Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1300.

Manchmal altmeisterlich, nie altbacken

Der zeichnende Erzähler Reiner Zimnick

Japanisch, Katalanisch, Niederländisch, die Bantusprache Xhosa, Baskisch, Afrikaans, Schwedisch, Dänisch, Finnisch und Tschechisch – dies sind die Sprachen, in die die Bücher Reiner Zimniks (vorwiegend sogar in den letzten Jahren) übertragen wurden; und in die gängigen Weltsprachen ohnehin. In einer persischen Ausgabe erschienen „Die Trommler“ 2004 sogar im iranischen Teheran. Dieser gar nicht verwunderlichen Wertschätzung im Ausland entspricht ein sonderbares Ignorieren seines Werkes im deutschen Sprachraum. Reiner Zimnik – ein Name, den keiner mehr nennt (und kennt)?

Fest steht: Das Fachjournal „Gebrauchsgraphik“ irrte in seiner Septemberausgabe des Jahres 1955, als es prophezeite, mit Zimniks Zeichnungen und Geschichten „ließe sich ein Welterfolg erreichen, wie ihn vor Jahren die Pariser Librairie Hachette mit den unvergessenen Elefantengeschichten ‚Babar‘ buchen konnte“. Solchen Ruhm erlangte der 1930 geborene Reiner Zimnik nie, stets blieb er etwas für eine überschaubare Zahl von Connaisseurs, mochte auch Joachim Fuchsberger seinen „Jonas, den Angler“ lesen, mochten seine künstlerischen Arbeiten auch in Zürich in der Galerie des renommierten Diogenes-Verlegers Daniel Keel ausgestellt werden, mochte er auch Bücher von Joachim Hackethal, Walter Henkels und Gerhard Polt illustrieren.

Der Vater war im Krieg gefallen, Zimniks Mutter wurde mit ihren fünf Kindern aus dem oberschlesischen Beuthen vertrieben und fand Unterkunft bei Verwandten in Landshut in Niederbayern. Wer als Erwachsener Geschichten erzählen will, sollte, wie Zimnik, bereits als Kind Geschichten gelauscht haben.

Der Mutter habe er seine Begabung zu verdanken, teilte er später mit: „Nach meiner Flucht aus meiner ursprünglichen Heimat und meiner beschirmten Kindheit, da ging es uns schlecht. Da hat uns in unserer Armut für ungeliebte Arbeiten – zum Beispiel Holzsammeln im Wald – unsere Mutter als Belohung immer eine (erfundene) Geschichte erzählt.“ Doch es lag in jenen Jahren nahe, das Handwerkszeug für einen Brotberuf zu erlernen, folglich absolvierte der junge Zimnik eine Schreinerlehre (weshalb er – eine seltene Doppelbegabung – die Rahmen seiner Bilder selbst fabrizieren kann). Gleichwohl siegte das Faible fürs Künstlerische: er holte das Abitur nach, um ab 1952 vier Jahre Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste in München zu studieren.

In rascher Folge erschienen von 1954 bis zu den frühen siebziger Jahren knapp zwanzig Bücher, die literarisch wie zeichnerisch von gleicher hoher Bedeutung sind. Einzelgänger, liebenswerte Außenseiter sind es zumeist, die Zimnik zeichnend und erzählend präsentiert, ebenso poetisch wie melancholisch.

Zimnik wandte sich gleichermaßen an Kleine wie an Große, doch für Kinder war der Stoff mitunter etwas zu niveauvoll ernst, für Erwachsene hingegen manchmal wohl etwas zu kindlich verspielt. Dem „Kinderbuchkönig“, so die „Zeit“ 1980, mangelte es ein wenig an dem, was man später ‚Zielgruppenorientierung‘ nennen sollte. Als die Abstraktion en vogue war, als die Intellektualität der Nachkriegsjahre überwiegend der Ungegenständlichkeit huldigte, hielt Zimnik antizyklisch dagegen: er modernisierte die altmeisterliche Federzeichnung, ein wenig an Paul Flora erinnernd, und schuf schöne Sätze, die nie vergißt, wer sie einmal gelesen hat: „Was die Jagd in den Wäldern so schwierig macht, sind die Bäume.“

Die größten Erfolge gelangen Zimnik mit seinem bayerisch grantelnden „Sebastian Gsangl“ und der Figur des „Lektro“, eines liebenswerten Männleins wie du und ich, das sich chaplinesk müht, im (e)lektronischen Zeitalter seinen eigenen Weg zu gehen und dabei integer zu bleiben. Als das Fernsehen noch jung war und neben Masse auch einige Klasse produzierte, wurde der „Lektro“ sogar televisualisiert. Von 1959 bis 1964 zeigte das Fernsehen Lektro-Geschichten; ruhig und bedächtig, ohne die heute üblichen schnellen Schnitte. Aus „hundert Tuschzeichnungen, zehn Seiten Text und ein paar Takten Musik“ entstand, so der „Spiegel“ im Januar 1961, ein „Kabinettstück des Schmunzelhumors“.

Als Zimnik das Bücherschreiben und Büchermalen reduzierte und sich auf die freie bildende Kunst verlegte, sank seine Popularität, denn seine Zeichnungen – verstörende Frauenakte und vermummte Männer im Schneegestöber – entzogen sich der leichtfertigen Deutung eines breiteren Publikums.

Seit fast fünfzig Jahren nun lebt Zimnik in München, in der Veterinärstraße in Schwabing zwischen Universität und Englischem Garten. Am 13. Dezember wird er 80 Jahre alt – und es wäre an der Zeit, sein Gesamtœuvre aus 55 Jahren in einer angemessen würdigen Ausstellung zu präsentieren und ihm auch in Deutschland (wieder) jene Anerkennung zu verschaffen, die ihm gegenwärtig vorwiegend im Ausland zuteil wird. Wer sich einen ersten Überblick verschaffen möchte, der greife zum „Großen Reiner Zimnik Geschichtenbuch“, 2003 in zweiter Auflage in seinem Zürcher Hausverlag Diogenes erschienen, mit elf seiner frühen Bildgeschichte.

Martin Hollender (KK)

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