Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1312.

Literatur und Kunst

(Nach-)Klänge aus dem „Konservatorium Europas“

Beim Rohrer Sommer, der kulturellen Initiative „aus der Mitte der Ackermann-Gemeinde“, feiert Böhmen musikalische Urständ

Zu den Traditionsveranstaltungen der Ackermann-Gemeinde gehört zweifelsohne der Rohrer Sommer. Als „kulturelle Initiative aus der Mitte der Ackermann-Gemeinde“ sieht Adolf Ullmann, früherer Bundesvorsitzender und seit Beginn Mentor der Veranstaltung, diese vielschichtige Kulturveranstaltung. Die 21. Auflage versammelte insgesamt 94 Teilnehmer aus Deutschland und Tschechien im Kloster Rohr.
Aktives kulturelles Tun, und das in ganz unterschiedlichen Betätigungsfeldern und für alle Generationen – das ist das Programm des Rohrer Sommers. Da kommt es schon mal vor, daß drei Generationen einer Familie dabei sind, die Altersspanne reichte heuer von einem halben bis zu 89 Jahren. Die 89jährige Edeltraud Höß aus München hat übrigens nur bei einem Rohrer Sommer gefehlt, und da war sie im Krankenhaus.

Das musikalische Programm konnte sich sehen und vor allem hören lassen, dargeboten von den Gesangssolisten, dem Blockflötenensemble (Leitung Christa Ullmann), dem Quintett, dem Chor und dem Orchester. Werke von Franz Xaver Richter, Johann Anton Reichenauer, Antonin Dvorák, Joseph Gabriel Rheinberger, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Lukás Matousek, Antonio Rosetti und Franz Johann Habermann standen auf dem Programm des Konzerts am Ende der Tagung in der Rohrer Abteikirche, wobei Habermanns „Missa St. Joannis Nepomuceni“ auch am letzten Veranstaltungstag beim Sonntagsgottesdienst zur Aufführung kam. Rudolf Baumgartl, ein Urgestein der Ackermann-Gemeinde, war in einem Archiv in Prag auf diese unbekannte Messe gestoßen, so daß sie nun einstudiert und aufgeführt werden konnte. Dank Stephanie Kocher (Chorleitung) und Simon Ullmann (Orchesterleitung) gelang die Aufführung angesichts der geschilderten Rahmenbedingungen sehr gut.

Doch nicht nur aktives Musizieren war angesagt, sondern beispielsweise auch Wissenswertes über das „Konservatorium Europas“, d. h. über die zahlreichen Komponisten aus Böhmen im 17. und 18. Jahrhundert, die vielfach in andere europäische Länder ausgewandert sind und etwa in Wien, Paris oder Mailand die Musikszene beeinflußt haben. Oder über die Mannheimer Schule, d. h. die zunehmende Einbeziehung von Hörnern und Oboen bzw. Flöten in Streicherbesetzungen. Auch hier finden sich die Wurzeln bei böhmischen Komponisten, die Elemente aus der Volksmusik in die klassische Musik übernahmen – und damit auch das eine oder andere Blasinstrument.

Für die rund 23 Kinder unter zehn Jahren gab es separate Angebote – zum Beispiel Basteln, musikalische Früherziehung (Gabriele Koch) oder Puppenspiel (Leitung Jutta Böhm) – die Blockflötenanfänger umrahmten übrigens das Puppenspiel musikalisch. Und Figuren für das Puppenspiel gestalteten die „Holzwürmer“ unter Anleitung von Adolf Ullmann. Volkstänze (aus unterschiedlichen deutschen Regionen und früheren Siedlungsgebieten) und Volksmusik waren bei Barbara Hauck angesagt, textiles Gestalten bei Traudl Heppner, wo Seidentücher und -schals, T-Shirts und Taschen hergestellt, aber auch Karten aus Papier oder Grußkarten mit Blütenblättern gestaltet wurden. Zugunsten des Sozialwerks der Ackermann-Gemeinde wurden und werden diese Dinge verkauft.

Im religiösen Arbeitskreis von Altabt Gregor Zippel OSB standen Bibelmeditationen aus dem Alten und Neuen Testament im Mittelpunkt, wobei die Teilnehmer auch persönliche Erfahrungen einbrachten. Heiter ging es schließlich im literarischen Arbeitskreis (Leitung Manuela Koprikova) zu, denn hier bildeten humorvolle Texte von deutsch schreibenden böhmischen Schriftstellern die Basis der Beschäftigung.

Die vielen Angebote ermöglichten den Teilnehmern, ausgewählte Aspekte der Kultur der böhmischen Länder kennenzulernen, sich aktiv mit ihnen auseinanderzusetzen und sie sich anzueignen. Im nächsten Jahr werden die Rahmenbedingungen jedoch andere sein. Denn vom 2. bis zum 5. August 2012 wird wieder die Jahrestagung bzw. das Bundestreffen der Ackermann-Gemeinde stattfinden. Für diese Veranstaltung studieren dann der Chor und das Orchester mehrere geistliche und weltliche Werke ein. Daher ist der Rohrer Sommer im kommenden Jahr bereits im Frühling, voraussichtlich vom Ostersonntag (8. April) bis zum Weißen Sonntag (15. April).

Markus Bauer (KK)

 

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