Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1375.

Literatur und Kunst

In der Sprache der Formen und Farben

Die 50 Jahre seit Gründung der Ostdeutsche Galerie, Regensburg, legen Zeugnis ab für Internationalität in der Kunst

Beletage, gar belle étage auf Ostdeutsch: „Highlights“ der Sammlung, hoch ins rechte Licht gehangen; Bild: Kunstforum Ostdeutsche Galerie

Die Einzigartigkeit in ihrem Auftrag wie auch in ihrer Sammlung und den Veranstaltungen betonten die Grußwortredner, Regensburgs Oberbürgermeister Joachim Wolbergs und der Ministerialdirigent im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, Eugen Turi. Die Rede ist vom Kunstforum Ostdeutsche Galerie. Der formale Gründungsakt am 16. November 1966 stand am Ende einer langjährigen Vorarbeit. Die Initiative ging einerseits vom Adalbert Stifter Verein aus, der bereits 1947 von Wissenschaftlern, Künstlern und Schriftstellern aus Prag und den Sudetengebieten gegründet wurde. Seine über zehn Jahre gewachsene Sammlung von Werken sudetendeutscher Künstler übergab er 1957 an das Museum der Stadt Regensburg. Die zwei Jahre später eröffnete Sudetendeutsche Galerie in der ehemaligen Kunsthalle am Stadtpark machte diese Werke zum ersten Mal dem Publikum zugänglich. Andererseits suchte auch die Künstlergilde e.V., eine Selbsthilfeorganisation geflüchteter Künstler, einen festen Ort für ihre Sammlung von Kunst aus den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten im östlichen Europa. Die Stadt Regensburg bündelte diese Bestrebungen indem sie anbot, die bereits bestehende Sudetendeutsche Galerie zu der Ostdeutschen Galerie zu erweitern. Der Bund, der Freistaat Bayern und die Stadt Regensburg vereinten ihre Kräfte mit weiteren Institutionen und gründeten die „Stiftung Ostdeutsche Galerie“.

Mit einem Festakt feierte die Einrichtung ihr 50-jähriges Jubiläum. Genauer gesagt: Die Stiftung Ostdeutsche Galerie Regensburg wurde am 16. November 1966 gegründet. Und der Festredner Prof. Dr. Dr. h. c. Walter Koschmal ging mit einigen Visionen für die Zukunft sogar noch einen Schritt weiter. „Die Ostdeutsche“, wie sie oft kurz und liebevoll genannt wird, hat auch künftig ihre Berechtigung und Aufgabe.

Den sehr guten Besuch der Soirée sah Oberbürgermeister Wolbergs als „starkes Zeichen für unsere ‚Ostdeutsche‘“. Er entschuldigte die als Grußwortrednerin vorgesehene Staatsministerin für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, Emilia Müller, die kurzfristig Ministerpräsident Seehofer anderweitig vertreten musste. „Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie bleibt in der Tat eine seltene, einzigartige Sache. Keine andere Galerie hat die Aufgabe, die die ‚Ostdeutsche‘ wahrnimmt“, erklärte Regensburgs Stadtoberhaupt und verwies auf die Aspekte „Kunst der Vergangenheit“ und „Künstler der Gegenwart in Osteuropa“. Auch erwähnte er den Schatz von 2000 Gemälden, 500 Skulpturen und 30 000 Papierarbeiten sowie die gemeinsame Trägerschaft von Bund, Freistaat Bayern und Stadt Regensburg. „Das Museum leistet einen wesentlichen Beitrag zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn, es ist ein Solitär in der deutschen und europäischen Museumslandschaft“, lobte Wolbergs. Er erwähnte, dass der Hauptteil der Besucher aus einem Umkreis mit einem Radius von 100 Kilometern kommt. Sein Dank galt allen in der Vergangenheit und Gegenwart wirkenden Personen, insbesondere der Direktorin Dr. Agnes Tieze sowie dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Wolfgang Schörnig. Wolbergs hob die Arbeit mit Kindern und mit Menschen mit Handicap in der Galerie hervor. „Die Ostdeutsche Galerie hat sich wunderbar entwickelt, sie ist ein Schmuckstück unserer Stadt. Ich wünsche mir, dass uns die ‚Ostdeutsche‘ noch sehr lange erhalten bleibt“, schloss der Oberbürgermeister sein Grußwort.

„Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie bleibt in der Tat eine seltene, einzigartige Sache. Keine andere Galerie hat die Aufgabe, die die ‚Ostdeutsche‘ wahrnimmt.“

Ähnlich drückte es auch Ministerialdirigent Eugen Turi aus. „Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie ist ein Juwel in dieser Kulturlandschaft. Hier wird Kunst in und aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa in vielen Facetten deutlich gemacht.“ Und das, obwohl – wie Turi erklärte – noch gar nicht „alle Schätze gehoben“ seien. Aufgrund dieses einzigartigen Auftrags und der Kenntnis über Kunst und Künstler im und aus dem erwähnten Raum sei die Galerie auch ein begehrter Kooperationspartner.

Die junge Generation einmal nicht als Zielgruppe, sondern buchstäblich am Drücker – des Beamers: Schülerinnen des Albertus-Magnus-Gymnasiums und des Goethe-Gymnasiums bei der szenischen Bilderklärung des Gemäldes „Abschied der Auswanderer“ von Carl Wilhelm Hübner; Bild: der Autor

Turi ging kurz auch auf die Vorgeschichte der Gründung der Stiftung ein, die Initiativen des Adalbert Stifter Vereins und der Künstlergilde Esslingen, deren Sammlungen die Basis für die vor fünf Jahrzehnten begründete Stiftung und die Galerie gebildet haben. Turis Dank galt auch dem Verein der Freunde und Förderer mit ihrem Vorsitzenden Regierungspräsident a. D. Dr. Wilhelm Weidinger. „Der Freistaat Bayern ist stolz auf sein Kunstforum Ostdeutsche Galerie“, fasste der Ministerialdirigent zusammen und kündigte eine Förderung von 500 000 Euro für dringende bauliche Sanierungsarbeiten an, wobei sich auch der Bund und die Stadt beteiligen werden. „Investitionen in das Kunstforum Ostdeutsche Galerie sind Investitionen in den Erhalt unserer Kultur, in ein vertieftes Verständnis für die Kunst- und Kulturgeschichte Europas mit den vielfältigen kulturellen Wechselbeziehungen“, gab Turi als Begründung an.

Über den Begriff „ostdeutsch“, dessen verschiedene Bedeutungen, dessen heutige Bewertung und die Schwierigkeit, diesen in andere Sprachen zu übersetzen, dachte am Beginn seines Festvortrages Prof. Dr. Dr. h. c. Walter Koschmal, Inhaber des Lehrstuhls für slawische Philologie, Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg, nach. Vor diesem Hintergrund trage das Kunstforum Ostdeutsche Galerie zu einer angemessenen Erinnerung an die frühere Heimat bei – und auch dazu, dass dies „Teil der Erinnerung bleibt – auch über die Erlebnisgeneration hinaus“. Auch auf die Konzept- und Baugeschichte ging der Festredner ein mit regelmäßigen baulichen Erweiterungen und wechselnden Aufträgen. „Das Museum wurde auch von politischen Entwicklungen beeinflusst“, so Koschmal, was sich auch auf den Sammelauftrag auswirkte – hinsichtlich der Breite wie auch in der Tiefe der Exponate und der Ästhetik.

Ausgehend von den Aussagen, die Kulturstaatsministerin Professor Monika Grütters im Februar 2016 getätigt hat (u. a. über Wechselbeziehungen mit den östlichen Ländern, Einrichtung der europäischen Erinnerung, Schaffung eines zukunftsgerichteten Beitrags zur europäischen Integration), arbeitete Koschmal einige Aufgaben und Charakteristika des Kunstforums Ostdeutsche Galerie heraus, auch wenn viele Aspekte bereits heute gelten: die junge Generation als Zielgruppe, der Dialog mit den einschlägigen Regionen im Sinne von mehr Erinnerungsgerechtigkeit (z. B. Einbeziehung von Prager Deutschen jüdischer Religion). Der Begriff „Forum“ könne in der doppelten Bedeutung als Versammlungsort und als virtueller Raum genutzt werden. Kooperationen sieht er verstärkt auch mit Hochschulen, Akademien oder Künstlerkolonien – auch international. Und angesichts des an der Universität Regensburg bereits bestehenden Schwerpunkts „Ost–West“ schlug Koschmal als möglichen künftigen Namen „Kunstforum Ost–West“ vor, das dann auch terminologisch griffiger und leichter in andere Sprachen zu übersetzen wäre.

Dass Arbeit mit Kindern im Kunstform großgeschrieben wird, zeigte die szenische Bilderklärung des Gemäldes „Abschied der Auswanderer“, das Carl Wilhelm Hübner 1855 geschaffen hat. Die Schülerinnen vom Albertus-Magnus-Gymnasium und Goethe-Gymnasium erklärten nicht nur das Bild mit den vielen Details, sie gingen auch auf im Bild angedeutete Emotionen der dargestellten Menschen ein und informierten über die historischen Hintergründe jener Zeit bzw. die Inspiration des Künstlers zu diesem Werk. Mit Musik zeitgenössischer tschechischer Komponisten umrahmte – in Kooperation mit dem ebenfalls in Regensburg ansässigen Sudetendeutschen Musikinstitut – das Prager Ancerl-Streichquartett den Festakt.

Markus Bauer (KK)

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