Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1317.

Literatur und Kunst

Sich mit nichts ab-, sondern Worte dafür finden

Wolfgang Schwarz hat es ein Leben lang versucht

m 31. Januar ist Wolfgang Schwarz 95jährig gestorben. Wie wenige andere wurde er von Krieg und Vertreibung auf besondere Weise berührt. 1916 im oberschlesischen Tarnowitz geboren, studierte er in Breslau Philosophie, Germanistik und Archäologie. Mit 22 Jahren promovierte er zum Dr. phil. habil. und hatte eine glänzende Zukunft vor sich. Aber der Krieg änderte das.

Wolfgang Schwarz wurde Offizier beim XV. Kosaken-Kavallerie-Korps der deutschen Wehrmacht. Er wurde verwundet, kam in englische Gefangenschaft und wurde von Großbritannien an die Sowjetunion ausgeliefert. Dort verurteilte man ihn zum Tode und begnadigte ihn zu 25 Jahren Arbeitslager. 1953, nach Stalins Tod, wurde Wolfgang Schwarz amnestiert und lebte seither in Landau, Pfalz.

Er ist vielfältigen Berufen nachgegangen, war Lyriker, Dramatiker, Romancier, zeitweilig Dozent für Germanistik, Chefdramaturg, Regisseur, Redakteur, Lektor und Mitarbeiter wissenschaftlicher Kommissionen. Mehrere Jahre leitete er die Fachgruppe Schrifttum der Künstlergilde in Esslingen. Sein umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Schiller-Preis, der Thomas-Mann-Ehrengabe, dem Friedland-Preis der Heimkehrer, dem Pfalzpreis für Literatur, dem Stipendium der Villa Massimo, der Ehrengabe des Andreas-Gryphius-Preises, dem Erzählerpreis des Ostdeutschen Kulturrates und dem Hermann-Sinsheim-Preis für Literatur und Publizistik. Seit 1969 war er mit der Schweizerin Erica Risch verheiratet.

Was Wolfgang Schwarz erlebt hat, war selbst in einer so turbulenten Zeit wie dem 20. Jahrhundert besonders hart, schwer und bitter. Man wird nun vermuten, daß diese Schwere und Bitternis zu einer Lebenshaltung geführt hat, in der Hoffnung, Versöhnung und Freundschaft mit den östlichen Nachbarn keinen Platz hatten. Aber Wolfgang Schwarz überraschte all diejenigen, die das vermuteten. So unwahrscheinlich, so erstaunlich es sein mag, die Schlußfolgerungen, die zu seiner Lebenshaltung geworden waren, waren anderer Art. Die Leiderfahrung hatte in ihm die Überzeugung geweckt, daß ein solches Gegeneinander sich nie wiederholen
dürfe. Und da Wolfgang Schwarz nicht nur ein feinsinniger, sensibler Denker war, sondern auch jemand, der seine Ziele verwirklichen wollte, war sein Bemühen darauf ausgerichtet, über die Gräber und Gräben hinweg ein neues Verhältnis zu den östlichen
Nachbarn aufzubauen.

Über seine Hochschule Breslau schuf er erste Kontakte und versuchte, was damals nicht unbedingt dem Zeitgefühl entsprach, die Verhältnisse wie in Richtung Frankreich, so auch zu den östlichen Nachbarn neu und friedlich zu gestalten. Diese Versuche, die ja immer auch einer finanziellen Unterstützung bedürfen, fanden wenig Verständnis. Im Rahmen der Volkshochschule versuchte Wolfgang Schwarz auf bescheidene Weise Kontakte nach Polen zu knüpfen. Aber die Zeit war wohl noch nicht reif. Dennoch ließ er im Bemühen nicht nach, war häufig Gast an der Universität Breslau und versuchte das damals Mögliche. Immer bildeten Leben und
Werk eine Einheit.

Sein Talent, seine geschmeidige und sensible Sprache waren auf diesem schwierigen Weg wertvolle Helfer. Gerade wenn ein solches Geschehen wie der Zweite Weltkrieg viele und schmerzlichen Narben hinterlassen hat, sind es solche Menschen und solche Versuche, die wenigstens ein kleines Licht in dunkle Jahrzehnte bringen.

Dietmar Scholz (KK)

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