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Ausgaben: Ausgabe 1217.

Literatur wie gemalt

Das Stuttgarter Haus der Heimat zeigt Schriftstellerporträts aus der Privatsammlung des Kritikers Marcel Reich-Ranicki

Am 15. Februar 2006 wurde im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg eine Ausstellung mit repräsentativ ausgewählten Schriftstellerporträts (in Originalrahmen) aus der Sammlung des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki eröffnet. Die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum der Stadt Frankfurt, der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs sowie dem überparteilichen Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.“, Regionalgruppe Baden-Württemberg, gezeigt wird, ist bis zum 28. April zu sehen.

Marcel Reich-Ranicki ist der bekannteste Literaturkritiker Deutschlands. Seine Artikel, Bücher und Fernsehauftritte zeigen, daß die Beschäftigung mit Literatur, das Lesen, zur Leidenschaft werden kann. Kein Wunder, daß die Sammlung Reich-Ranicki keine gewöhnliche Sammlung von Bildern bekannter Maler ist. Für den Sammler Reich-Ranicki zählt in erster Linie das Motiv: Schriftsteller.

Auf die Idee, Autorenporträts zu sammeln, kam der Literaturkritiker 1967. Er habe, so Reich-Ranicki über seine Sammlung, diejenigen um sich haben wollen, die ihn als Menschen geprägt und verändert haben. Die Porträts hat der Sammler im Lauf der Jahre in Kunstläden oder Antiquariaten erstanden, andere, zum Teil mit Widmung versehene, wurden ihm geschenkt. Über die Jahrzehnte entstand so eine Literaturgeschichte in Graphiken, die sich von Johann Wolfgang Goethe über Heinrich Heine und Thomas Mann bis zu Günter Grass erstreckt. Porträtiert finden sich unter anderen Alfred Döblin, Gerhart Hauptmann, E.T.A. Hoffmann, Franz Kafka, Eduard von Keyserling, Klabund, Siegfried Lenz, Max Reinhardt, Joseph Roth und Franz Werfel.

Ein Schwerpunkt der Sammlung liegt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der Höhepunkte der literarischen Moderne entstanden. Die Moderne erlitt durch die Nazifizierung Deutschlands und Europas eine Zäsur. Viele Künstler und Schriftsteller gingen ins Exil und kehrten nicht mehr nach Deutschland zurück.

Obwohl Marcel Reich-Ranicki Bilder ausschließlich wegen ihrer literaturgeschichtlichen Bedeutung gesammelt hat, ist die Sammlung auch von hohem kunsthistorischem Wert. Die Porträts  – Zeichnungen, Lithographien, Radierungen – sind vielfach von bekannten Malern und Graphikern angefertigt worden, wie Lovis Corinth, Ivo Hauptmann, Max Liebermann, Otto Dix, Günter Grass oder Horst Janssen. Die Bandbreite der Sammlung Reich-Ranicki reicht von der spontanen expressiven Studie bis hin zu detailliert ausgeführten Kunstwerken. Einen besonderen Abschnitt bilden die karikaturistischen Porträts von Tullio Pericoli und von Loredano. Durch die Schenkung an das Jüdische Museum Frankfurt am Main wird die Porträtsammlung aus den privaten Wohnräumen der Familie Reich-Ranicki in die museale Öffentlichkeit überführt.

(KK)

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