Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1308.

Literatur und Kunst

Bach auf estnisch, deutsch und russisch

Internationaler Wettbewerb Johann Sebastian Bach im estnischen Rakvere, dem alten Wesenberg

Mit eisigen Winden und Schneefall war das nördliche Estland noch fest in der Hand des Winters in den letzten Märztagen 2011, während derer der Internationale Wettbewerb Johann Sebastian Bach lief. Der Wettbewerb findet seit 2003 alle zwei Jahre statt, sonst in Narva, dieses Jahr im 100 km westlich gelegenen Rakvere, dem alten Wesenberg, auf halbem Weg zur Hauptstadt Tallinn/Reval. Die Ausschreibung und Durchführung erfolgt durch Rahvuskultuuride Keskus (Zentrum der nationalen Kulturen) in Narva unter der Leitung von dessen Präsidentin Olga Müller. Junge Musiker sind aufgerufen, sich mit Werken von Johann Sebastian Bach und weiteren deutschen Komponisten sowie mit Musik aus ihrem Heimatland zu beteiligen. Sprachlich wurde der Wettbewerb nicht in Estnisch, sondern in Russisch durchgeführt.

Zielsetzungen sind u. a. „Die Wiedergeburt des geistigen Erbes der Vergangenheit im gegenwärtigen Leben“, „Die Entwicklung der musikalischen Bildung von Kindern“, „Die Verbreitung der Werke deutscher Komponisten“, „Die Entwicklung der kulturellen Verbindungen zwischen den Völkern Estlands und Deutschlands“. Der Wettbewerb gestaltete sich in drei Altersgruppen (7–9, 10–12 und ab 13 Jahren) in den Fächern Klavier, Streich- und Blasinstrumente sowie Gesang mit jungen Menschen aus Estland, Lettland, Rußland, der Ukraine, der Türkei, Weißrußland und Aserbaidschan. Leider hatten sich in diesem Jahr keine Teilnehmer aus Deutschland eingefunden. Vergeben wurden in der jeweiligen Altersgruppe drei Preise (Geldpreise und Geschenke), außerdem erfolgten weitere Auszeichnungen durch Diplome.

Das Niveau war erfreulich hoch, und so konnten alle Preise vergeben werden. Zahlreiche Institutionen hatten sich fördernd an dem Wettbewerb beteiligt, der am Mittwochabend in Rakvere mit einem Gottesdienst in einer der ältesten Kirchen Estlands, Kolmainu kirikus (St. Trinitatis-Kirche), eröffnet wurde. Die musikalische Umrahmung war bestens gelungen, durch ein kleines Frauenvokalensemble, einen jugendlichen Männerchor (nicht Knabenchor), etwas, was in Deutschland wohl längst nicht mehr zu finden ist, sowie mit Bachschen Orgelwerken, vorgetragen von jungen Preisträgern. Die Wettbewerbsteilnehmer wurden einzeln aufgerufen und begrüßt. Gemeinsam gesungen wurde der Bachsche Choral „Ich steh an Deiner Krippe hier“, je eine Strophe auf estnisch, deutsch und russisch.

Der nächste Tag brachte den ersten Durchgang aller Gruppen, für die Jury ein Marathon der Bewertungen, der sich am zweiten Tag noch steigerte. Durch das erfreulich hohe Niveau standen nun mit ausgreifenderen Werken auch zeitlich längere Darbietungen an. Jeder Teilnehmer hatte im ersten Durchgang ein Werk von Bach und eines Komponisten nach Wahl zu spielen, beim zweiten Durchgang wiederum Bach und einen anderen deutschen Komponisten (Beethoven, Brahms, Schubert, Schumann oder Mendelssohn) sowie ein Werk eines Komponisten des Herkunftslandes. Man fühlte sich in der zweiten Runde bei den höheren Altersgruppen immer wieder in ein Konzert versetzt, bei einem Zeitrahmen von bis zu 25 Minuten je Teilnehmer.

Auch die Streicher und Bläser waren in ihrer ersten Runde auf Bach verpflichtet, in der zweiten Runde waren Stücke von Paganini (Violine) oder J. Chr. Bach und E. Lalo (Cello) zu hören. Der Gesang, im Russischen präzisiert als „Akademischer Gesang“, war mit vier Teilnehmerinnen, alle in der oberen Altersgruppe, besetzt. Es wurde auch ein Preis für die Begleitung ausgelobt, im Russischen wird dafür der Begriff „Konzertmeister“ als deutsches Lehnwort benützt. Des weiteren wurde noch ein Improvisationswettbewerb ausgetragen. Aufgabe war, auf einen Film mit Szenen aus der Bachzeit und Bildern von Bachstätten zu improvisieren, den Bilderwechsel hörbar zu machen und in der Zeit zu bleiben.

Die Teilnehmer waren meist mit ihrem Lehrer, mit einem Begleiter, teils auch mit mehreren Familienmitgliedern angereist, so daß wohl ein Kreis von 120 Personen zusammengekommen war. Dies führte zu zahlreichen menschlichen Begegnungen auch abseits des „Austragungsortes“, der sehr gepflegten und bestens ausgestatteten Musikschule von Rakvere (mit mehreren Estonia-Flügeln). Das Abschlußkonzert mit Preisverleihung fand im Festsaal des ebenfalls sehr gepflegten Gymnasiums statt. Tags darauf konnten die Preisträger in einem Konzert im gut besuchten Kammermusiksaal der erst vor einigen Jahren eingeweihten Estnischen Musikakademie in Tallinn ihr Können nochmals unter Beweis stellen.

Groß war die Zahl der Teilnehmer aus dem nahe gelegenen St. Petersburg, welche über die Narva kamen, eine der ältesten Grenzen Europas, die heute wieder Außengrenze der EU ist. Es ist die Grenze zwischen der lateinischen und der kyrillischen Schrift und die alte Grenze zwischen abendländischem Christentum und dem russisch-byzantinischen Osten. So wurde auch durch den Wettbewerb wieder deutlich, daß diese alte Grenze in Estlands Norden ein Scharnier der sich zunehmend öffnenden Türe ist, die den Blick in beide Richtungen freigibt, nicht nur durch die ewige Musik von Johann Sebastian Bach. Es gilt hier, jede Möglichkeit anzunehmen, wobei ein Musikwettbewerb eine besondere Gelegenheit bietet, früh mit zukünftigen Eliten in Verbindung zu treten.

Die Tat der Präsidentin vom Rahvuskultuuride Keskus, Olga Müller, die mit schier unglaublicher Initiative aus der kleinen deutschen Minderheit in Narva heraus diesen Wettbewerb ins Leben gerufen und organisiert hat, ist nicht hoch genug einzuschätzen, nicht nur im weiten Sinne der europäischen Idee und abendländischen Kultur, sondern auch in Hinsicht auf die Bedeutung der deutschen Kultur mit ihrer unvergänglichen Musik. Eine größere Zahl von Förderern haben die Bedeutung erkannt (vgl. Internetseiten des Wettbewerbs). Unbedingt zu wünschen wäre, daß bei der nächsten Ausgabe sich wieder junge Menschen aus den westlichen europäischen Staaten, besonders auch aus Deutschland, diesem niveauvollen Wettstreit stellen, der eine kulturpolitische Tat erster Güte ist.

Helmut Scheunchen (KK)

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