Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1312.

Literatur und Kunst

Das Gegenteil von Leere

Das ist nicht Fülle, sondern Form – der Bildhauer Siegfried Erdmann

Am 27. August 2011 wurde der Bildhauer Siegfried Erdmann, der 1926 in Allenstein, Ostpreußen, geboren wurde und in Dortmund lebt und arbeitet, 85 Jahre alt. Die Dortmunder Presse würdigte in ausführlichen Artikeln sein Schaffen für die Region und darüber hinaus. Nach dem Krieg begann er l947 seine Ausbildung bei dem Bildhauer Fritz Viegener in Delecke am Möhnesee, studierte bis 1952 an den Kölner Werkschulen bei den Professoren W. Wallner und L. Giess und ist seit l952 als freischaffender Bildhauer tätig. Seine Frau Doris, ebenfalls Künstlerin und als Kunststickerin und Keramikerin tätig, lernte er während der Studienzeit in Köln beim Aktzeichnen kennen und ist seit 56 Jahren mit ihr verheiratet.

Siegfried Erdmanns Arbeitsgebiete sind freie Plastik, Bauplastik, Wandreliefs in Stein, Holz, Bronze, Beton und Keramik und Plaketten. Im Laufe der Jahre entwickelte er für den öffentlichen Bereich zahlreiche Großplastiken und Reliefs als Auftrag oder durch Wettbewerbe. In der Zusammenarbeit mit seiner Frau entstanden auch mehrere keramische Arbeiten, so 1979 ein großflächiges plastisches Wandrelief in Unterglasurmalerei in Räumen der Gemeinde der katholischen Kirche in Dortmund-Schüren.

In zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland hat er sein Werk der Öffentlichkeit vorgestellt, seine Werke befinden sich sowohl im öffentlichen als auch im privaten Besitz. Bereits 1952 erhielt er den Preis der Ausstellung „Eisen und Stahl“ in Düsseldorf.

Sein künstlerisches Werk kann man in zwei Themenbereiche gliedern: figürlich und organisch abstrakt. Intensive Natur- und Anatomiestudien sind für Siegfried Erdmanns Arbeiten kennzeichnend. Anfangs entstanden Akte und figürliche Plastiken sowie Arbeiten, die Eindrücke aus der Kriegs- und Nachkriegszeit zum Thema hatten. Im Laufe der Zeit wurden die Formen immer straffer und themenunabhängiger. Der Prozeß der Beschränkung auf Wesentliches führte schrittweise durch Verdichtung der Aussage zur Abstraktion. 1965 entstand – wie er selber sagt – seine erste abstrakte Plastik.

Abstraktion heißt, die äußere Hülle der vertrauten dinglichen Wirklichkeit „abziehen“, um den verborgenen Kern, die innere künstlerische Erfahrung sichtbar zu machen. Jedes Material hat seine spezifischen Eigenschaften, die der Künstler beachten muß.

In jungen Jahren waren es , neben vielen anderen Techniken, auch große Steine, die Siegfried Erdmann behauen hat. „Da muß man sich fit fühlen“, sagt er, der früher bis zu 80 Stunden in der Woche in seinem Atelier direkt hinter seinem Haus gestanden hat. „Bildhauerische Arbeit erfordert viel Kraft.“ Schon immer war es sein Traum, einen Skulpturenpark zu haben. In dem großen Garten um das Haus und Atelier hat er sich diesen Traum erfüllt.

Siegfried Erdmann arbeitet auch heute noch, wenn irgend möglich, jeden Tag in seinem Atelier, umgeben von seinen Skulpturen aus Stein, Gips, Ton in allen erdenklichen Größen. Jetzt sind es kleinere bis mittlere Objekte, denen er sich zuwendet. Die in den letzten Jahren entstandenen Plastiken sind überwiegend in dem warmen terrakottafarbenen Ton belassen, zeigen keine glatte Außenhaut, sondern wirken durch eine matte, porige, das Licht saugende Oberflächenstruktur sehr lebendig. Die abstrakten Gebilde beziehen aus dem Wechsel von stärkeren und flacheren Krümmungen, aus dem nach außen drängenden Volumen ihre innere Kraft. Die Arbeiten sind intuitiv, emotional, klar und handwerklich sensibel geprägt. Im Schaffensprozeß zeigt sich der Dialog zwischen dem Material und dem Künstler.

Siegfried Erdmann war immer freischaffend tätig. Er ist ein sehr bescheidener Mann. Es gab Zeiten mit Aufträgen und erfolgreichen Wettbewerbsteilnahmen, aber auch Zeiten, in denen es etwas ruhiger um seine Kunst wurde. „Die geistige Unabhängigkeit, die haben wir behalten“, sagt er und meint sich und seine Frau. Und es klingt ein wenig Stolz aus seinen Worten.

Ulla Dretzler (KK)

«

»