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Ausgaben: Ausgabe 1248.

Lyrik im Zwielicht der Jahre

Der verdienstvolle Germanist Gerhart Kosellek hat soeben im Würzburger Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn eine sorgfältig edierte Leseausgabe gleichsam letzter Hand und mit kritischem Apparat von insgesamt 293 Gedichten herausgebracht. Sie ist versehen mit ausführlichen Anmerkungen und einem umfangreichen Nachwort, das Werdegang und Werk des 1983 in Wangen/Allgäu verstorbenen oberschlesischen Lyrikers würdigt und eindringlich erörtert.

Gegliedert ist die Edition des lyrischen Gesamtwerks von Hans Niekrawietz, dessen Gedichte 1928 zu erscheinen begannen, nach thematischen und motivischen Zusammenhängen: „Strophen von heut“, „Oderlieder“, „Unter Schlesiens Himmel“, „Östliche Melodie“, „Der goldene Schlüssel“, „Kantate O/S“, „Wie weit die Wege sind“ und „Oder-Sonette“. Vom Herausgeber hinzugefügt sind die Überschriften der Abteilungen „Die Grenze“, „Im Chaos der Kohle“, „Der ewige Bauer“ „Flüchtlingselend“ sowie „Varia aus dem Nachlaß“, die zum Teil einzelnen Gedichttiteln entlehnt sind. In einer solchen Gliederung spiegelt sich die Themen- und Motivvielfalt des lyrischen Gesamtwerks von Hans Niekrawietz und gestattet dem Leser bei der Lektüre die freie Auswahl der lyrischen Abteilungen und einzelnen Gedichte.

Deutlich werden dabei die vom Autor reichlich bevorzugten Formen der Tages-, Gebrauchs- und vor allem Heimatlyrik, aber ebenso die der gehobenen Natur- und Gedanken- bzw. Reflexionslyrik unter starkem Einbezug der religiös-christlichen Lyrik und bei zurückhaltendem Einbezug von Formen der Liebeslyrik, die sich meist in den Oder-, Bauern- und Bergmannsliedern mehr in einzelnen Verszeilen und Strophen denn in selbständigen Gedichten offenbaren, wie z.B. die „Lieder um Lea“, die volksliedhafte „Mädchenklage“ oder die „Blume aus dem Odertal“, das verlorener Liebe nachtrauert. Die seiner Frau Melitta und einzigen Tochter Regina dedizierten Gedichte sind in der Abteilung „Varia aus dem Nachlaß“ erstveröffentlicht und erläutert.

Über die Formen der zeitbedingten politischen Lyrik von Hans Niekrawietz, der kein Mitglied der NSDAP war, bemerkt der Herausgeber, sie seien „ein Tribut an die Tendenzdichtung der NS-Zeit“ und in ihrem Grundton von „Zweckoptimismus“ bestimmt, wie z.B. die Gedichte „Ausblick“ und „Staudämme“: „Abolutes Schweigen wollte und konnte er, der gerade seine ersten dichterischen Erfolge zu verzeichnen hatte, sich selbst nicht auferlegen. Der einzige Ausweg war eine möglichst verhaltene Artikulation seiner Gedanken, um die strenge Zensur nicht auf den Plan zu rufen. Zwangsläufig mußte aber eine stoffliche, geistige und lexikale Zurückhaltung die künstlerische Entwicklung von Hans Niekrawietz negativ beeinflussen. Wenn die Gedichte der Jahre 1935/1945 trotz allem von einer erstaunlichen Vielfalt sind, ist dies der offenkundige Beweis eines vom Überlebenswillen gezeichneten Schaffens.“

Die lyrische Kunstfertigkeit von Hans Niekrawietz, spektakulären Themen wie formalen Experimenten abhold, zeigt sich in eindrucksvoller Wort- und Bildwahl wie in wohlklingenden Rhythmen, besonders aber in den kunstvoll gefügten Formen vieler seiner Gedichte, wiederholt mit identischen Eingangs- und Schlußstrophen gerundet, die durch variationsreiche Reimspiele oft gebunden sind zu Terzinen und Sonetten und getragen von den vielfältig und streng angewandten Versmaßen, die sich dem Inhalt fließend wie hüpfend anschmiegen, so daß Gehalt und Gestalt stets miteinander verschmelzen zu einer synästhetischen Ganzheit von lyrischem Reiz für den Leser.

Die detaillierten Anmerkungen helfen dem interessierten wie professionellen Leser, die jeweils formale wie auch die zeitgeschichtlich bezogene mentale Entwicklung des Lyrikers Niekrawietz anhand der dargebotenen Fassungen und Varianten zu den einzelnen Gedichten zu verfolgen und zu bewerten. Deutlich werden so die Werk- und Lebensspuren, die bei der Lektüre wie auch bei der Interpretation der einzelnen Gedichte bedacht werden können und sollten. Eine Ausgabe sämtlicher Gedichte nach der strengen Chronologie ihrer Erstdrucke und eingebunden vor allem in ihren zeitgenössischen Kontext böte dem interessierten Leser aufschlußreichere Einblicke in die mentale und formale Entwicklung des Lyrikers Hans Niekrawietz und zeigte deutlicher den zeitbedingten Wandel seiner Lyrik im Laufe der Jahre. An solchen und ähnlichen Fragen, die das Werk dem Leser stellt, wird deutlich, daß diese verdienstvolle Edition, die ja keine historisch-kritische Ausgabe sein will, auch den professionellen Germanisten reichlich Stoff zu Diskussionen bieten und hoffentlich auch Anlaß zu einer historisch-kritischen Edition sämtlicher Werke von Hans Niekrawietz werden dürfte.

Jenseits solcher Anmerkungen und Fragen ist es ein bleibendes Verdienst des Herausgebers, daß er mit dieser Leseausgabe das lyrische Gesamtwerk von Hans Niekrawietz in seiner Themen- und Motivvielfalt zugänglich macht und verständnisvoll wie sachkundig erschließt. Der Leser wird so immer wieder gefangengenommen von dem lyrischen und synästhetischen Reiz, den die Gedichte von Hans Niekrawietz ausstrahlen: „alles Verse, die“ – wie Heinrich Koitz schrieb – „nicht  so schnell vergehen werden, weil sie innerliches Leben haben und jene Reife besitzen, die Form und Inhalt miteinander verschwistert“.

Hans Niekrawietz: Sämtliche Gedichte. Mit Anmerkungen und einem Nachwort herausgegeben von Gerhard Kosellek, Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn, Würzburg 2007, 540 S., 24,90 Euro

Ernst Josef Krzywon (KK)

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