Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1311.

Man sieht nur, was man weiß

Man sieht nur, was man weiß

Diese Erkenntnis der Reiseführer – gälte sie doch nur auch den Görlitzer Ausstellungsmachern mehr

Görlitz ist eine wunderschöne Stadt. Das gilt jedenfalls für die deutsche, die westliche Altstadtseite. Mit der 3. Sächsischen Landesausstellung „Via Regia“ wird 2011 eine Thematik von großer Symbolkraft aufgegriffen. Sie weist den Weg nach Görlitz von Ost wie von West. Dieser Beitrag beruht auf eigenen Eindrücken und unterscheidet sich damit von dem Pressetext der KK-Ausgabe 1309. Es scheint wichtig, einen ungeschminkten Beitrag zu leisten, der durchaus anders ausfällt oder gar mißfällt.
 
 

Die Stadt Görlitz und ihr Kulturhistorisches Museum können sich glücklich schätzen. Für die Landesausstellung wurde in einer mehrjährigen Sanierung bis kurz vor der Eröffnung das Ausstellungsgebäude Kaisertrutz am Zugang zum Obermarkt aufwendig restauriert. Für die bauliche Ertüchtigung sind sechs Millionen Euro aus Landesmitteln ausgegeben worden.
Die Ausstellung „Via Regia“ ist in der Stadt allgegenwärtig wahrnehmbar, durch Hinweisschilder, durch Werbung und natürlich durch das Umfeld des Ausstellungsbaues. Das alles ist notwendig bei einem Großansturm von Gästen, das alles ist aber auch Ausdruck fast unbegrenzter finanzieller Mittel und eines gewissen Perfektionismus.

Reden wir erst am Ende von den Kosten und erst einmal weiter von der thematischen Umsetzung. Wie „verbildlicht“ man eine „Via Regia“ oder „Hohe Straße“, eine mittelalterliche Handelsverbindung? Hier setzt die Unschärfe der Umsetzung ein. Der politische Wille einer Ost-West-Verbindung mit einer gesamteuropäischen Dimension von Santiago de Compostella bis Kiew hat zu der netten Idee eines bunt beklebten Autos mit viel Werbematerial geführt, das auf dieser Strecke eingesetzt und filmisch in Szene gesetzt wurde. Die erste Ausstellungsetage läßt sich damit selbstgefällig füllen. Man kann an PC-Monitoren die imaginäre Route der Via Regia mit Autobahnstandards verfolgen, sich Informationen zu vielen Städten ansehen und auch die Videofilme vom Einsatz des Via-Regia-Werbewagens ansehen. Das ist nett und verbindend, aber auch beliebig.

In den drei weiteren Etagen sieht man jeweils etwas mehr als 100 Exponate. Sie wurden mit großem logistischem Aufwand ausgeliehen, viele in Polen, weniger in Tschechien und ein paar auch in der Ukraine. Doch je Etage finden sich nur ein Leittext an der Wand sowie auf dem ausgegebenen Audioguide bis zu acht Geschichten. Die weitere Konzeption und Zusammenstellung, die Exponatabfolge und die Bezüge erschließen sich nur aus dem guten Katalog. Immerhin haben die Ausstellungsmacher noch ein Erläuterungsheft herausgegeben und verteilen es gratis. Denn die schönsten Objekte nutzen nichts ohne Einordnung. Was soll ein Gemälde des schlesischen Barockmalers Michael Willmann in der Ausstellung, wenn sein Name und Wirkungsfeld nicht beim Objekt beschrieben wird? Warum hängen zahlreiche Riesengebirgsgemälde in der Ausstellung, wo dieses Gebirge nicht an der Via Regia liegt? Beim genaueren Hinsehen und viel Hintergrundkenntnis ergeben sich die Zusammenhänge. aber diese Bildung kann nicht vorausgesetzt werden. Ebenso ist es mit den vielen aufgeschlagenen Büchern oder den Urkunden, die alt und ehrwürdig sind, deren bloße Titelblätter oder untranskribierten Texte jedoch keinen Erkenntnisgewinn bringen.

Es gibt auch viel famose Technik. Vor einem Bilderrahmen kann man sich digital fotografieren lassen und das Bild als E-Mail an eine beliebige E-Post-Adresse senden. In den Fensternischen dieser Etage hängen dann zahlreiche Monitore, die persönliche Porträts in elektronischer Endlosschleife zeigen. Ist das ein wirklicher Gewinn für die Ausstellung und somit eine notwendige Ausgabe? Schließlich ist das sehr beachtliche Budget von 5 (i.W. fünf) Millionen Euro ausgegeben worden.

Im Senckenberg Museum für Naturkunde gibt es dafür eine wirklich sehenswerte Ausstellung über die naturräumlichen Aspekte im näheren Görlitzer Umfeld der somit sagenhaften Via Regia. Wie wurde dort gejagt, welche landwirtschaftlichen Produkte wurden dort angebaut, wie hatten Nutzpflanzen (Flachs und Waid) Auswirkung auf die Produktion und den Handel? All dies sind interessante Fragen, die sicherlich auch noch besser zur Geltung kämen, wenn eine Fotoausstellung über Namibia in einem Nebenraum zu einem anderen Zeitpunkt ins Programm genommen worden wäre und damit mehr Platz zur Verfügung gestanden hätte.

Auch das Schlesische Museum zu Görlitz hat eine Rolle im Via-Regia-Konzept bekommen. Dort wird die Bevölkerungsveränderung der Grenzstädte Mitte des 20. Jahrhunderts betrachtet. Zehn durchschnittliche Geschichten von Zeitzeugen wurden ausgewählt, obwohl es sicher einzigartigere gibt. So ist eine 40minütige Installation entstanden, die den Eindruck eines modernen Klangkunstwerkes macht. Ist man allein im Ausstellungsraum, was den Besuchern wohl häufiger vergönnt ist als der Museumsleitung lieb, so wird man sich vom Ton anziehen lassen können und auf den gerade sprechenden Bildschirm auch zuzugehen vermögen. Bei mehreren Besuchern verwirrt alles, und der Ton mag dann auch für die durchweg älteren Gäste zu leise sein. Ob solch eine Installation abgesehen vom erheblichen Aufwand und ebenfalls hohen Kosten wirklich ein adäquates Angebot oder eben eine der Thematik angemessene Darstellung ist?

Dazu lohnt der Eindruck von der vierten Ausstellung in Görlitz, die beim neuen Lausitzer Museum auf der Zgorzelecer Neißeseite in einem kleinen Gebäude zu sehen ist. Auf diese Ausstellung wird man trotz aller Guides und gutgemeinten Werbeträger in der Stadt ebenfalls nicht sofort aufmerksam. Welcher Gast hat auch Zeit, sich gleich vier Ausstellungen anzusehen? Doch es ist fast spektakulär, ja eine für Görlitz neue Dimension, daß ein polnisches Museum den Neuzuzug der Polen, und das heißt ja auch Auszug / Abschub / Vertreibung der Deutschen, so detailliert und vielseitig beschreibt. Da wird die Ausplünderung der Deutschen behandelt, da kommt die unbefriedigende Versorgung in der Randlage an einer auch aus polnischer Sicht unsicheren Grenze zum Ausdruck. Diese Ausstellung, durchgängig deutsch- und polnischsprachig, ist so vielfältig und auch mit bescheidenen Mitteln attraktiv gestaltet, daß sie mehr Zeit und Aufmerksamkeit erfordert sowie Erkenntnisgewinn bringt als die High-Tech-Variante des Schlesischen Museums.

Übrigens hat das Schlesische Museum zu seiner Ausstellung einen Katalog herausgegeben, der mit künstlerischen Installationsbildern aufwartet und so gar nicht mit der schwierigen Thematik im Rahmen transnationaler Erinnerungskultur harmoniert. Ob sich die große Experimentierfreude bewährt und einen tragfähigen Zukunftsweg weist? Sind solche Experimente eigentlich in Zeiten knapper öffentlicher Mittel vertretbar? In Görlitz kann man sich darüber sein eigenes Bild machen. Offenkundig sind es aber weniger Besucher, ist der Ansturm auf die Landesausstellung magerer als angenommen und am Ende gar so enttäuschend wie die Witterungserwartungen an den Sommer 2011. All das sind subjektive Wahrnehmungen, doch mit einfachen Werbebotschaften sollte sich niemand zufrieden geben.

Heinz Bartenstein (KK)

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