Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1314.

Literatur und Kunst

Dichter und Verleger trotz Schloß und Riegel

Zum Tod von Jiri Grusa

In einem Krankenhaus in Hannover ist der Prager Schriftsteller und Diplomat Jiri Grusa während einer Herzoperation gestorben.

Geboren ist er, der nicht einmal 73 Jahre alt wurde, am 10. November 1938 in der Stadt Pardubitz an der Elbe, 100  Kilometer östlich von Prag. Dort bestand er auch 1957 das Abitur und studierte dann an der 1348 von Kaiser Karl IV. gegründeten Karls-Universität in Prag Philosophie und Geschichte, ein Studium, das er 1962 mit der Promotion abschloß.

Ein Jahr danach, 1963, gründete er die nichtkommunistische Literaturzeitschrift „Tvár“ (Das Gesicht), was damals, fünf Jahre vor Ausbruch der Reformbewegung „Prager Frühling“, immerhin möglich war. Einer seiner Mitarbeiter und Freunde wurde der oppositionelle Schriftsteller und Dramatiker Václav Havel, geboren 1936 in Prag, der dreimal verhaftet wurde und fünf Jahre im Gefängnis sitzen sollte, bevor er nach der „Samtenen Revolution“ im Herbst 1989 zum Präsidenten des nunmehr demokratischen Staates Tschechoslowakei gewählt wurde. Beide Autoren wurden wegen ihrer Kritik am kommunistischen System von der Staatssicherheit verfolgt, Jiri Grusa wurde schon 1967 mit einem Berufsverbot belegt, das die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Pakts am 21. August 1968 überdauern sollte.

Der Autor arbeitete in mehreren Bauunternehmen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, und schrieb in seiner Freizeit an dem Roman „Dotaznik“ (1975), in dem er seine Erlebnisse vor und nach der Besetzung seines Heimatlandes durch die sozialistischen „Bruderstaaten“ schildert. Diesen Roman, der 1978 in Toronto/Kanada in englischer Sprache und 1979 unter dem Titel „Der 16. Fragebogen“ in Hamburg erschien, hat er schon 1975 in seiner damals gegründeten Zeitschrift „Literaturhefte“ veröffentlicht. Wegen dieses Buches, das nun auch im Ausland erschienen war, wurde er 1978 verhaftet, wurde aber nach acht Wochen wegen weltweiter Proteste, so durch Amnesty International in London und wegen der Intervention des Nobelpreisträgers Heinrich Böll in Köln, entlassen. Nun fand er keine Arbeit mehr, weil man ihn zur Ausreise zwingen wollte. Der Vorwurf gegen ihn lautete, mit seinem Buch „den Sozialismus verleumdet“ zu haben. Mit Freunden gründete er den Untergrundverlag „Edice petlice“ (Edition hinter Schloß und Riegel), was die einzige Veröffentlichungsmöglichkeit für ihn bis zur Ausreise blieb.

Nachdem er schon im Januar 1977 mit 242 tschechischen und slowakischen Intellektuellen, darunter Václav Havel, Pavel Kohout und Ludvik Vaculik, die „Charta 77“ unterzeichnet hatte, worin die Regierung in Prag aufgefordert wurde, die Einhaltung der Menschenrechte nach der 1975 von 35 Staaten, darunter auch der kommunistischen Tschechoslowakei, verabschiedeten Schlußakte von Helsinki zu gewährleisten, wartete man auf eine günstige Gelegenheit, ihm als „Staatsfeind und subversivem Element“  die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Als er 1981 nach Kanada und in die Vereinigten Staaten reiste, wurde er gegen seinen Willen ausgebürgert, worauf er nach Bonn ging und 1983 die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. Sieben Jahre später, nach dem Sturz des Kommunismus, kehrte er nach Prag zurück und wurde 1991 zum Botschafter der Tschechoslowakei in Bonn ernannt, ein Amt, das er bis 1997 innehatte, von 1998 bis 2004 war er dann Botschafter in Wien. Dort war er auch von 2005 bis 2009 Direktor der „Diplomatischen Akademie“.

Jiri Grusa hat im deutschen Exil 1981/90 das erfahren, womit auch deutsche Emigranten 1933/45 im westeuropäischen und amerikanischen Ausland leben mußten: Ihre Muttersprache war nicht gefragt! So waren seine ersten drei Gedichtbände auf tschechisch in Prag erschienen, die beiden anderen aber, „Babylonwald“ (1990) und „Wandersteine“ (1994), wurden in Stuttgart verlegt, nicht als Übersetzungen aus dem Tschechischen, sondern vom Autor in deutscher Sprache geschrieben. So ist Jiri Grusa mit einem Teil seines Werkes auch ein deutscher Schriftsteller. Später hat er über seinen unfreiwilligen Sprachwechsel bekannt: „Nachdem ich das überlebt hatte, wurde Deutsch die Sprache meiner Freiheit.“

Von seinen Romanen sind noch zu nennen „Mimner oder Das Tier der Trauer“ (1972), „Franz Kafka aus Prag“ (1983) und „Janinka“ (1984). Er hat tschechische, deutsche und österreichische Auszeichnungen erhalten, so den Andreas-Gryphius-Preis der Künstlergilde Esslingen 1996 und das Große Bundesverdienstkreuz 2006. Vielleicht sollte noch ein Buch erwähnt werden, ein kritisches zum Leben und Wirken des tschechischen Exilpolitikers und Staatspräsidenten 1945/48 Edvard Benesch, das unter dem Titel „Benesch als Österreicher“ 2012 erscheinen wird. Edvard Benesch hat im Sommer 1945, nach der Heimkehr aus dem Moskauer Exil, die Benesch-Dekrete verkündet und damit die Vertreibung von drei Millionen Sudetendeutschen verfügt.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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