Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1288.

Literatur und Kunst

Was einer schreibt, das ist er

Wie das eine das andere intensiviert, wird im Gespräch mit dem Schriftsteller Hans Bergel Ereignis

KK: Innerhalb der letzten Monate erschienen drei Bücher, die sich mit Ihnen und Ihrem literarischen Werk beschäftigen: im Bukarester Universitätsverlag Raluca Radulescus „Europäertum eines Inseldaseins“, im Berliner Frank & Timme Verlag Renate Windisch-Middendorfs „Der Mann ohne Vaterland“, ebenfalls in Bukarest gab George Gutu den Sammelband „… dass ich in der Welt zu Hause bin“ heraus. Wie nahmen Sie die Bücher auf?

H. B.: Als aufschlußreiche Gesichtspunkte in der Betrachtung meiner Schriften und meiner Vita, die ich in dieser Akzentuierung vorher nicht bedacht hatte.

Zum Beispiel?

Mein Europäertum war mir dank Elternhaus, Schule und Literatur natürlich früh bewußt, doch auf die Intensität dieses Bewußtseins als Folge des ethnischen Inseldaseins in Siebenbürgen wies mich erst Raluca Radulescu mit dem Blick der Außenstehenden nachdrücklich hin. Renate Windisch-Middendorf wiederum fand mit ihrem Buchtitel eine Formel, die den Kern meines Lebensgefühls bloßlegt. Und Professor Gutus Band mit sechzig Texten von rund fünfzig Autoren über meine Bücher und mich bescheinigt mir eine gewisse literarische Vielseitigkeit, über die ich vorher ebensowenig reflektiert hatte.

Waren Sie unmittelbar am Entstehen der Bücher beteiligt?

Ich stellte Unterlagen zur Verfügung, beantwortete Fragen, wies auf Quellen hin. Vor allem erläuterte ich Zeitumstände.

Was heißt das konkret?

Im Spektrum eines 84jährigen Lebens gibt es erläuterungsbedürftige Besonderheiten, die in der Biographie junger Menschen nicht enthalten sind. Etwa die Unmittelbarkeit, mit der die NS-Jahre oder die Jahre der stalinistischen Gheorghiu-Dej-Ära in Rumänien auf mich einwirkten. Sicher bietet die Information durch Fachliteratur eine weit größere Bandbreite der Einsicht an. Aber sie ersetzt nicht die Nachdrücklichkeit emotionaler Prägungen.

Tun sich jüngere Jahrgänge der Geisteswissenschaftler mit solchen Mitteilungen schwer?

Es kommt auf Glaubwürdigkeit und auf das Wie der Mitteilung an. Ich denke an die Gespräche mit der jungen Wienerin Elisabeth Martschini, die wir 2005 im Blick auf ihr Buch „Hans Bergel. Minderheitendasein, Schriftstellerexistenz, politische Systeme“ führten, oder an die mit dem Münchner Historiker Roland Simonis in Vorbereitung seiner Magisterarbeit „Der deutsche Schriftstellerprozess 1959 in Rumänien“, 2009: Ich bewundere die Fähigkeit beider, sich in meine Mitteilungen zu den zwei Generationen zurückliegenden politischen Ereignissen bis in die atmosphärischen Gewichtungen einzufühlen, die ja oft erst das Faktum verständlich machen.

Tun Sie sich, umgekehrt, schwer mit modernen literatur-, geschichts- oder kulturwissenschaftlichen Sichtweisen?

Im Gegenteil. Und von jungen Leuten lerne ich da sehr viel. Ich erfahre durch sie auch gelegentliche Bestätigung eigener Ideen. So beschäftigte mich die „Transkulturalität“, ein Schlüsselbegriff moderner Kulturtheorie, noch bevor mir einer von ihnen die kürzlich erarbeitete wissenschaftliche Definition nannte.

Sagen Sie mehr darüber.

Ich entwickelte den Begriff für mich aus der Erfahrung des Umgangs mit der Multinationalität meiner Herkunftsregion Siebenbürgen. Es geht um Übertragung, um Einbeziehung andersnationaler Kulturauffassungen in die eigene als Prozeß individueller Horizont- oder Persönlichkeitskorrektur und -bereicherung. Wir werden uns in der Welt von morgen alle in diesem Sinn verändern müssen. Ich halte das für einen Gewinn.

Welche der drei Buchpublikationen kommt dem Menschen, welche dem Autor am nächsten, um den es geht?

Ist das nicht immer eine Einheit? Was einer schreibt, das ist er. Jeder Gedanke, jedes Gefühl, aus dem heraus einer einen Satz, eine Erzählung, einen Essay formuliert, gerät zu seinem Porträt. Ich teile diese Einsicht mit Umberto Eco. Sämtliche Texte der drei Bücher stellen nicht nur Annäherungen ihrer Verfasser an mich als Mensch und Autor dar, sie sind zugleich Aufforderungen an mich zur Selbstkontrolle im mehrfachen Sinn.

Ihre Vita, wie sie in Ihren schriftstellerischen Arbeiten aufgehoben ist, erscheint im Überblick als ein Dokument gerade der Selbstkontrolle. Machen Sie einen Unterschied zwischen moralischer, politischer und künstlerischer Disziplin?

Ich halte das Schreiben als künstlerischen Vorgang immer auch für einen Akt der Selbstkontrolle und damit zugleich für einen solchen der Selbstdisziplinierung. So werden die Texte zur Dokumentation der Autorenpersönlichkeit: ihrer Entwicklungen, ihrer „Häutungen“, von denen Goethe wußte. Was den von Ihnen angesprochenen Unterschied angeht, lehrte mich die Beobachtung, daß künstlerische Disziplin wenig oder nichts mit moralischer und politischer Disziplin zu tun hat. Umgekehrt verhält es sich ebenso. Die griechische Kalokagathie, sofern wir darunter die Einheit von wahr, gut und schön verstehen, bleibt die Idealvorstellung. Als solche allerdings unverzichtbar.

Die Strenge, die Sie bei sich stets walten lassen, ist der Kultur und der Gesellschaft, in der wir leben, eher fremd. Sehen Sie es mit Befremden, mit Besorgnis, mit mildem (Ein-)Verständnis?

Beziehen Sie, bitte, „Strenge“ auf die Unnachgiebigkeit, der ich mich bei der Arbeit an eInem Text unterwerfe: Komposition und Strukturierung der Stoffmasse, Verantwortlichkeit der inhaltlichen Handhabung, Präzision und Melos der Sprache – Form. Daß der Begriff der Strenge in der Inkohärenz unserer Vergnügungskultur und -gesellschaft wenig bedeutet, ist mir ebenso bewußt wie gleichgültig; ich muß also mein Verständnispotential gar nicht erst aufbieten. Da ich sehe, daß Gegenwartsautoren, die ich schätze, nach der gleichen Maßgabe verfahren, weiß ich mich in guter Gesellschaft.

Die Festigkeit, mit der Sie Ihren politischen Standpunkt vertreten und zeitgeistbeseelten Moden entraten haben, hat die Rezeption Ihres Werks mehr beeinträchtig denn gefördert. Schmerzt Sie der Tribut?

Ob Sie es glauben oder nicht: Eine geglückte Seite Prosa bedeutete mir immer schon mehr als jede Art von Rezeption. Ich schrieb gelegentlich darüber. Werfen Sie einen Blick in die Geschichte der Kunst- und Literaturrezeption: Das Ausmaß der Fehlurteile und Ignorierungen ist bestürzend. Die Inkompetenz liegt auf der Hand; ich teile Schopenhauers bissige Sentenz und Rilkes Zweifel. Nota bene: In Renate Windisch-Middendorfs Buch finden sich hierzu in bezug auf mich aufschlußreiche Anmerkungen. Doch neige ich auch in dieser Frage zur Toleranz. Was meinen politischen Standort betrifft, lautet mein Credo seit jeher: Ratio und Humanitas. Ich sehe nicht, was daran falsch sein könnte. Parteiideologien sagen mir nichts.

(KK)

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