Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1314.

Literatur und Kunst

Aus dem Ruß eine Blume

In Ratingen wird die Kultur der Vielschichtigkeit Oberschlesiens museales Ereignis

Bei einem Rundgang durch die Sonderschau „Bobrek – aus dem Ruß eine Blume. Bilder eines Stadtteils in Oberschlesien heute und vor 100 Jahren“ im Oberschlesischen Landesmuseum Ratingen Hösel kann der Betrachter anhand der Gegenüberstellung der historischen Aufnahmen des oberschlesischen Stadtteils Bobrek bei Beuthen/Bytom und der zeitgenössischen Fotografien von Martin Langer die Entwicklung und Veränderung des Landstriches deutlich erkennen. Interessant sind die Aufnahmen von Glasplattennegativen aus der Zeit um 1900, die erst vor kurzem auf dem Gelände der stillgelegten Hütte Bobrek gefunden wurden. Davon gibt es in der Ausstellung 32 sepiagetönte Abzüge.

Ein Blick in die Vergangenheit der Industriestadt Beuthen zeigt, daß im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung und der Ausbeute der Steinkohle-, Zink- und Bleierzvorkommen ein gewaltiger Aufstieg stattfand. Gruben, Fördertürme, Halden, Kraftwerke und Bergarbeitersiedlungen bestimmten das Stadtbild. Rund um Beuthen gab es acht Gruben, wobei Bobrek-Centrum zeitweilig als größte Kohlegrube des Deutschen Reiches galt. Die zugehörige Arbeitersiedlung Bobrek war in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts sehr modern und wurde von den Bergleuten als Wohnort bevorzugt. Heute ist die Siedlung ein Synonym für die harten Jahre, die das oberschlesische Kohlerevier durchlebt hat. Spuren der Vergangenheit mit ihren Brüchen und Gegensätzen sind – wie im Ruhrgebiet – auf Schritt und Tritt zu entdecken.

Der 1966 im Beuthener Stadtteil Bobrek geborene und seit 1978 im Ruhrgebiet lebende Fotokünstler hat mit der Kamera immer wieder Orte seiner Kindheit aufgesucht und dabei interessante Perspektiven und Motive festgehalten. Seine Bilder zeigen Plätze und Straßen, Siedlungen und Gebäude, vor allem aber die Menschen, die im oberschlesischen Industrierevier leben. Anhand der Fotografien aus unterschiedlichen Blickwinkeln läßt sich der Wandel dokumentieren, den die Stadt im Laufe der Jahre erlebt hat. So bestimmen asymmetrische Perspektiven den Aufbau der meisten Schwarzweißaufnahmen. Obwohl mit dem Strukturwandel in Beuthen zahlreiche Probleme verbunden waren, hat das Revier seinen speziellen Charme behalten, wie aus den Fotografien von Langer ersichtlich ist. Lyrische Texte in polnischer und deutscher Sprache ergänzen die Eindrücke und unterstreichen das Engagement des Künstlers für den Erhalt der historischen Gebäude in seiner früheren Heimat. Die Ausstellung im Oberschlesischen Landesmuseum hat sich als Begleitveranstaltung des 31. Beuthener Heimattreffens in der Partnerstadt Recklinghausen bereits zahlreicher Besucher erfreut.

Seit dem 6. November ist das Oberschlesische Museum von Beuthen zu Gast im Museum Ratingen, das anläßlich seines 100jährigen Bestehens eine Präsentation mit 100 Exponaten vorbereitet. Die im Jahr 2009 initiierte Veranstaltungsreihe „Unsere Partnerinstitutionen stellen sich vor“ zeigt eine Sonderausstellung des Muzeum Gornoslaskie w Bytomiu.

Aus den rund 1,5 Millionen Objekten der vielfältigen Beuthener Kollektionen wählten die Ausstellungsmacher Exponate aus, die besonders bestaunenswert sind. Die Direktoren der beiden Häuser, Dr. Dominik Ablamowicz und Dr. Stephan Kaiser, hatten vor der Vernissage eine weitreichende Kooperationserklärung ratifiziert. Sie benennt die Felder der Zusammenarbeit und definiert eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Dr. Stephan Kaiser betont: „Vertrauensvolle Kooperation ist für uns gelebte Gegenwart. Wir beleben die Zusammenarbeit in beide Richtungen. Wer die vielen aktuellen Projekte in Schlesien betrachtet, der sieht, daß hier nur die eine Hälfte des Wirkens aufleuchtet.

Partnerschaft ist keine Einbahnstraße.“ Der Stiftungsvorsitzende Paul Schläger freut sich über diese Aussichten und erklärt: „Als gebürtiger Beuthener ist es für mich eine besondere Genugtuung, die Verbundenheit zur Stadt in neuer Form zu erleben.“

In Grundzügen stellt die Ausstellung in Ratingen die Geschichte des Beuthener Museums sowie die Tätigkeit seiner zahlreichen Abteilungen vor. Izabela Kühnel vom Oberschlesischen Museum erinnert an die Anfänge der Institution, die im Jahre 1910 als „Beuthener Geschichts- und Museumsverein“ gegründet wurde. Heute ist das Muzeum Gornoslaskie eine bedeutende Einrichtung in der Trägerschaft der regionalen Selbstverwaltung. Drei Gebäude gehören zu diesem Museum, dessen Sammlung besonders in den Bereichen Archäologie und Naturkunde stetig wächst.

In der Ratinger Ausstellung bieten neben den seltenen archäologischen Funden Gemälde, Zunftsilber und oberschlesische Fayencen Einblicke in die Kunst- und Kulturgeschichte der Region. Die Präsentation stellt auch Beuthen als eine der ältesten oberschlesischen Städte vor. Aus einer Burg mit Marktsiedlung entstand im Jahre 1254 die Hauptstadt des Fürstentums. Von dieser Zeit zeugt noch die mittelalterliche Altstadt mit ihren Kirchen. Auch weitere Sehenswürdigkeiten sind präsent, darunter Bürgerhäuser des Historismus und Jugendstils sowie Gebäude der Moderne wie die Barbara-Kirche aus Stahlbeton (1931), die Post (1908), das Landesmuseum und die Schlesische Oper (1901). Durch die  stürmische Industrialisierung im 19. Jahrhundert wuchs die Stadt, und um sie entstand ein Kranz von Industriestädten wie Gleiwitz/Gliwice, Hindenburg/Zabrze und Königshütte/Chorzów. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gehörte Beuthen zu den reichsten Städten der Region.

Zu den 100 ausgewählten Exponaten gehören herausragende Objekte wie die Fahne aus Metall mit doppelseitigem Bildnis „Heiliger Nikolaus“ und „Die Taufe Christi“ (19. Jahrhundert), ein Photoalbum der Familie Zadurowicz, Lemberg (1889), die Reproduktionen der Ölgemälde von Konrad Krzyzanowski und von Alfons Karpinski (1912) sowie bemalte Fayence mit farbloser Glasur.

Die Ausstellung des Oberschlesischen Museums von Beuthen ist in Ratingen bis zum 5. Februar 2012 zu besichtigen.

Dieter Göllner (KK)

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