Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1329.

Mancherorts ist Geschichte noch vergangener

Die jüdische Gemeinschaft der Stadt Kempen, Provinz Posen

MancherortsDie Stadt Kempen/Kepno im südlichen Teil der Woiwodschaft Großpolen kann auf eine jahrhundertelange Geschichte zurückblicken. Die älteste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1282. Nach einer ersten Blütezeit verlor der Ort an Bedeutung angesichts des Aufschwungs der benachbarten neuen Stadt Baranow. 1660 wurden Kempen von König Johann II. Kasimir jedoch erneut die Stadtrechte verliehen.

Das neue Kempen war von Beginn an eine multikulturelle Stadt: Neben der örtlichen polnischen Bevölkerung lebten hier auch Neusiedler aus Schlesien und Juden. Besonders letztere Bevölkerungsgruppe wuchs rasch an Zahl. Jüdische Siedler kamen nicht nur aus anderen polnischen Städten, sondern auch aus den benachbarten schlesischen Kreisen. Ihnen und ihren Nachkommen gewährte der Stadtobere Marcin Olszowski 1674 ein besonderes Siedlungsprivileg. Man erlaubte ihnen eine Synagoge und ein Rabbinerhaus zu bauen, ein eigenes Schulgebäude, eine Badeanstalt und weitere Einrichtungen, die für das Funktionieren ihrer Kultusgemeinde notwendig waren. Auch ein Grundstück für den Friedhof wurde ihnen zugeteilt.

Die jüdische Gemeinschaft konnte in Handel, Handwerk, Finanzsektor sowie im Gerichtswesen viele Vorrechte nutzen. Die vorteilhaften Lebensbedingungen, die seitens der Stadtobrigkeit für die neuen Siedler geschaffen wurden – hinzu kam die günstige Lage in der Nähe der schlesischen Grenze am „königlichen“ Weg, der Breslau mit Warschau verband –, trugen dazu bei, dass die Anzahl der Stadteinwohner und ihr Vermögen kontinuierlich wuchsen. In Joachim Christoph Friedrich Schulz’ „Reise nach Warschau – Eine Schilderung aus den Jahren 1791–1793“ heißt es über die Stadt: „Kempen ist ein ziemlich nettes Städtchen, die Einfahrt in die Stadt ist sauber, der Marktplatz ist groß und umsäumt von gepflegten Häusern, viele von ihnen liegen außerhalb des Marktplatzes. Obwohl sie aus Ziegeln errichtet wurden, gefallen sie mir. Ich reiste durch Polen und Litauen, dort wurden nur Holzhütten gebaut. Wir erreichten schon die Grenze zu Schlesien, und dem Einfluss dieser Nachbarschaft verdanken wir, dass die Umgebung, die Wälder, die Felder und die Städtchen besser gepflegt werden, und sie sehen besser und sauberer aus.“ Das wirtschaftliche Leben der Stadt wurde zunächst von der jüdischen und der evangelischen Gemeinschaft bestimmt. Nach einiger Zeit errangen jüdische Unternehmer, Kaufleute und Handwerker jedoch eindeutig eine Führungsposition. Auf die herausragende wirtschaftliche Aktivität der Juden in Kempen machte August C. Holsche aufmerksam, der Ende des 18. Jahrhunderts als preußischer Beamter in der Kreisstadt Petrikau tätig war. Über den damals zugleich blühenden Schmuggel schrieb u. a. Manfred Laubert in seiner kleinen Skizze „Eine Episode aus dem Schmugglerwesen unserer Provinz“. Laubert verdächtigte zugleich pauschal die Stadtbewohner der Beteiligung am Schmuggel und sonstigen illegalen Transaktionen.

Unter den jüdischen Stadtbewohnern und ihren Nachfahren waren zahlreiche Persönlichkeiten, die sich große Verdienste um Wissenschaft, Kultur und Kunst erwarben. Dies spricht für den Reichtum des geistigen Lebens im südlichsten Ort der Provinz Posen.

Neben den vielfältigen Verbindungen in die Provinzhauptstadt Posen gab es intensive Beziehungen zur näher gelegenen und weit bedeutenderen Universitätsstadt Breslau. Hier wie auch in Berlin absolvierten die herausragendsten Vertreter der jüdischen Gemeinschaft aus Kempen ihre akademische Ausbildung und Studien, allen voran die gelehrten Rabbiner. Unter ihrer Obhut entwickelte sich eine nächste Generation, die ihrer geistlichen Berufung in den Synagogen von Berlin, Trier, Mannheim, Bayreuth und anderen deutschen Städten nachging. Einige der berühmten Schriftgelehrten, deren Namen mit Kempen verbunden sind, waren etwa Meschullam Salomon Cohn, Izrael Jonas Landau oder Jacob Symcha Rehfisch.

Mit der Stadt Kempen sind auch bedeutende Vertreter der Wissenschaft verbunden. Man kann zunächst Gustav Born erwähnen, Anatomieprofessor an der Universität Breslau und Vater des Nobelpreisträgers Max Born (1954). Die Liste kann erweitert werden: Eugen Rehfisch, Vorreiter der Urodynamik, Hermann Aron, Elektrotechniker, Erfinder und erfolgreicher Unternehmer, oder der Archivar und Historiker Adolf Warschauer. In Kempen war zudem Dr. Louis Levin als Rabbiner tätig, der sich als Autor zahlreicher Arbeiten über die Geschichte der Juden im Posener Land einen Namen machte.

Einer der berühmtesten deutschen Theaterkritiker am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war Alfred Kerr. Jedoch nur die Wenigsten wissen, dass Kerrs Vorfahren aus Kempen stammen – ursprünglich hieß er Kempner. Hier wie später auch in den Nachbarstädten Praschkau und Welun lebten zahlreiche Angehörige seiner Familie. Einige von ihnen kamen dort als Kaufleute und Unternehmer zu Ansehen und Besitz. Dies gilt in besonderem Maße für Joachim Kempner, den Großvater von Alfred Kerr. Ihm gehörte die einzige Fabrik in Praschkau, offenbar ein eisenverarbeitender Betrieb. In dem von Joseph Chapiro herausgegebenen „Buch der Freundschaft für Alfred Kerr“ schrieb dieser über seinen Vater und Großvater: „Ich bin zu Breslau in der Weihnacht 1867, nicht lange nach zwölf Uhr, geboren als Sohn des Weinhändlers Emanuel Kempner, der ursprünglich Maler hatte werden wollen; den aber seine patrizischen, in dem Städtchen Wielun an der oberschlesisch-polnischen Grenze sesshaften, von der  Durchschnittseinwohnerschaft bewusst abgesonderten, recht wohlhabenden Eltern für den Kaufmannsberuf nach Berlin schickten.“

Die Welt der Juden aus der Stadt Kempen gehört der Vergangenheit an. Man kann dort nicht mehr die Musik einer Klezmerkapelle hören, die an die galizischen Musiktraditionen erinnert und auf Jiddisch singt.

Es erklingt auch keine Mazurkamelodie wie „Unser Chłopicki, ein tapferer Soldat“ (General Józef Grzegorz Chłopicki war polnischer Oberbefehlshaber während des Aufstands 1830/31), wie zufällig eingeflochten in die hebräischen Lieder, die während der Konzerte in der örtlichen Synagoge gespielt wurden. Diese Welt ist für immer untergegangen.

Nur wenige Bauten erinnern an die einstigen Einwohner. Zum Glück versucht man jedoch zunehmend, diesen Teil der Stadtgeschichte dem Vergessen zu entreißen. In Kempen werden neue Projekte ins Leben gerufen, deren Ziel die Erinnerung an eine Stadtgeschichte ist, die von Deutschen, Polen und Juden, Gläubigen dreier Konfessionen, getragen und gestaltet wurde. Am 25. September 2008 fand vor dem Synagogengebäude ein viel beachtetes ökumenisches Gebet statt. Es wurde von Icchak Rapoport, den Hauptrabbiner von Breslau und Schlesien, Pfarrer Kanoniker Krzysztof Nawrocki und Pastor Michal Kühn geleitet. 2009 wurde eine notarielle Urkunde unterzeichnet, mit der der Rat der jüdischen Glaubensgemeinschaft in der Republik Polen das Synagogengebäude an die Verwaltung der Stadt Kempen übergab. Das Gebäude soll in Zukunft kulturellen Zwecken dienen.

Juden, Polen und Deutsche haben über Jahrhunderte gemeinsam die Geschichte der Stadt Kempen geprägt. Ihr Zusammenleben hat eine ganz eigene lokale und regionale Kultur geschaffen, die mit der Shoa, dem NS-Terror im besetzten Polen und Flucht und Vertreibung der deutschen Einwohner unwiederbringlich ihr Ende gefunden hat. Diese Kultur wird heute wiederentdeckt und dokumentiert als Bestandteil einer umfassenderen europäischen Erinnerungskultur und als gemeinsames Erbe. Sie mahnt zugleich an die Menschen, die mit Kempen ihr Leben, ihre Wünsche, Hoffnungen und Träume verbunden haben.

Magdalena Oxfort, Zdzislaw Wlodarczyk (KK)

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