Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1308.

Literatur und Kunst

Steter Tropfen formt den Stein

Auch Goethe schätzte ihn ob seiner Einzigartigkeit: Karlsbader Sprudelstein

Die Schreibtischgarnituren, Devotionalien, Schmuckkästchen, Broschen und Mineralien in der Vitrine stammen aus dem Karlsbader Museum und Archiv in Wiesbaden. Aufgestellt im Münchner Sudetendeutschen Haus hatte sie der Verband der ehemaligen Karlsbader für den Vortrag des Braunschweiger Physikers Professor em. Ludwig J. Weigert: „Der Karlsbader Sprudelstein“. Am Schluß des mit Bildern angereicherten Referats im Rahmen der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste verriet der Wissenschaftler, warum es ihm der Karlsbader Sprudelstein angetan habe: Weigert ist Karlsbader, und sein Großvater Franz Weigert war dort Steinschneider, stellte also aus dem harten und teilweise bunten Stein Schmuck her, der von den Kurgästen gern gekauft wurde.

Die Karlsbader Thermen schütten pro Minute bis zu zweitausend Liter heißes und mineralstoffreiches Wasser aus. Beim Austreten des Quellwassers bildet sich überwiegend Aragonit, eine feine Kalkablagerung. Dies ist der Sprudelstein, dessen genaue chemische Zusammensetzung bis heute nicht ganz erforscht ist.

Spätestens im siebzehnten Jahrhundert begann man den Sprudelstein zu verarbeiten, bekannt ist der Steinschneider und „fanatische“ Mineraliensammler Joseph Müller. Er gewann das Interesse von Johann Wolfgang Goethe, der wiederholt in Karlsbad war und sich noch bis wenige Wochen vor seinem Tode mit dem in der ganzen Welt einzigartigen Sprudelstein beschäftigte. In einer von Weigert im Prager Kloster Strahow eingesehenen Schrift aus dem Jahre 1776 beschreibt Müller 109 verschiedene Gesteinsarten. Goethe, der mit Müller in und um Karlsbad viel gewandert war, verfaßte 1807 die Schrift „Sammlung zur Kenntnis der Gebirge rund um Karlsbad“, in der er rund hundert Gesteinsarten vorstellte. Im Jahre 1982 wurde das Heft vom Museum in Wiesbaden neu aufgelegt.

Nach Müllers Tod pflegte Goethe engen Kontakt mit dem Mineralienhändler David Knoll, der sich 1820 an „Seine Excellenz“ wandte mit der Bitte, ihm bei der Ordnung der Gesteine zu helfen. Sieben Briefe schrieb Goethe an Knoll, die bis auf drei erhalten sind.

Im Fluchtgepäck kamen 1945 Sprudelsteine in den Westen. Viele aber hatten sich dort erhalten, wo sie als Erinnerungsstücke an einen Kuraufenthalt mitgenommen oder als Geschenke vermacht worden waren. Mit dem Zweiten Weltkrieg erlosch die meist in Heimarbeit betriebene Steinschleiferei. Das Egerland-Museum Marktredwitz zeigt eine Dauerausstellung, in Aussig ist ein Museum geplant, in dem auch Sprudelsteinerzeugnisse gezeigt werden sollen.

Norbert Matern (KK)

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