Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1219.

Malen als Ereignis

Betrachtungen zur Kunst des František Kyncl anläßlich der Eröffnung einer Ausstellung im Düsseldorfer Gerhart-Hauptmann-Haus

Auf relativ kleinem Raum zeigte eine Ausstellung im Gerhart-Hauptmann-Haus eine Retrospektive des gesamten Werks von František Kyncl – von den frühen realistischen Gemälden, die in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts in der Tschechoslowakei entstanden sind, bis hin zu den skizzenhaften abstrakten visionären Zeichnungen aus den letzten Jahren. Dazwischen standen frühe figurative Zeichnungen, ungegenständliche  Strukturen.

Sichtbar wird dadurch ein faszinierend weit ausschwingendes künstlerisches Werk, in dessen Zentrum die Öffnung neuer bildhafter Räume steht. Ich habe die Entwicklung des Werks in den letzten dreißig Jahren in Düsseldorf unmittelbar mitverfolgen können, und dabei gab es immer wieder Überraschungen. Es liegt fast zwanzig Jahre zurück, da erreichte mich ein Telefonanruf von František Kyncl. Er sprach von einer technischen Entdeckung, einer neuen künstlerischen Arbeit. Ich sollte unbedingt ins Atelier kommen. Ich traf den Künstler, wie er vor einer langsam rotierenden großen Trommel stand, die mit Papier bespannt war. František Kyncl hatte eine Art Malmaschine erfunden. Wie in einem pausenlosen Exerzitium setzte er im Takt von Klängen, die er über Kopfhörer wahrnahm, einzelne Pinselstriche auf das karussellähnlich vorbeilaufende Papier. Immer wieder einzelne Striche. Ein tagelanger, ein wochenlanger Prozeß war dies, bis sich hier aus vielen kleinen farbigen und schwarzweißen Partikeln der Kosmos eines großen Bildes entwickelt hatte.

Diese Malmaschine war um so überraschender, als sich František Kyncl zuvor jahrelang vor allem mit skulpturaler Arbeit befaßt hatte. Aus kleinen Bambusholzstäben, die sich zuerst zum Dreieck, dann zum Tetraeder zusammenfügten, entstanden weit in den Raum ausufernde plastische Strukturen. Diese Raum-Gitter-Strukturen wurden nun mit Hilfe der neuen Trommelmaschine malerisch umgesetzt, erweitert, zum farbigen Klingen gebracht.

Die Malerei im Takt der Töne und Geräusche, nach dem Puls der Musik, war nicht von Gefühlen, Emotionen, Rausch der Farbe angetrieben. Sie war geplant, gesteuert, entstand im Rhythmus der Mechanik, der Maschine, und sie gab dennoch dem momentanen Zufall ein weites freies Feld. Die einzelnen Pinselstriche waren nicht voraussehbar.

Aus dem spontanen Spiel des Zufalls entwickelte sich ein kohärenter malerischer Kosmos voller Überraschungen, eine Struktur geprägt von Variationsreichtum. Ein Vergleichsbeispiel aus der Natur: Keine Schneeflocke gleicht der anderen trotz der ähnlichen kristallinen Gestalt. Dies gilt auch für František Kyncls „Phonetische Strukturen“, sie erscheinen auf den ersten Blick allesamt ähnlich prismatisch, konstruktiv, mathematisch klar, doch aus dem Gesetz der Form entwickelt sich dann Vielfalt, Variantenreichtum, ein phantastisches Universum.

Gehen wir noch einmal zurück ins Atelier von 1980. Die Trommel rotiert langsam mitsamt den aufgespannten malerischen Bahnen. Von dem Tonband erklingen Rhythmen, Geräusche, Musik, vom Künstler zum Teil selbst arrangiert. Er hatte Geräusche der Straße, des Autoverkehrs aufgenommen, hatte dazu auch selbst gesungen, das war der futuristische Teil des musikalischen Programms: Die Straße dringt ins Zimmer und damit ins Bild. Kyncl malte aber auch nach Klarinettenklängen, die speziell Andreas Brüning beitrug. Er ließ sich ebenso von Steve Reich wie von Tschaikowskij inspirieren. Der Rhythmus dieser Musik, dieser Töne schlug sich direkt malerisch nieder.

Malerei stand in der weiteren Entwicklung des Werks von Kyncl nun gleichrangig neben Skulptur. So wie durch seine offenen skulpturalen Bambusholzgitter gleichsam der Wind weht, so wie sich das plastische Universum dreidimensional öffnet, brachten nun auch die gemalten und gezeichneten Strukturen die Transparenz des Raums in die Fläche. In den folgenden Werkreihen wurde dann auf die Malmaschine, auf die Trommel verzichtet. Wie Prägedrucke wurden nun aus Holzstäben gebildete Reliefplatten in feuchte Papierbögen gepreßt. Die so entstehenden Gittermuster wurden mit Rollen eingefärbt. Neben großen monochromen Gemälden entstanden polychrome, bei denen der Farbauftrag ständig wechselte. Solche Blätter auf einzelnen Papierbögen wurden nebeneinander auf die Wand gesetzt und schlossen sich zum Block, zum Wandbild. Auch hier entstand aus einer Addition der Einzelblätter ein schwingender, leuchtender räumlicher Rhythmus. Die malerischen Blöcke konnte man 1992 auf František Kyncls großer Einzelausstellung im Kunstmuseum Düsseldorf sehen, anschließend im Museum in Brünn als der zweiten Station der Ausstellung.

Böhmische Architektur spielt in Kyncls Werk eine gewissermaßen initiierende Rolle. In den Dekorationen der barocken Kirchen hat er in seiner Jugend erstmals sinnlich erfahren, wie sich Wände malerisch öffnen. Der böhmische Barock stand dem Künstler bei seinen späteren Visionen von einem Gesamtkunstwerk aus Malerei, Skulptur, Architektur und Musik häufig vor Augen.

Und noch eins zeigt das Werk, nämlich daß Mathematik und Kunst miteinander harmonieren und doch Antipoden sind und bleiben. Kyncls Werk weist klare Strukturen auf, es läßt sich aber nicht mathematisch berechnen. Kunst bringt ein neues Element ins Spiel, das neue Sichten erschließt. Es war ein weiter, in sich konsequenter Weg, auf dem Kyncl diese visionäre Kraft sich erarbeitet hat.

Stephan von Wiese (KK)

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