Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1291.

Literatur und Kunst

An der schönen trüben Donau

An diesem Strom hängt vieles, was gar nicht an ihm liegt, sagt der Donauländer, Banater und Berliner Richard Wagner

EU-Strategien gibt es viele, trotzdem: „Nichts ist so populär wie der Euro und so unpopulär wie die EU.“ Hat er etwa unrecht – der im Banat geborene und in Berlin lebende Schriftsteller Richard Wagner? An seinen Vortrag, den er im Rahmen der Auftaktveranstaltung zur Vortragsreihe „Die Donau – Lebensader Europas“ am 4. März in der Berliner Vertretung des Freistaates Bayern beim Bund hielt, wird man sich erinnern. Mit Witz und Humor überging Wagner schwerfällige Strategien und widmete sich geistreichen Assoziationen rund um die Donau – mit dem Ergebnis: Die Strategien wurden im Handumdrehen genießbarer, ja man wünschte sich sogar, es mögen demnächst weitere folgen, um Menschen wie Richard Wagner zu geistigen Höhenflügen, schrägen Gedanken und ungewohnten Bildern zu inspirieren.

Die Donau kennen alle – ob als Dunaj, Duna, Dunav oder Dunãre. Sie verbindet auf ihrem langen Weg von West nach Ost rund 75 Millionen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Sprachen. Die Strategien, die sie betreffen, kennen nur wenige – zum Beispiel folgende: Bis zur Ratspräsidentschaft Ungarns im ersten Halbjahr 2011 wird eine Europäische Donaustrategie ausgearbeitet. Der sogenannte Konsultationsprozeß startete bereits am 1. Februar mit einer zweitägigen Donaukonferenz in Ulm und läuft auf Hochtouren. Begleitet wird er von der Hanns-Seidel-Stiftung und der Europäischen Akademie Berlin, die in unterschiedlichen Städten Vorträge anberaumen, um – wie jetzt in Berlin – Wissen über die „Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Herausforderungen der Anrainerstaaten sowie über die Donau selbst“ zu vermitteln.

Dank dieser begrüßenswerten Initiative kamen die Berliner in den Genuß eines Vortrages, der die Donau in ihrem Facettenreichtum unverklärt und unverblümt präsentierte. Nach den politisch wohltemperierten und europäisch wohlmeinenden Worten der bayerischen Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, Emilia Müller, ging es wesentlich lockerer weiter: Die „nicht schreibgeschützten“ Behauptungen des Essayisten Wagner, der seine humorvolle Donausache – sein Donau-Alphabet und seine Randnotizen zu der Hauptsache „Donaustrategie“ – mit viel Ernst und wenig Pathos vortrug, erfreuten das Publikum: Die Mienen lösten sich, interessiert horchte man auf und begleitete die Ausführungen mit nachdenklichem Kopfnicken, vehementem Kopfschütteln bis hin zu schallendem Gelächter.

Man hätte meinen können, ein Engländer wäre zu Gast oder zumindest ein Schotte, gerade im Begriff, mit einem noch schillernderen Mythos als dem des Grafen Dracula zu punkten. Ob „Dracula“ nicht auch so ein „Plastikwort“ ist wie „Ostmitteleuropa“? Man müßte Wagner fragen – oder besser lesen.

„An der Donau hängt vieles, was nicht an der Donau liegt.“ Zum Beispiel auch das Revolutionsjahr 1989, dessen turbulente Ereignisse „der Dramaturgie eines Popkonzertes folgten“ und popkulturgemäß im Jubiläumsjahr zelebriert wurden. Der Walzer „An der schönen blauen Donau“ bleibt der Donau-Strategie erhalten, sie kann von Stadt zu Stadt ostwärts mäandern und sich auch an Orten verirren, die mit der Donau nichts zu tun haben – zum Beispiel in Berlin. Hauptsache, die Strategie veranlaßt Organisatoren, Quer- und Unbequemdenker einzuladen, die viel von der „Sehnsucht nach den Ländern, wo es kein geregeltes Frühstück und keine pünktlichen Züge gibt“, und wenig von Strategien sagen mögen.

Ingeborg Szöllösi (KK)

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