Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1311.

Literatur und Kunst

Frei im Netztwerk der Avantgarde

Eine beeindruckende Gesamtschau des Werkes einer alle Gattungen überspielenden (Lebens-)Künstlerin: Ré Soupault

Fotografin, Journalistin, Mode- und Filmemacherin sowie Übersetzerin – Ré Soupault ist eine der spannendsten und kreativsten Frauen des 20. Jahrhunderts. Das Schaffen der Bauhaus-Schülerin ist maßgeblich geprägt von den geistigen und künstlerischen Strömungen der deutschen und französischen Avantgarde der 1920er und 1930er Jahre. Ihr in den 1980er Jahren wiederentdecktes fotografisches Werk zählt zu den bedeutendsten des letzten Jahrhunderts.

In einer umfangreichen Retrospektive präsentiert das Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg bis zum 4. September das Gesamtwerk Ré Soupaults sowie ausgewählte Kunstwerke von Zeitgenossen, mit denen sie künstlerisch und freundschaftlich verbunden war. Zu den Exponaten gehören Fotografien, Modezeichnungen und -entwürfe, Dokumente, Texte zu Kunst und Literatur sowie Radio-Essays. Die von der Kunsthalle Mannheim entwickelte Ausstellung, kuratiert von Dr. Inge Herold und Ré Soupaults Nachlaßverwalter Manfred Metzner, zeigt alle Aspekte ihres kreativen Schaffens wie auch das Netzwerk der Avantgarde, in dem sie sich entfaltet hat. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog (Verlag Das Wunderhorn/Heidelberg, 265 Seiten, zahlr. Abb., 29,80 Euro).

Ré wird als Meta Erna Niemeyer 1901 in Bublitz/Pommern geboren und stirbt im Alter von 95 Jahren in Paris. Ihr Studium am Bauhaus bei Design-Größen und Künstlern wie Johannes Itten, Paul Klee oder Wassily Kandinsky bestätigt sie bereits früh in dem Drang nach künstlerischem Ausdruck. Zahlreiche Begegnungen mit Künstlern und Intellektuellen ihrer Zeit wie Lucia Moholy, dem Fotografen Umbo oder Nina Kandinsky prägen ihr Schaffen. Ob als Assistentin des schwedischen Avantgarde-Filmers Viking Eggeling, als Fotografin für Reisereportagen von Philippe Soupault, als Übersetzerin von Texten Tristan Tzaras, André Bretons und anderer oder als Essayistin – Ré Soupault findet stets neue Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung.

1934, ein Jahr nachdem sie den französischen Journalisten, Schriftsteller und Surrealisten Philippe Soupault, die Liebe ihres Lebens, kennenlernt, beginnt Soupault zu fotografieren. Neben Reportagefotografien für Philippe porträtiert sie 1938 bis 1942 während eines Tunis-Aufenthalts das Leben der Nomaden in der Wüste und der Frauen in dem Prostituiertenviertel „Quartier réservé“. 1942, nach der Flucht des Paares vor den Nationalsozialisten aus Tunesien, scheinen alle Fotos aus den Jahren 1934 bis 1942 verloren. 1946 findet eine Freundin Ré Soupaults die Kiste mit dem Fotomaterial zufällig in Tunis auf einem Flohmarkt. 1988 zeigt Ré diese Negative und Fotos ihrem Verleger Manfred Metzner. Es folgen der späte Ruhm als Fotografin und weltweite Ausstellungen.
Die Fotografien Ré Soupaults sind geprägt von dem neuen Sehen und Denken Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihre Momentaufnahmen des alltäglichen Lebens thematisieren das Verhältnis zwischen Individuum und Masse. Die Bilder überzeugen durch ein außergewöhnliches Gespür für Grundformen und Proportionen.

Mit Zeichnungen für die Zeitschrift „Sport im Bild“ und ihrem Pariser Modestudio „Ré Sport“ setzt die schier unbändig kreative Künstlerin 1928 bis 1934 Akzente in der europäischen Modewelt. Ihr revolutionäres Transformationskleid ist als Kritik an der zeitgenössischen Mode zu verstehen. Man Ray fotografiert Rés Kollektionen. Ihre Mode konkurriert mit der von Coco Chanel und Elsa Schiaparelli.
Die vielseitigen Lebenserfahrungen Ré Soupaults fließen in ihre Arbeit als Autorin, Journalistin, Filmemacherin und Herausgeberin ein. Die unermüdliche Kreativität der (Lebens-)Künstlerin spiegelt sich in zahlreichen Texten zu Kunst und Literatur sowie ihren Radio-Essays wider.

Außerdem sind in der Ausstellung Arbeiten von Künstlern aus Ré Soupaults Umfeld zu sehen, so daß die gegenseitigen Prägungen und die Ausprägung des damaligen „Zeitgeistes“ deutlich werden: Marianne Brandt, Marianne Breslauer, Sonia Delaunay, Gisèle Freund, Werner Graeff, Florence Henri, George von Hoyningen-Huene, Johannes Itten, Wassily Kandinsky, André Kertész, Paul Klee, Lucia Moholy, László Moholy-Nagy, Man Ray, Oskar Schlemmer, Umbo.                                                            

(KK)

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