Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1311.

Literatur und Kunst

Temperament als Gestaltungskraft

Ingeborg Meyer ist immer so sehr sie selbst,
daß man ihr jede Gestalt glauben kann

Einer der Kurt Sieder-Preise wurde vor kurzem in Aachen an die Schauspielerin Ingeborg Meyer vergeben. Eine verdiente Auszeichnung, die eine lange und erfolgreiche Karriere belohnt. Ihre jüngste Rolle beim Grenzlandtheater Aachen war die Konsulin in den „Buddenbrooks“ nach dem berühmten Roman von Thomas Mann.

Die aus Siebenbürgen stammende Ingeborg Meyer gehört zu jenen Schauspielerinnen, die ein vielfältiges künstlerisches Potential besitzen und eine Vielfalt menschlicher Schicksale schauspielerisch nachvollziehen können. Sie glänzt in Dramen und Komödien, im klassischen oder modernen Theater, im Schwank oder im Musical gleichermaßen. Sie ist eine ideale Darstellerin für das zeitgenössische Theater, in dem die Grenze zwischen Tragik und Komik, zwischen Wahrheit und Phantasie, zwischen Realismus und Absurdem verschwindet.
Aus einer der begabtesten Studentinnen der deutschen Abteilung des Theaterinstitutes zu Bukarest ist zuerst eine beliebte Darstellerin des Deutschen Staatstheaters Temes – war und später ein Star des Grenzlandtheaters Aachen geworden. Erfolgreich spielte sie auf verschiedene Bühnen in Frankfurt, Köln, Düsseldorf, Oberhausen und anderen deutschen Städten, und erhielt einstimmiges Lob der Kritik und des Publikums. Mit einem stürmischen schauspielerischen Temperament ausgestattet, findet sie den passenden Ausdruck für jede Rolle und gibt gleichzeitig jeder Figur eine starke persönliche Note.

In „Mutter Courage und ihre Kinder“ zum Beispiel zollte sie weder Brechts Verfremdungstheorie noch dem Muster Tribut, das von Helene Weigel am Berliner Ensemble geprägt wurde. In ihrer Darstellung war Anna Fierling die energische, habgierige Händlerin, die furchtlos über die Schlachtfelder zog und sich mit Soldaten prügelte, aber auch die Verkörperung der Weiblichkeit, der Verletzlichkeit einer Mutter, die um das Leben ihrer Kinder bangt. Manchmal schlau, manchmal naiv, manchmal humorvoll, aber stets fähig, im Zorn das Messer zu zücken. Ein autentisches, überzeugendes Porträt, das sowohl Mitleid als auch Abscheu erregte. Die Anna Fierling von Ingeborg Meyer war ein Weib von heute, das mit seinem Marketenderwagen durch die Ruinen in Tschetschenien oder Bosnien oder die überfüllten Lager in Ruanda ziehen könnte.

Ein Höhepunkt in Ingeborg Meyers Karriere war die Winnie in „Glückliche Tage“ von Samuel Beckett. Das berühmte Einpersonenstück war diesmal keine Geschichte des Dahinvegetierens und des Verfalls einer Sterbenden – wie in vielen anderen Inszenierungen. Im Sand vergraben – bis zum Gürtel im ersten, bis zum Hals im zweiten Teil –, behält Winnie in der Darstellung von Ingeborg Meyer eine unbändige Vitalität und sprüht förmlich vor aufrichtiger Freude, unter der Sonne zu leben. Die besondere Dynamik der Aufführung entsprang der inneren Mobilität der Schauspielerin, ihrem intensiven Ausleben seelischer Zustände: Euphorie schöner Erinnerungen und Trübsal unerfüllter Träume, Liebe und Eifersucht, Einsamkeit und Unruhe, und stets die Erwartung eines neuen „glücklichen Tages“… Das Leben geht weiter, das Leben triumphiert immer, das hat Ingeborg Meyer meisterhaft gezeigt, eine ganz und gar originelle Interpretation von Becketts absurdem Theater. Selbst wenn die Existenz sinnlos wäre, berechtigt die Lebensbegierde trotzdem zu einer besonderen Art Optimismus. Ein Kritiker bezeichnete Ingeborg Meyers Winnie als „Optimistin ohne Hoffnung“. Die Schauspielerin hat diese Rolle in mehreren Inszenierungen wiederholt und immer weiter ausgefeilt.

Als Dozentin und mittlerweile Schulleiterin der privaten Theaterschule Aachen vermittelt Ingeborg Meyer ihre Kenntnisse, ihre reichen Erfahrungen der jungen Generation.

Im letzten Unterrichtsjahr hat sie mit den Schauspielstudenten fast sechs Monate „Woyzeck“ von Georg Büchner geprobt. Jede Rolle wurde mit den jungen Darstellern analysiert und bearbeitet. Die Inszenierung wurde vom Publikum mit viel Applaus belohnt.

Stürmischen Beifall erntete Ingeborg Meyer in musikalischen Kömödien. Man spricht zwar von der „leichten Muse“, aber leicht zu spielen sind diese Rollen nicht. Nur hohe Professionalität kann die totale Zwanglosigkeit und Spontaneität dieses Genres gewährleisten. Und die bringt kaum eine Bühnendarstellerin besser ein als Ingeborg Meyer.                                        

A. Rotenberg (KK)

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