Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1264.

Luthers weltliche Wirkung

Seine reformatorische Tat bewegte nicht allein die Kirche, sondern die gesamte Bildungswelt und die Weltbildung

Am 21. September hat Bischof Huber für die evangelische Kirche in Deutschland eine Lutherdekade eröffnet. Zehn Jahre lang bis zum Jahre 2017 soll eine besonders intensive Beschäftigung mit dem Reformator angeregt werden. Am Schluß dieser Dekade wird es 500 Jahre her sein, daß Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an der Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen hat. Mit diesen Thesen wollte er die christliche Kirche im Sinne eines echten, ausschließlich an der Bibel selbst orientierten Christentums reformieren.

Was daraus wurde, ist bekannt: Es entstand neben der römischen, katholischen Kirche eine neue Form des Christentums, die schon von Anfang an verschiedene Ausprägungen hatte, deren wirksamste Prägung aber diejenige war, die Luther selbst ihr gegeben hatte. Die neue, allein am Evangelium orientierte und daher evangelisch genannte Kirche verbreitete sich rasch in weiten Teilen Deutschlands und bald auch darüber hinaus in der Schweiz und in Skandinavien, den Niederlanden und England, besonders von England aus später auch in den jungen Staaten Nordamerikas.

Im kirchlichen Raum werden naturgemäß die konfessionellen Gegensätze analysiert, in neuerer Zeit zunehmend mit dem Ziel einer Annäherung der beiden christlichen Kirchen in einer Ökumene. Allgemein kann gesagt werden, daß die Tat Luthers, zu der er unter dem Bann des Papstes und der Acht des Kaisers gestanden hat, zweifellos auf der neuen und auf der alten Seite des Christentums über die Jahrhunderte hinweg zu einer Stärkung der Ernsthaftigkeit des christlichen Glaubens geführt hat.

Darüber hinaus gibt es aber zwei Felder des weltlichen Lebens, auf denen das Wirken Luthers von weitreichender Bedeutung gewesen ist. Das eine dieser Felder ist die allgemeine Bildung, die durch seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche in allen dem neuen Glauben anhängenden Gebieten deutscher Sprache einen Aufschwung ohnegleichen genommen hat. Luthers Lehre vom allgemeinen Priestertum der Gläubigen, die an die Stelle der Beschränkung der Verkündigung der christlichen Lehre auf das Priestertum getreten war, führte in Verbindung mit der Übertragung besonders der Evangelien in die deutsche Muttersprache zu einem lebhaften Anreiz, lesen und schreiben zu lernen, um das Wort Gottes und die Erzählungen über das Leben Jesu selbst lesen und möglichst ohne Hilfe von Interpretatoren verstehen zu können. Nun brauchte man keine Lateinschule mehr zu besuchen, sondern konnte in der eigenen Muttersprache einen selbständigen Zugang zu den Schriften erhalten, aus denen sich Weisungen und Verheißungen für eine ernsthafte Lebensführung gewinnen ließen.

Dieser Vorgang war nicht nur selbst ein Umbruch, sondern fiel in eine Zeit allgemeiner Umwälzungen. In Italien und Deutschland hatte die auf Experimente und mathematische Exaktheit gegründete moderne Naturwissenschaft erste Triumphe gefeiert, die das Denken von den Vorurteilen der alten Kirche befreiten. Überhaupt war durch die erneute Beschäftigung mit der vorchristlichen Antike in Europa hier und da eine neue Unbefangenheit in der Prüfung von Behauptungen entstanden, nicht zuletzt durch die Wiederentdeckung griechischer Originaltexte nach der Eroberung von Konstantinopel im Jahre 1453.

Ebenfalls um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert hatte der Portugiese Kolumbus auf einer Fahrt, die ihn nach Indien führen sollte, Amerika entdeckt. Und schließlich hatte die Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johannes Gutenberg in Mainz die Grundlage für eine beliebige Vervielfältigung von Schriften geschaffen. In dieses Zeitalter der Entdeckungen und vielfältigen Anstöße für das eigene Nachdenken fiel die reformatorische Tat Luthers.

Was die lutherische Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache in bezug auf einen Aufschwung der Bildung bewirkt hat, kann schwerlich überschätzt werden. Namentlich in der nördlichen Hälfte Deutschlands entstanden eine größere Anzahl evangelisch geprägter akademischer Gymnasien und Universitäten. Die Literatur löste sich immer mehr von der lateinischen Sprache, in der sie bis zu den Zeiten des Späthumanismus geblüht hatte. Bereits etwa ein Jahrhundert nach dem Lutherschen Thesenanschlag in Wittenberg erschien das „Buch von der teutschen Poeterey“ des Schlesiers Martin Opitz, der das Zeitalter der deutschen Barockliteratur, die besonders in Schlesien heimisch war, eingeleitet hat. Als dann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der ebenfalls aus Schlesien stammende Christian Wolff als erster seine gesamte systematische Philosophie von der Logik bis zur Politik auf deutsch veröffentlichte, war die deutsche Sprache auch für die Verwendung in den Wissenschaften zubereitet.

Außerdem war seine Philosophie, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts fast an allen deutschen Universitäten gelehrt wurde, namentlich in ihrer Begriffsbildung eine gemeinsame Grundlage der geistigen Führungsschicht in Deutschland. Die Schöpfer der Gipfelleistungen der Weltliteratur, Lessing, Goethe und Schiller, waren allesamt in Wolffscher Philosophie gebildet, und auch der aufgeklärteste unter den Fürsten Europas, Friedrich der Große, war in seiner Kronprinzenzeit durch Lektüre ein Schüler Christian Wolffs. So hat Wolff noch einmal die Wirkung von Luthers Bibelübersetzung auf das gebildete Deutschland verstärkt.

Indem Luther die Spaltung der Christenheit in zwei Konfessionen und auf evangelischer Seite sogar in verschiedene Denominationen bewirkt hatte, war die Freiheit des Denkens zunächst wenigstens in Religionsangelegenheiten eine unabweisbare Forderung der Humanität. Diese Freiheit des Denkens nahmen naturgemäß Philosophen für sich in Anspruch, was man an den Lebensschicksalen von Descartes, John Locke, Spinoza und Christian Wolff leicht nachvollziehen kann. Sie alle hatten Verfolgung und Verurteilung zu erdulden, woraus sich ergibt, daß die Forderung der Gedankenfreiheit auf erheblichen Widerstand orthodoxer Theologen aller Konfessionen stieß. Im Dreißigjährigen Kriege mußte sich das damals mächtige Schweden dem Versuch der Auslöschung des Protestantismus entgegenstellen. Im 18. Jahrhundert hat dann Friedrich der Große die von ihm betriebene Erweiterung der preußischen Territorien mit der Gefahr der Alleinherrschaft der römischen Kirche begründet. So war der absolut herrschende König von Preußen dank seiner philosophischen Bildung ein Förderer und Beschützer freien Denkens in Europa, was Kant in Königsberg und Moses Mendelssohn in Berlin mit beredten Worten zu würdigen wußten.

Dabei hebt Kant in seinem berühmten Aufklärungsaufsatz von 1784 als bisher einmalige Größe eines Fürsten hervor, daß Friedrich ausdrücklich zur Kritik an der preußischen Gesetzgebung aufgefordert hat. Dadurch und durch den Niederschlag freien philosophischen Denkens in Verfassung und Lebenswirklichkeit in den Staaten der neuen Welt jenseits des Atlantik war in Verbindung mit den Ideen der Französischen Revolution von 1789 die bis heute und hoffentlich noch lange währende Epoche politischer Freiheit und damit der Demokratie eingeleitet.

Man kann niemals mit Gewißheit sagen, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn bestimmte Ereignisse nicht stattgefunden hätten. Aber daß die Ideale der Humanität in Europa und in den europäischen Tochterstaaten des amerikanischen Kontinents sich viel schwerer hätten durchsetzen können, wenn die Reformation Luthers nicht stattgefunden hätte, erscheint offenkundig.

So ist dem durch Geist und Willenskraft großen Mann aus dem Mansfeldischen in Mitteldeutschland für seine Tat zu danken unabhängig von dem Urteil, das man über seine religiösen Lehren fällen mag.

Eberhard G. Schulz (KK)

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