Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1290.

Literatur und Kunst

Kameraden im Tod

Auf „Krieger-Friedhöfen“ in Makedonien liegen Tausende Kriegstote

aus acht Nationen, darunter mehr als 5000 DeutscheDrei Gebote soll der Muslim möglichst rasch erfüllen: Gäste bewirten, Töchter verheiraten, Tote begraben. Vor einem knappen Jahrhundert haben die vereinten Balkanvölker die muslimischen Türken, die sie über 500 Jahre lang beherrscht hatten, in den Balkankriegen 1912/13 fast gänzlich aus Europa vertrieben.  Aber in Sprachen, Architektur, Musik, Küche etc. haben sich noch unendlich viele „türkische“ Elemente erhalten, nicht zuletzt im Umgang mit dem Tod. Die Eile von Begräbnissen gehört dazu – bis auf den heutigen Tag vergehen auf dem Balkan zwischen Ableben und Beerdigung eines Menschen zumeist keine 24 Stunden, sehr zum Ärger von Gastarbeitern, die in der Regel verspätet eintreffen. Auch verblüffen balkanische Grabstätten durch ihre Lieblosigkeit, als hätte man die Toten eilig loswerden wollen und wenige Gedanken auf die Würde des Ortes und die Totenruhe verschwendet.

Dabei ist gerade der West-Balkan eine Region, wo aus gegebenem tragischen Anlaß genügend Beispiele bereitstehen, wie Fried-Höfe aussehen sollten. Die Rede ist von zahlreichen Soldatengräbern aus zwei Balkan- und zwei Weltkriegen. Bekanntlich begann der Erste Weltkrieg 1914 um und gegen Serbien, zu dem seit zwei Jahren auch das bis dahin türkische Makedonien gehörte. Anfänglich wurden die serbischen Truppen durch das Land bis auf die Insel Korfu gejagt, von wo englische und französische Schiffe sie nach Thessaloniki brachten. Dort begann die zweite Kriegsphase, während der die deutschen und bulgarischen Truppengnadenlos auf den Balkan zurückgejagt wurden, bis zur endgültigen Niederlage vom September 1918.

Die Hauptkampflinien befanden sich südlich der makedonischen Städte Bitola und Prilep, in denen nach dem Krieg Soldatenfriedhöfe angelegt wurden. In Prilep fanden 1800 Soldaten aus acht Nationen, darunter 1683 Deutsche, die letzte Ruhe. Der „Kriegerfriedhof“ wurde 1918 auf einem Hügel angelegt, nur durch eine flache Mauer vom städtischen Friedhof getrennt. Auf diesem werken bisweilen alte Frauen, die sich noch erinnern, wie es binnen Jahrzehnten nebenan aussah: Soldatengräber in langen Reihen, aufgeräumt und gepflegt. Später hat man den Friedhof beseitigt, seit einigen Jahren restauriert und Ende August 2009 mit einer großen Feier wiedereröffnet. Dabei sprach auch Verteidigungsminister Zoran Konjanoski, der eine einfache und beeindruckende Gleichung formulierte: „Makedonien versteht es, Ehre zu erweisen, und es verlangt, von anderen respektiert zu werden, schließlich sind wir ein Beispiel für Toleranz und gutnachbarliche Beziehungen.“

In Bitola bestehen seit den 1930er Jahren mehrere Soldatenfriedhöfe, auf denen etwa 17000 Soldaten ruhen, darunter 3406 Deutsche. Ein rein deutscher Friedhof entstand 1936, weil die Deutschen beabsichtigten, ihre zahlreichen und an vielen Orten ruhenden Toten an einem Ort zusammenzulegen, nämlich in Bitola. Die Stadt bot ihnen jeden Platz, den sie auswählen würden, großzügig zum Geschenk an. Die Deutschen wählten die kleine „Festung über dem Tunnel“ aus, ein Rondell auf einem Hügel oberhalb der Stadt. Sie waren verblüfft über die Großzügigkeit der Stadt, weil sie diese nicht weiter kannten. Bitolas Schönheit hatte bereits vor 500 Jahren der türkische Weltreisende Evlija Celebija gerühmt, als die Stadt unter dem Namen „Monastir“ im ganzen osmanischen Imperium ein Begriff war. In der Antike war sie das prächtige Heraklea gewesen, das seit Jahrzehnten wieder ausgegraben wird, wobei die Grabungen gewiß noch hundert Jahre weitergehen werden. In der Türkenzeit war Bitola – Monastir, Pelagonija, Toli – die „Stadt der Konsuln“ im europäischen Teil des Imperiums, und es muß da eine charmante Wechselseitigkeit gegeben haben: Die Europäer schickten ihre genialischen Tunichtgute nach Bitola – die Serben den Komödiendichter Branislav Nusic, die Bosnier den witzigen Romancier Peter Kocic etc. –, die es dann zur lebendigsten Theater- und Kulturstadt der Region machten. Zudem war die Stadt Garnison der Elitesoldaten, hier hat Kemal Atatürk seine Offiziersausbildung absolviert.

Wichtiger aber waren stets Kunst und Wissenschaft, betont Professor Aleksandr Sterioski von der lokalen Universität: In Bitola wirkten nach 1900 die Gebrüder Manaki, die Pioniere des balkanischen Filmwesens. Hier forschte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts der deutsche Botaniker Heinrich August Grisebach (1814–1879) und entdeckte im benachbarten Pelister-Gebirge die Molika, eine bislang unbekannte Tannenart, die die Makedonen seither eifersüchtiger bewachen als die Kronjuwelen der antiken Herrscher. Bis heute treffen sich Wissenschaftler aus aller Welt im Pelister, um auf Grisebachs Spuren weiterzuarbeiten.

Der deutsche Soldatenfriedhof konnte da lange Zeit nicht mithalten, denn er wurde nach 1945 vergessen und einer benachbarten Roma-Siedlung als „Steinbruch“ überlassen. Erst seit 2006, als Deutsche und Franzosen sich zu gemeinsamen Gedenkfeiern entschlossen, kann man aller Kriegstoten kollektiv gedenken. Ebenso lange kann man auch wieder den deutschen Soldatenfriedhof begehen, den der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge in seiner würdevollen Gestalt restauriert hat. Zudem haben die Deutschen mit Mile Petrovski einen Einheimischen gefunden, der die Grabstätte ganzjährig betreut.

Und 2009 wartete Deutschland mit einer besonders hübschen Idee auf, die eine Vorgeschichte hat. Im Stadtzentrum steht, am Ende der Flaniermeile „Schirok sokak“ (Breite Gasse), der 30 Meter hohe „Saat-kula“ (Uhrenturm), über den die Gelehrten streiten, ob er im 16. oder im frühen 19. Jahrhundert erbaut wurde. Immer war er ein Wahrzeichen der Stadt, nach 1936 besonders. Da hatte nämlich die Osnabrücker Firma Korfhage & Söhne für den Turm von Bitola ein Spielwerk gebaut, das allabendlich deutsche und andere Lieder ertönen ließ, wenn die Bitolaner ihren Abendbummel machten. Die Wartungsarbeiten wurden bis 1969 fortgesetzt, dann war vorerst Schluß. Erst jetzt, 15 Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Republik Makedonien, spendete Berlin 10000 Euro, womit das Spielwerk gründlich überholt und am 29. August 2009 mit einer schmissigen Feier erneut in Betrieb genommen wurde.

Neben vielen anderen Vorzügen ist Bitola die Stadt der Lieder. Wer einmal längere Zeit in Makedonien war, kennt Lieder aus und über Bitola. Ob diese freilich vom restaurierten „Saat-kula“ klingen werden, darum tobt derzeit noch ein bizarrer Streit. Natürlich wird er wieder Lieder spielen. Aber welche? Die serbische Königshymne, die jugoslawische Nationalhymne, Partisanenlieder über lokale Heroen wie Taki Daskalo etc. sind aus dem Repertoire gestrichen. Am besten spielt der Turm, so ein Kompromißvorschlag, die Nationalhymnen der mehr als ein Dutzend Staaten, die in Bitola Konsulate unterhalten.

Deutschland hat, vertreten vor allem durch Botschafterin Ulrike Knotz, an diesem 29. August 2009 eine „gute Figur“ gemacht, vormittags am Uhrenturm in Bitola, nachmittags auf dem „Kriegerfriedhof“ in Prilep. Wenn in den Reden der Deutschen, Makedonen, Bulgaren und anderer immer wieder betont wurde, daß die Soldatenfriedhöfe zu Frieden und Aufbau mahnen, dann war das ehrlich und glaubhaft. Wenn aber versichert wurde, man wolle Makedonien auf seinem „Weg zu NATO und EU“ helfen, dann war das Heuchelei. Seit Jahren sind NATO und EU überzeugt, daß Makedonien längst zu ihnen gehörte, weil es alle Aufnahmekriterien erfüllt hat. Daß Makedonien noch nicht zu NATO und EU gehört, liegt an den Erpressungen Griechenlands, das Makedonien seinen guten Staatsnamen wegnehmen möchte und die EU und NATO zwingt, die Athener Narreteien mitzumachen. Die Politiker aus Brüssel, Berlin und anderen Metropolen kuschen vor Griechenland, wundern sich aber, daß NATO und EU immer weniger Glaubwürdigkeit und Vertrauen genießen. Gerade die Feiern auf balkanischen Soldatenfriedhöfen wären geeignet, den Griechen eine historische „rote Karte“ zu zeigen. Schließlich hat Griechenland 1913 bei der Teilung Makedoniens mehr als die Hälfte von dessen Territorium, nämlich 34411 von insgesamt 68451 Quadratkilometern, geraubt und damit jenen spezifischen Balkan-Imperialismus ausgelöst, der die Region bis in die Gegenwart nicht zur Ruhe kommen läßt.

Wolf Oschlies (KK)

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