Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1292.

Literatur und Kunst

Polyhistor

Wie er im Buche steht, wie es aber vor allem in seinen vielen und reichen Büchern steht: Hermann Schreiber ist 90

Am 4. Mai 2010 wurde der Historiker und Schriftsteller Hermann Schreiber 90 Jahre alt. Er wurde als Sohn eines Buchhändlers in Wiener Neustadt geboren. Seine Familie stammt aber aus Hinterpommern, wo die Männer in Greifenberg an der Rega über mehrere Generationen das Scharfrichteramt ausübten. Der Weg eines Familienmitglieds führte dann nach Nordmähren, wo schließlich der Vikar und Pfarrverweser Schreiber eine Wienerin heiratete.

Hermann Schreiber besuchte in seiner Vaterstadt Volksschule und Gymnasium und konnte nach dem Abitur in Wien noch mit dem Studium der Germanistik beginnen, bevor er 1940 zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Nach drei Verwundungen nicht mehr felddiensttauglich, durfte er sein Studium mit einer Dissertation über Gerhart Hauptmann bei dem bekannten Germanisten Josef Nadler abschließen. Er hatte, wie er selbst erzählt, den Text der Arbeit während vieler Nachtstunden auf einem Funkposten im Böhmerwald geschrieben.

Nach Kriegsende arbeitete Schreiber dank seiner guten Sprachkenntnisse zuerst bei der französischen Besatzungsbehörde, dann als Vertreter einer britischen Tageszeitung. 1955 brachte er zusammen mit seinem Bruder Georg das erste Sachbuch heraus, „Versunkene Städte“, das sich rasch als Erfolg erwies, was ihn ermunterte, fortan als freier Schriftsteller zu arbeiten. Es war gewiß keine leichte Entscheidung, doch erwies sie sich als richtig, weil Schreiber drei Eigenschaften in sich vereinigt: Er ist ein ungemein belesener Autor, der immer wieder seltene Themen aufgegriffen und bearbeitet hat, zum andern ist er ein sehr genauer und schließlich auch ein ungemein fleißiger Autor. Das beweist die Bilanz seiner Veröffentlichungen. Allein schon zu Beginn seiner Tätigkeit als Übersetzer übertrug er rund 50 Titel aus dem Französischen und mehrere aus dem Englischen. Dazu kamen in den folgenden fünf Jahrzehnten mehr als hundert Bücher, Romane, Jugendbücher, vor allem aber historische Sachbücher. Und schließlich war da noch sein Gespür für Teamarbeit. Es fällt auf, daß er verschiedentlich als Koautor an Sachbüchern mitgearbeitet hat. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit machten ihn dabei zu einem beliebten Partner.

Bei seinen Jugendbüchern dominierten die Sachthemen, vor allem gestaltete er gern Stoffe aus der Entdeckungsgeschichte und wählte dabei Themen wie „Kaufleute erobern die Welt“ oder „Entdeckungen im Zeichen des Glaubens“. Dazu kamen so spezielle Bücher wie „Schwarzer Herrscher auf goldenem Thron“ (1961) aus der Geschichte des Monomotapareiches in Südostafrika, das bisher noch nie in einem Jugendbuch behandelt wurde, oder „Die weißen Indianer“ (1960), das sich mit dem Rätsel des Kensington-Steines und der Ansiedlung von Wikingern in Nordamerika auseinandersetzt. In „Es spukt in Deutschland“ bearbeitete er seltene Sagenstoffe zu einer Art Geister-Geographie, ein Buch, das erstaunlicherweise in Japan besonders erfolgreich war. Neben diesen und anderen Sachbüchern übersieht man zu leicht, daß Schreiber auch mehrere Jugendromane geschaffen hat.

Nicht weniger erfolgreich arbeitete er im Bereich der Erwachsenenliteratur. Auch hier stehen historische und kulturhistorische Sachthemen im Vordergrund, so etwa bei seinem Paris-Buch (1967), das er im Untertitel treffend „Biographie einer Weltstadt“ nannte. Es folgten Bücher über die Goten, die Vandalen, die Hunnen, über die maurische Herrschaft in Spanien, über Schottland und über Irland sowie eine Geschichte der Alchemie. Man glaubt kaum, daß er noch Zeit fand, Beiträge für Lexika, z.B. das „Bertelsmann Jugendlexikon“ oder das „Lexikon der Abenteuer- und Reiseliteratur“, zu schreiben.

Auch den „Weiten Weg zurück“ zu Herkunft und Ahnen ging Schreiber in mehreren Büchern wie „Land im Osten“ (1961), „Die Deutschen und der Osten“ (1984) und „Die verlorenen Schlösser“ oder „Bürger und Patrizier“ unter dem Pseudonym Bogislav von Archenholz.

Hermann Schreiber kann an seinem 90. Geburtstag auf ein schriftstellerisches Lebenswerk zurückblicken, wie es nur wenigen Autoren vergönnt ist, sei es vom Umfang her, sei es thematisch. Wir gratulieren ihm!

Heinrich Pleticha (KK)

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