Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1311.

Literatur und Kunst

Die Mauer zerschnitt mein Leben


Der August 1961 war für mich der Anfang von etwas, das drei Jahre lang kein Leben mehr sein sollte

Das Sommersemester 1961 in Mainz war am 31. Juli zu Ende gegangen, seit dem 1. August arbeitete ich, wie schon im Frühjahr, als Werkstudent bei der Reifenfirma Dunlop in Hanau. Ich war 24 Jahre alt und hatte sieben Semester Studium hinter mir. Von Bruchköbel, einem Dorf in der Nähe, wo meine Eltern wohnten, fuhr ich täglich mit meinem Motorrad zur Frühschicht um 6 Uhr oder zur Spätschicht um 14 Uhr. Am Samstag, dem 12. August, machten wir einen Betriebsausflug. Dabei lernte ich eine fünf Jahre ältere Sekretärin aus der Verwaltung kennen, mit der ich mich für Sonntagmorgen am Kahler See, der schon in Unterfranken lag, zum Schwimmen verabredete. Dort, am Ufer des Sees, hörte ich im Radio zufällig die Nachricht, daß in Berlin in der vergangenen Nacht eine Mauer gebaut worden war.

Ich weiß nicht, wie ich den Rest des Sonntags verbrachte. Ich hatte heftige Zweifel bekommen, ob ich im September zur Buchmesse nach Leipzig fahren sollte. Am Montagmorgen gab ich bei der Firma Dunlop einen Brief ab, dass ich nicht mehr zur Arbeit erscheinen würde, und fuhr, wie schon seit 1959, nach Nienburg/Weser, in dessen Nähe ein germanisches Gräberfeld aus dem sechsten Jahrhundert ausgegraben wurde. Hier arbeitete ich bis zum 28. August, fuhr dann noch einmal nach Bruchköbel, wo meine Eltern ihre Silberne Hochzeit feierten. Am 4. und 5. September versuchte ich, Günter Zehm zu erreichen, der im Dezember 1960 aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen worden war und im Januar 1961 nach Westberlin hatte fliehen können. Er wohnte in Langen bei Frankfurt, war inzwischen 28 Jahre alt und schrieb an seiner Dissertation über Jean Paul Sartre.
Als Schüler des Leipziger Philosophen Ernst Bloch (1885–1977) war er im Sommer 1957 verhaftet und zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

Aber ich konnte Günter Zehm nicht erreichen! Er war zur Häftlingskur in Bad Hersfeld. Jahre später hat er mir gesagt, er hätte mich gefesselt und festgebunden, wenn er gewußt hätte, daß ich nach Leipzig fahren wollte, denn ich hatte im Juni/Juli 1961 sieben DDR-kritische Artikel in der Mainzer Studentenzeitung „nobis“ veröffentlicht, was nach DDR-Gesetzen „staatsgefährdende Hetze“ war. Auch mein Vater warnte mich vor dieser Reise nach Leipzig, aber ich versuchte ihn zu beschwichtigen, ich hätte diese Artikel doch in Westdeutschland veröffentlicht, was ginge das die Staatssicherheit an?
Am Mittwoch, dem 6. September 1961, fuhr ich los, zuerst Richtung Norden und dann Richtung Osten. Bei Herleshausen war die Autobahn unterbrochen, weil bei Kriegsende die Brücke über die Fulda gesprengt worden war. Ich musste einige Kilometer über die Dörfer fahren und geriet dann an die westdeutsche Grenzkontrolle, was nur wenige Augenblicke dauerte, und einige hundert Meter weiter an die DDR-Grenze, wo ich vom Motorrad steigen und eine Baracke betreten mußte. Mein Ausweis wurde durch einen Schlitz in einen Raum geschoben, der abgeschirmt war, so daß man nicht sehen konnte, wer da saß. Leute, die nach mir gekommen waren, waren längst abgefertigt, während ich immer noch auf meinen Ausweis wartete. Schließlich kam ein Grenzoffizier auf mich zu, stellte mir eine unwichtige Frage und gab mir den Ausweis zurück: Ich durfte fahren!

Daß ich von diesem Augenblick an observiert wurde, hätte ich mir nicht vorstellen können. Aber 1993 konnte ich in meinen Akten lesen, daß ich in Leipzig drei Tage lang auf Schritt und Tritt überwacht worden war bis zur Verhaftung am 9. September, einem Samstag, gegen 11 Uhr auf dem Karl-Marx-Platz in Leipzig. Ich war schon gefangen, als ich eingereist war, man wartete nur auf den günstigsten Augenblick für den Zugriff! Und der kam am Tag der Abreise, ich wollte zurückfahren nach Nienburg zur Ausgrabung und im November mein achtes Semester beginnen. Aber es kam anders!

Ich parkte am Samstagmorgen mein Motorrad vor dem Mendebrunnen, wo heute das Gewandhaus steht. Ich ging durch die Innenstadt und besuchte mehrere Buchhandlungen, schließlich betrat ich die Universität und notierte mir, was auf einem Aushang am Schwarzen Brett hing. Eine Pflichtvorlesung für Studenten aller Fachrichtungen und Studienjahre war da angekündigt, Thema „Die humanitäre Funktion des antifaschistischen Schutzwalls“. Das schrieb ich mir auf!

Dann ging ich, von der Spätsommersonne geblendet, quer über den Karl-Marx-Platz zu meinem Motorrad, hinter dem ein PKW geparkt war. Als ich den Zündschlüssel einstecken wollte, stiegen zwei Männer aus und erklärten mich für festgenommen. Das Motorrad mit aufgeschnalltem Koffer blieb stehen, in rasender Fahrt ging es durch die Leipziger Innenstadt zur Staatssicherheit in der Beethovenstraße. Dort stieg einer der Greifer aus, das Tor öffnete sich, und ich wurde für drei lange Jahre zum politischen Gefangenen.

Mein ganzes Leben wurde durch diese drei Jahre in Torgau und Waldheim in eine andere Richtung gedrängt. Wer in einem DDR-Zuchthaus gesessen hat, weiß alles über diesen Staat. Man gerät in eine ganz andere Welt, die man vorher nicht gekannt hat. Dort hausten die Opfer des „Klassenkampfs“, den Walter Ulbricht von Berlin-Pankow aus betrieb. Tausende von Menschen, die nie in ihrem Leben verhaftet und verurteilt worden wären, wenn es diese unseligen DDR-Gesetze nicht gegeben hätte, wonach es strafbar war, das Land zu verlassen, strafbar, den Staat zu kritisieren, strafbar, freie Wahlen und das Streikrecht zu fordern. Man ist gezeichnet, wenn man nach Jahren zurückkommt. Es ist, als verstünde man jetzt die Sprache der Vögel und könne es niemandem mitteilen!

Jörg Bernhard Bilke (KK)

«

»