Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1375.

Literatur und Kunst

Ein Koffer zum Bleiben

Reisen musste Hannah Arend, um der Bedrohung in ihrer Heimat zu entgehen – jetzt kehrt sie zurück in das Bewusstsein Königsbergs

Der Griff an dem von Ram Katzir (rechts neben seinem Werk) Hannah Arendt gewidmeten Koffer ist kein Trage-, sondern ein Haltegriff für jene, die Halt suchen zum Selberdenken. Hier tun es die Veranstalter vor dem Sackheimer Tor; Bild: Deutsches Generalkonsulat Kaliningrad

Was sind die Namen, die als erste im Zusammenhang mit Königsberg erwähnt werden? Allen voran natürlich Kant, dann folgen Kollwitz, Hoffmann, Bessel, Hilbert, Euler. Doch der für die Weltgeschichte nicht weniger bedeutende Name Hannah Arendt fand bis vor kurzem kaum Beachtung in Kaliningrad.

Sie wurde 1906 unweit Hannover geboren, ihre Eltern stammten aus Königsberg, so hat Hannah ihre Kindheit und Jugend in Ostpreußen verbracht. Hier las sie mit 14 Jahren Immanuel Kant und fasste den Entschluss, ihr Leben mit Philosophie zu verbinden. Sie starb 1975 in New York, war aber bis zuletzt ihrer Heimatstadt verbunden. Sie sprach von sich als Königsbergerin – doch in Kaliningrad wusste niemand etwas davon.

Die Situation änderte sich erst langsam und allmählich. Der erste Durchbruch ereignete sich etwa 2004, als Gerhard Barkleit in der Tschechow-Bibliothek über Arendt sprach. Ein Jahr später folgte der Vortrag im Deutsch-Russischen Haus, Aleksej Salikov von der Kant-Universität sprach über Hannah Arendt, ihr Werk wurde  auch das Thema seiner Doktorarbeit im Jahr 2006, dem Jahr ihres 100. Geburtstags. Übrigens wurde zur gleichen Zeit in Berlin die Skulptur „Petrification/Versteinerung“ aufgestellt. Ihr Schöpfer – Ram Katzir, ein israelischer Bildhauer, der in den Niederlanden arbeitet.

Zehn Jahre später, am 14. Oktober 2016, gibt es die zweite „Versteinerung“, diesmal in Kaliningrad. Es ist ein steinerner Koffer, gemauert aus echtem Jerusalemer Kalkstein. Das Objekt wurde im Museum für Stadtgeschichte „Friedländer Tor“ als Teil eines umfangreichen Fest-Programms zum Jubiläum der weltberühmten Denkerin präsentiert. Professor Dr. Alexander Filippov, Philosoph, Soziologe, Übersetzer und Chefredakteur der Zeitschrift „Soziologische Rundschau“, kam eigens aus Moskau, um über die Heldin des Tages, über ihren Begriff von Ruhm und Ehre zu dozieren. Was sei an Arendt so anziehend, dass er sich mit ihrem Erbe befasse, wollte eine Zuhörerin wissen. Seine Antwort: Das Werk von Hannah Arendt ist einfach unendlich, unergründlich und zugleich aktueller denn je! Sie lehrt, man solle selbst denken, Mut haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, zwischen Gut und Böse unterscheiden und sich auf die moralische, auf die ehrliche Seite zu stellen.
Später zogen an die hundert Gäste um zum Sackheimer Tor, das heute eine Galerie beherbergt, um ihrer großen Landsmännin zu gedenken.

Was junge Kaliningrader von Arendt halten, kam durch ein Sound-Performance der örtlichen Art-Gruppe „Temnojamsk“ zum Ausdruck, es wurden biographische Zitate, untermalt durch wunderliche Klänge, auf Deutsch und Russisch vorgetragen. Dann hörte man Jazz aus den 1920er und 1930er Jahren, gepaart mit modernen Beats (ein Mix-Up, wie man heute sagt), spätestens zu diesem Zeitpunkt ähnelte der Abend einer ausgelassenen Geburtstagsfeier, wie sie in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts von Marburger Studenten oder Berliner jungen Intellektuellen gefeiert worden sein mag. Genau das war aber das Ziel der Organisatoren – ein Hannah-Arendt-Fest so zu gestalten, wie sie es wohl in ihrer Jugend getan hätte. Auch eine hübsche Geburtstagstorte fehlte nicht, die Kerzen brannten, die Gratulationsrede hielt kein Geringerer als Johannes Singhammer, der Vize-Präsident des Deutschen Bundestages.

Er wurde vom Generalkonsul Dr. Michael Banzhaf begleitet, das Generalkonsulat war nämlich einer der drei Mitveranstalter des Hannah-Arendt-Tages in Kaliningrad neben der Berliner Gesellschaft Freunde Kants und Königsbergs e. V. und der Baltischen Filiale des Russischen Zentrums für zeitgenössische Kunst. Letzterer ist die Einladung Ram Katzirs sowie die Verwirklichung des Art-Projektes „Versteinerung“ zu verdanken. Die steinerne Skulptur bleibt für immer in Königsberg/Kaliningrad, wenn auch an wechselnden Standorten, und wird somit jeden und überall an Hannah Arendt erinnern.

Ein großer Anstoß ist getan, damit der Name Arendt in Kaliningrad zu neuem Klang kommt. Bereits 2014 fand eine internationale Konferenz statt, nun spricht man von Erweiterung und Ausbau des Studiums ihres philosophischen und publizistischen Nachlasses, gar davon, vielleicht ein Fachseminar zu gründen. Auch die nicht-wissenschaftliche Öffentlichkeit wird einbezogen, denn eine Initiativgruppe arbeitet an der Umsetzung einer Stadtführungsroute „Auf den Spuren von Hannah Arendt“, die an ihrem Elternhaus sowie an der ehemaligen Königin-Luise-Schule und anderen Gebäuden aus ihrer Zeit vorbeiführen soll. Die Waghalsigsten erwägen sogar eine Gedenktafel zu stiften oder gar eine Straße nach der großen Königsbergerin zu benennen.

„Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin“, sang einst Marlene Dietrich, die zur gleichen Zeit wie Hannah Arendt in die USA auswanderte, aber ihrer Heimat verbunden blieb. Nun, Hannah Arendt hat jetzt einen Koffer nicht nur in Berlin, sondern auch in ihrer Heimatstadt Königsberg/Kaliningrad stehen.

Svetlana Kolbaneva
(Königsberger Express – KK)

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