Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1312.

Literatur und Kunst

Thron-Konfusion

Selbst die Sessel im Königsberger Schloß, von denen aus Preußen einst regiert wurde, „gingen auf die Flucht“

Zahlreiche Gemälde und Möbel wurden kurz vor dem Bombenangriff in der Nacht vom 29. zum 30. August 1944 aus den Gemächern des Königsberger Schlosses gerettet und nach Schloß Rheinsberg in der Mark Brandenburg ausgelagert. Dort wurden sie jedoch bei Kriegsende 1945 von der Roten Armee geplündert und in die Sowjetunion verbracht.

Zu dem wenigen noch erhaltenen Kunstinventar, das sich heute in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) befindet, gehören zwei Armlehnsessel aus dem Fliesensaal des Königsberger Schlosses, dem als Thronsaal von 1701 eingerichteten größten Saal des Ostflügels. Wie die Schloßführer und weitere historische Aufnahmen zeigen, handelt es sich um die Throne König Friedrichs I. von Preußen.

Diese überdauerten in ruinösem Zustand bis nach der Wende im Depot des Neuen Palais in Potsdam-Sanssouci. Um 2000 wurden sie restauriert und befinden sich nach einer Zwischenstation des einen Sessels im Schloß Charlottenburg in Berlin heute beide im Schloß Oranienburg bei Berlin, dem Schloß, wohin der erste preußische König nach seiner Krönung in Königsberg zunächst zurückgekehrt war.

Nach Auskunft des Archivs der Stiftung 2007 sollte die Herkunft aus Königsberg eigentlich nur für den einen Sessel gesichert sein. Dieser ist im Schloßführer von 1936 abgebildet: „Dem Eingang gegenüber Thronsessel und Krönungstisch Friedrichs I. …“ Im Führer von 1937 steht allerdings nach der Restaurierung des Fliesensaals um 1936 der andere Thron am Krönungstisch unter dem Thronbaldachin.

Der erstere ist an die seitliche Fensterwand gerückt und erscheint später überhaupt nicht mehr.
Im Archiv des Neuen Palais in Potsdam-Sanssouci fand ich eine Inventarkarte mit dem im letzteren Schloßführer abgebildeten Sessel, auf der die Herkunft aus dem Königsberger Schloß mit einem Fragezeichen versehen ist, obgleich die Identifizierung durch die in Adlerköpfen endenden Armlehnen möglich war. So wandte ich mich an Burkhardt Göres, den ehemaligen Direktor der Schlösser und Sammlungen. Er bestätigte vor zwei Jahren, daß es sich um den Thronsessel aus dem Fliesensaal handelt, der aus Rheinsberg „nach 1945 nach Potsdam“ kam.

Im Verlustkatalog der Gemälde von 2004 – für die Möbel liegt dieser noch nicht vor – bemerkte Göres zum ersteren Thron, daß „ein Porträt Kurfürst Friedrich III. [seit 1701 König Friedrich I. von Preußen] gerade auf diesem Sessel sitzend“ zeigt, doch handelt es sich bei dem über dem Thron in Oranienburg hängenden Gemälde, vermutlich von Wentzel d. Ä., um einen zwar sehr ähnlichen, aber nicht identischen Thron, wie 2011 auch Heidrun Vier, die Kustodin des Schloßmuseums Oranienburg, bestätigte.

Der erstere Sessel im „Audienzsaal“ des Schlosses Oranienburg ist aus Rotbuche geschnitzt und weist nunmehr an Rückenlehne und Sitz eine mit rotem Damast bezogene Polsterung sowie auf der Innenseite des Gestells noch die Inventarmarke „Schloß Königsberg/Zimmer Nr. 473 (Fliesensaal)“ auf. Zu dem letzteren mit rotem Seidendamast bezogenen Sessel aus Laubholz in der „Weißen Schlafkammer“ von Oranienburg heißt es in den vor dem Bombenangriff 1944 nach Potsdam ausgelagerten Inventarbüchern: „Thronsessel mit vergoldetem Untergestell mit Kreuzverbindung, reich geschnitzt. Armlehnen enden in Adlerköpfen, Sitz und Rückenlehne mit weinrotem Samt gepolstert.“ Allerdings fehlt bei dem Sessel die Inventarmarke, vermutlich ging sie verloren.

Alfred Rohde, der Ende 1945 in Königsberg umgekommene Direktor der Städtischen Kunstsammlungen, bezeichnet noch im Schloßführer von 1942, der keine Abbildung mehr enthält, den Thronsessel als den König Friedrichs I. Die gleichlautende Formulierung in den Führern – „Thronsessel und Krönungstisch Friedrichs I.“ – läßt aber keine eindeutige Identifizierung zu. Ernst Gall (gestorben 1957), Direktor der Schlösserverwaltung in Berlin und Potsdam, wird aber die Throne bei der grundlegenden, den älteren Zustand des Saals wiederherstellenden Restaurierung um 1936 nicht ohne Grund ausgetauscht haben.

Die Inventarbücher „Königsberg“, die am 25. August 1944 – nur eine Woche vor Beginn des Zweiten Weltkrieges – von Gall unterzeichnet sind und sich heute in der Plankammer des Neuen Palais befinden, stellen eine unschätzbare Primärquelle für die Auslagerung dar, denn hier vermerkte 1944 ein Beamter der preußischen Schlösserverwaltung, ich vermute, der letzte Königsberger Schloßoberinspektor Friedrich Henkensiefken (gestorben 1992), die Überführung der Gemälde und Möbel nach Rheinsberg neben den betreffenden Stücken mit Bleistift.

Heinrich Lange (KK)

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