Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1308.

Literatur und Kunst

Artistische und historische Transparenz

In Waldkraiburg versucht ein städtisches Glasmuseum, Traditionslinien des Kunsthandwerks aus Böhmen nachzuzeichnen

In die Gegend von Waldkraiburg zogen viele Sudetendeutsche und Egerländer nach ihrer Ausweisung während oder am Ende des Zweiten Weltkriegs, als es Waldkraiburg noch gar nicht gab. Die jetzt 60 Jahre alte oberbayerische „Stadt im Grünen“ wurde vielen von ihnen zur zweiten Heimat. In Bunkern führten sie – darunter viele Kunsthandwerker – hier in den Gründerjahren das weiter, was sie in ihrer Heimat begonnen hatten. Als Instrumentenbauer zum Beispiel oder als Glasbläser.

Ihre Tradition wurde von klugen, weitsichtigen, aber auch konservativen Kräften aufgegriffen. Es entstand ein Museums-Förderverein, der sich um den Erhalt der Handwerkskünste rund ums Glas, das Herstellen, Veredeln und Verarbeiten sorgte.

Bald schon wurden mit Mitteln aus öffentlichen Kassen, Firmenspenden und privaten Leihgaben Initiativen für eine vorzeigbare Sammlung ergriffen. Ungeachtet der angespannten Haushaltslage konnte Waldkraiburgs Erster Bürgermeister Siegfried Klika durchsetzen, daß seine Kommune ein richtiges Glasmuseum innerhalb des Stadtmuseums erhielt. Der erste Bauabschnitt konnte unter Aufgebot aller Kräfte rechtzeitig zum Abschluß gebracht und mit Dankesreden, schöner Musik und Bekundungen der Unterstützung seitens der Leitung der nichtstaatlichen Museen Bayerns der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Daß es dem Förderverein, wie Altbürgermeister Jochen Fischer verkünden durfte, gelang, die famose Summe von 15000 Euro zur Fertigstellung der noch anstehenden Arbeiten zur Verfügung zu stellen, verdient Bewunderung und Nachahmung.

Wie funktioniert eine Glashütte? Woraus besteht Glas? Wie wurde Glas veredelt – also graviert, bemalt, geschliffen? Wie und unter welchen Schwierigkeiten arbeiteten böhmische Glasfachschulen und Glasveredelungswerkstätten? Diese Fragen werden dem Besucher des neuen Glasmuseums Waldkraiburg im Haus der Kultur anschaulich mit bildlichen, textlichen und gegenständlichen Beispielen beantwortet.

Ein Rundgang durch den vom Münchner Architekten Erich Hackl entworfenen Raum mit Schaukästen und Vitrinen kann den Besucher eine kleine Stunde beschäftigen. Daß er sich noch ein wenig gedulden muß, bis auch die beiden letzten Drittel des „ganzen“ Glasmuseums fertig sein werden, weiß er. Jetzt kann er sich – dank der geleisteten Neu-Einrichtungsarbeit durch Museumsleiterin Elke Keiper und ihren Mitarbeiterstab – schon einmal vorbereitend klug machen für das, was ihn erwartet: Biedermeier-Glas mit seinen spezifischen Glasverarbeitungstechniken sowie seine Fortführung über Historismus und Jugendstil bis in die 1950er Jahre hinein, in denen es – vielen ist das erst jetzt bekannt geworden – auch in Waldkraiburg noch eine Glashütte gab, die Bläser, Graveure und Maler ins Brot setzte.

Deutlich wird dem Besucher, daß Schönheit leiden muß. Edle Rösser, Paradiesvögel, idyllisch gelegene Bauernhöfe oder auch das heilige Abendmahl nach Leonardo da Vincis berühmtem Gemälde, lauter Motive, die wir auf den Objekten immer wieder antreffen, lassen zunächst an ein gehobenes Kulturmetier denken. Doch die Ausstellungsmacher wollten keine Augenwischerei betreiben und nichts schönfärben. Sie streuen in die Herrlichkeiten all der gezeigten Deckelpokale, Trinkgefäße, Konfektschalen, Vasen und Karaffen da und dort Zeugnisse der „harten“ handwerklichen Wirklichkeit ein.

Dutzende Menschen arbeiteten in einer Glasschleiferei, etwa in der von Steinschönau in den 1920er Jahren, auf engstem Raum im Schichtbetrieb. Schleifscheiben mußten ausgetauscht und bearbeitet, Ware kontrolliert, gewaschen und verpackt werden. Spezialisten waren für die unterschiedlichen Arbeitsschritte in den industrialisierten Veredelungsbetrieben tätig. Die Nachbildung einer Werkstatt-Situation konnte nach einer Zeichnung von Richard Görtler, Haida 1944, angefertigt werden. Sie zeigt Auguste Splitek an der Gravurmaschine. 1860 geboren, lernte sie bei ihrem Vater Franz Rasche in Arnsdorf das Gravurhandwerk. Mit 18 Jahren machte sie ihren Meister. Danach übernahm sie die väterliche Werkstatt und arbeitete für die Firma Carl Goldberg. Elf Jahre lebte und arbeitete sie in Nimes/Frankreich, bis sie 1904 zurückkehrte. Auguste Splitek wurde 91 Jahre alt.

Ihr Arbeitstisch war wegen des unverzichtbaren Lichteinfalls, wie das üblich war, am Fenster aufgestellt. Als Graveurin mußte sie das Werkstück gegen das Licht halten können, um Feinheiten oder Unebenheiten ihrer Arbeit zu erkennen. Was für Auguste Splitek galt, war bereits Tradition. Im nordböhmischen Gablonz arbeitete einer der besten Glasgraveure seiner Zeit: Anton Simm (1799 bis 1873). Zu Lebzeiten erzielte er für seine Arbeiten leider nicht die Spitzenpreise wie etwa seine Kollegen in den böhmischen Kur- und Badeorten. Erst nach seinem Tod wurde die überragende Qualität seiner Leistung als Glasgraveur erkannt. Gekonnt ist die Kombination von Schliff und Gravur an dem honigfarbenen Fußbecher Anton Simms (um 1840) mit da Vincis „Heiligem Abendmahl“.

Beliebte Gravur-Motive um die Mitte des 19. Jahrhunderts: Reiter mit Pferd, Beduine mit Roß, Wild auf Lichtung. Die im Waldkraiburger Glasmuseum gezeigten drei Deckelpokale, teils rot überfangen, geschliffen und graviert, teils mit Gelbbeize hergestellt, werden bedeutenden Glaskünstlern jener Zeit zugeschrieben, etwa Emanuel Hoffmann oder Karl Pfohl. Solche Gegenstände waren Schaustücke für die Vitrine. Verwendung im Alltag? Eher nicht. Dazu waren sie zu teuer erstanden, als daß man sie, wie vorgesehen, für Konfekt oder Plätzchen genommen hätte.

Einer der bedeutendsten Glasgestalter der 1920er Jahre war Alexander Pfohl (1894–1953). Als besonders begabt erwies sich der junge Pfohl bereits auf der Haidaer Fachschule. Er hatte das Glück, auf die Kunstgewerbeschule nach Wien zu kommen, wo ihn Koloman Moser unterrichtete, einer der großen Jugendstilkünstler. Nach dem Ersten Weltkrieg leitete Pfohl die Entwurfs-Abteilung der schlesischen Josephinenhütte in Schreiberhau. Seine Gläser wurden preisgekrönt. Traditionelles und mo-
dernes Design wußte Alexander Pfohl jun. wie kein zweiter seiner Zunft glücklich zu verbinden.

Daß die Kunst des Glasblasens und die in den meisten Fällen damit verbundenen Künste des Bearbeitens und Veredelns von Glas sich noch da und dort erhalten haben – fern der einst berühmten böhmischen, im Waldkraiburger Glasmuseum besonders berücksichtigten Orte Haida und Steinschönau –, zeigte man bei der Eröffnung mit der Einladung des Glasbläsermeisters Sigi Franz. Er hat sich seit mehreren Jahren in Burghausens „Grüben“ niedergelassen, wo er im „Glaspunkt“ seine Kreationen erarbeitet, ausstellt und zum Kauf anbietet.

Hans Gärtner (KK)
 

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