Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1310.

Literatur und Kunst

Kein Tag ohne Linie

Und je härter jener, desto zarter diese: Radierungen von Christian Mischke in Breslau und in Grünberg

Der dem griechischen Maler Apelles, einem Zeitgenossen Alexanders des Großen, zugeschriebene und Plinius d. Ä. in den Mund gelegte Ausspruch könnte als Leitmotiv über dem Schaffen des Grafikers Christian Mischke stehen; mehr als 700 Radierungen sind bislang in seinen Werkverzeichnissen erfaßt. Darauf hat Rüdiger an der Heiden, der ehemalige Oberkonservator der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, in seinen einführenden Worten bei Eröffnung der Ausstellung von Mischkes Radierwerk im altehrwürdigen Rathaus von Breslau hingewiesen. Eine Auswahl aus dem Schaffen der letzten 40 Jahre war dort bis 12. Juni zu sehen, und sie wird vom 18. November 2011 bis zum 15. Januar 2012 im Museum des Lebuser Landes im schlesischen Grünberg (Zielona Góra) gezeigt werden – der Stadt, in der der Künstler 68 Jahre zuvor geboren wurde.

Aufgewachsen ist Christian Mischke nach dem Krieg in Nürnberg, der Stadt Albrecht Dürers, wo sein Vater, ein Architekt, sich eine neue berufliche Existenz aufbauen konnte. Hier besuchte er das (nachmalige) Martin- Behaim-Gymnasium und ließ sich im Anschluß daran an den Kunstakademien in Nürnberg und München zum Kunsterzieher für Gymnasien ausbilden. Nach der Referendarzeit und einem ergänzenden Studium in München und Wien (letzteres als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes DAAD) entschloß er sich 1973, als freischaffender Künstler nach München zu gehen. Seine Werke wurden bald in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt, u. a. in mehreren polnischen Städten; in Lodz erhielt er 1981 sogar eine Ehrenmedaille der Grafikbiennale.

Nachdem ich Christian Mischke und seinen großen Zyklus „Zu Eichendorff“ im Eichendorff- Jahr 2007 im Grafschaftsmuseum Wertheim bei einer von der Stiftung Kulturwerk Schlesien veranstalteten Ausstellung kennengelernt hatte, wollte ich etwas dafür tun, daß er auch einmal in seinem Geburtsort und in der schlesischen Landeshauptstadt ausstellen könne. In diesem Jahr war es dann so weit. Eine günstige Gelegenheit für die Eröffnung der Breslauer Ausstellung bot das (Jubiläums-)Treffen der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Universität Breslau zu ihrem zehnjährigen Bestehen im Mai. Der Hausherr des Städtischen Museums, Dr. Maciej Lagiewski, begrüßte die dazu erschienenen Gäste – Polen wie Deutsche – in der Eingangs-/ Bürgerhalle des Rathauses mit den Büsten berühmter (vorwiegend deutscher) Breslauer und Schlesier; der deutsche Generalkonsul Bernhard Brasack, der die Schirmherrschaft für die Ausstellung übernommen hatte, und Prof. Dr. Norbert Conrads vom Vorstand der Universitätsgesellschaft sprachen Grußworte; eine Dolmetscherin des Konsulats übersetzte ins Deutsche bzw. Polnische.

Wie Rüdiger an der Heiden ausführte, zeigen die Arbeiten Christian Mischkes einen sehr persönlichen ‚poetischen Realismus‘. Auf Grund vielschichtiger Beziehungen zur Realität versteht er in seinen frühen Arbeiten die Welt als in ständiger Verwandlung begriffen, und so wird die Metamorphose zum Hauptthema dieser Jahre. Der Mensch werde oft nackt, kopflos, in den Gliedmaßen vervielfältigt dargestellt, teils mit aufgerissenem Leib, meist verbunden mit filigranen Strukturen von blattlosem Geäst; häufig verschmelzen organische und anorganische Gebilde, Mensch und Natur.

Bewußt greife Mischke auch auf Werke früherer Zeiten zurück, von Albrecht Dürer und Albrecht Altdorfer über Caspar David Friedrich bis zu Max Klinger, dem wirkungsmächtigen Symbolisten. Deutliche Spuren in Mischkes Werk hinterließen Reisen schlechthin – insbesondere verschiedene Reisen in den Nahen und Fernen Osten – und die dabei kennengelernten Landschaften, fremden Kulturen und alten Mythen. Die Ausstellung zeigt beispielsweise die achtteilige Folge „Aus China“, einen Teil der so genannten „Nachtlandschaften“, und einige seiner phantasievollen, technisch brillanten „Variationen über das Ginkgoblatt“. Bestandteil einer dieser Radierungen ist der gedoppelte Schattenriß Goethes – eingedenk des Gedichts „Ginkgo biloba“ aus dem „West-östlichen Divan“.

Mehrfach hat Christian Mischke sich mit literarischen Texten auseinandergesetzt, wobei es ihm weniger um Illustration denn Interpretation ging. Hier ragt vor allem die schon angesprochene, für eine Eichendorff-Ausgabe geschaffene Folge von Radierungen heraus; hinzu kamen in den letzten Jahren die für einen limitierten Subskriptionsdruck von Thomas Manns Novelle „Unordnung und frühes Leid“ entstandenen Grafiken.

Eine mit der Vorliebe des Künstlers für das Kartenspiel zusammenhängende Besonderheit sind die variantenreich gestalteten farbigen Spielkarten; die Anregung dazu ging von einem (nicht vollständig erhaltenen) mittelalterlichen Kartenspiel aus, einer der bedeutendsten frühen deutschen Kupferstichserien. Als Zugabe enthält die Ausstellung schließlich noch eine Kollektion von meisterhaften miniaturalen Exlibris sowie einige im Laufe der Zeit entstandene Neujahrskarten, mit denen ein Kreis von Freunden und Bekannten zum Jahreswechsel bedacht wurde.

Christian Mischke ergriff auch selbst das Wort. Er dankte allen, die das Zustandekommen der Ausstellung ermöglicht haben, und übergab dem Museum als großzügiges Gastgeschenk eine Mappe mit allen Radierungen des Eichendorff-Zyklus. Für die Anwesenden gab es ein originelles Erinnerungspräsent: die Radierung einer an einem Lindensamenblatt – das Signet des Künstlers – nagenden Maus auf postkartengroßem Büttenpapier; darunter sein Schriftzug und das polnische Wort für Maus, nämlich „mysz“ (myszka heißt Mäuschen).

Die Radierungen waren im sogenannten Patio, einem an die Eingangshalle des Rathauses angrenzenden kleinen Lichthof, sehr geschmackvoll präsentiert. Es fügte sich gut, daß die Museen der Stadt anderntags die „Museumsnacht“ begingen und bis Mitternacht geöffnet hatten. Wie festgestellt werden konnte, erfreute sich die am Rathaus unübersehbar ausgeflaggte Ausstellung von Christian Mischkes Radierungen unter dem Titel „Mit Nadel und Säure“ eines lebhaften Zuspruchs – vor allem seitens der Jugend. Als besonderer Anziehungspunkt für viele Besucher erwies sich dabei u. a. die Glasvitrine, in der die für die Herstellung einer Radierung nötigen Utensilien zu sehen waren.

Norbert Willisch (KK)

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