur und Kunst

Das Schöne im Wetterwendischen – und umgekehrt

Wangener Gespräche und die Verleihung des Eichendorff-Preises

„Die Poesie ist nicht höher, nicht besser als alle Vernunft, sie kommt aus einer anderen Gegend, hereingeweht von anderen Winden.“ Preise dafür sind den glücklich Betroffenen meist nicht ganz unpeinlich, Freude ist kein poetischer Zustand, darf aber durchaus sein: (v. l.) Ulrich Schmilewski, Christian Lehnert, Dirk Pilz; Bild: der Autor

Die diesjährigen Wangener Gespräche fanden vom 22. bis zum 25. September statt. Der Wangener Kreis Gesellschaft für Literatur und Kunst „Der Osten“ e. V. organisiert alljährlich diese Tagung, deren Höhepunkt die Verleihung des prestigeträchtigen Eichendorff-Literaturpreises ist. Heuer ging die Auszeichnung an Christian Lehnert (Markkleeberg), der als evangelischer Pfarrer im Müglitztal bei Dresden arbeitete, bevor er als Studienleiter für Theologie und Kultur an die Evangelische Akademie in Wittenberg berufen wurde. Seit 2012 leitet Lehnert das Liturgiewissenschaftliche Institut der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands an der Universität Leipzig.

In der Begründung der Jury für die Vergabe des Preises heißt es: „Das lyrische und essayistische Werk Christian Lehnerts durchdringt Kreuzesgeschichte und Schoah auf der Suche nach Gottesbezug und Gotteserfahrung. Seine Gedichte sind in teils freier, teils tradierter Versform aus tiefster Naturerfahrung heraus geschrieben. In äußerst feinfühliger Sprachsuche werden somit Welt- und Gottesverständnis erfahrbar.“
In seiner Dankesrede betonte Lehnert eingangs seine enge Beziehung zu Eichendorff: „Dieser Preis unter dem Namen Joseph von Eichendorffs ist eine Ehrung, die mich besonders berührt. … Zwischen den muffigen Regalen einer Stadtbibliothek im Kellergeschoß eines Schwimmbades stand ich vor der erstaunlich umfassenden Lyrikabteilung und zog ein Büchlein mit Gedichten Eichendorffs heraus. Das war in Dresden 1983. Eichendorff hat mich beunruhigt … Ich hatte bei ihm eine vorsichtige Ahnung bekommen, dass Sprache ein Geheimnis ist. Ich war hinabgetaucht durch die spiegelglatte Oberfläche der Worte, die mir nur immer zeigten, wie die Welt nun einmal war – und das hieß damals für ein Schulkind in der DDR auch: eingesargt in die Begriffe marxistisch-leninistischer Parteiideologie. Er war auch einer der ersten, bei denen ich erlebte, wie wetterwendisch Verse sind, wie sie sich verwandeln können, mal fremd und gespreizt klingen, mal naiv, mal dunkel, mal ironisch, mal raffiniert.“
In der Laudatio wies Professor Dirk Pilz (Berlin) auf die Beziehung des Preisträgers zu einem weiteren Schlesier hin: „Lehnert schreibt deshalb von dem, was ‚wunderlich ist für die Augen der Vernunft‘, wie es bei Jakob Böhme heißt, aber er schreibt es nicht gegen die Vernunft, auch nicht über die Vernunft hinaus, er schreibt es in die Zwischenzeilen, setzt es in die Leerräume zwischen die Silben. Die Poesie ist damit nicht höher, nicht besser als alle Vernunft, sie kommt aus einer anderen Gegend, hereingeweht von anderen Winden.“

In der Vortragsreihe sprachen unter anderen Professor Ursula Regener (Universität Regensburg) über den Nachlass Eichendorffs. Astrid Greiff (Dießen a. A.) referierte über den Dichter Johann Christian Günther aus dem ausgehenden Barockzeitalter, und Professor Zbigniew Kadłubek, Leiter des Lehrstuhls für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Philologischen Abteilung der Schlesischen Universität in Kattowitz (Katowice) sprach über den „Grenzliterarischen Janosch – zum 85. Geburtstag von Horst Eckert“.

In der Reihe der Autorenlesungen las unter anderen Jörg Bernig aus seinem neuen Roman „Anders“, Monika Taubitz (Meersburg) stellte ihr neues Werk „Asche und Rubin – Helene von Bothmer“ vor, und Harald Gröhler (Berlin) las aus „Die Mutter eines Poeten“, das in diesem Jahr auch in polnischer Übersetzung erschienen ist. Stefanie Kemper (Maierhöfen), die Vorsitzende des Wangener Kreises, sprach mit Jörg Bernig und Christian Lehnert über „Sehen – Schweigen – Hören. Gedichte schreiben in flüchtender Zeit“.

Die diesjährige Tagung wurde durch die Ausstellung „Berührung mit der Vergangenheit“ des Breslauer Künstlers Jurek Kozieras abgerundet. Die aus einer Schutthalde unweit seiner Wohnung im Breslauer Stadtteil Herdain (Gaj) herausgegrabenen Gegenstände der Vorkriegszeit inspirierten den Maler zu einzigartigen reliefartigen Bildern, sogenannten Assemblagen. Kozieras schafft es auf diese Weise, die Geschichte der deutschen Vergangenheit des alten Breslau und Schlesiens eindrucksvoll neu zu erzählen. Seine Werke stehen in der Tradition von Kurt Schwitters (1887–1948) – entsprechend tragen die kleinsten Kozieras-Bilder den Titel „Ansichtskarten nach Hannover“ und sind als eine Art Dialog mit Schwitters zu betrachten.

Johannes Rasim (KK)

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